Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Palaeophron und Neotcrpe.

525

An der Seite des Verwandten,

Mit Vertrauen anzusehn!

Palaeophron.

Könnt' ich irgend einem FreundeMeine würdigen BegleiterAuf ein Stündchen überlassen,

That' ich es von Herzen gern!tleoterpe.

Wüßt' ich meine kleinen SchätzeIrgend jemand zu vertrauen,

Der mir sie spazieren führte,

Mir geschah' ein großer Dienst!

Palaeophron.

Mein lieber Griesgram! was ich dir bisher verschwieg,Entdeck' ich nun, so sehr es dich verdrießen muß.

Durch Stadt und Vorstadt zieht ein frecher Mann und lehrtUnd ruft: Ihr Bürger, merket auf mein wahres Wort!

Die Thätigkeit ist, was den Menschen glücklich macht;

Die, erst das Gute schassend, bald ein Uebel selbstDurch göttlich wirkende Gewalt in Gutes kehrt.

Drum auf bei Zeiten morgens! ja, und fändet ihrWas gestern ihr gebaut, schon wieder eingestürzt,

Ameisen gleich nur frisch die Trümmern aufgeräumt!

Und neuen Plan ersonnen, Mittel neu erdacht!

So werdet ihr, und wenn aus ihren Fugen selbstDie Welt geschoben in sich selbst zertrümmerte,

Sie wieder bauen, einer Ewigkeit zur Lust.

So spricht er thöricht und erreget mir das Volk;

Und niemand sitzt mir an der Straße mehr und klagt,

Und niemand stickt in einem Winkel jammervoll.

Ich brauche nicht hinzuzusetzen: Eile hin,

Und steure diesem Unheil, wenn es möglich ist!

(Griesgram ab.)

Dich aber, edler Haberecht, beleidigt manNoch ärger fast; denn in den Hallen an dem MarktLäßt sich ein Fremder hören, welcher schwört,

Es habe grade Haberecht darum kein Recht,

Weil er es immer haben und behalten will.

Es habe niemand Recht, als wer den WiderspruchMit Geist zu lösen, andre zu verstehen weiß,

Wenn er auch gleich von andern nicht verstanden wird.Dergleichen ketzerische Reden führet er.

(Haberecht eilig ab.)

Du eilest fort zu kämpfen? Ich erkenne dich!

tleoterpe.

Du hast die beiden wilden Männer fortgeschickt;

Um meinetwillen, merk' ich wohl, ist es geschehn.

Das zeiget gute Neigung an, und ich fürwahrBin auch geneigt, die kleinen Wesen hier, die dirVerdrießlich sind, hinwegzuschicken, wenn ich nurAuch sicher wäre, daß Gefahr und Noth sie nichtErgreifen kann, wenn sie allein im Volke gehn.

Palaeophron.

Kommt nur! ich geb' euch beiden sicheres Geleit.

(Die Kinder treten aus dem Asyl vor den Alten.)

Geht nur, ihr Kinder! doch erfüllet mein Gesetz,

Das ich euch wohlbedächtig gebe, ganz genau.

Gelbschnabel soll dem Griesgram, wie der NaseweisDem Haberecht beständig aus dem Wege gehn;

So wird es Friede bleiben in der edlen Stadt.

(Die Kinder gehen ab.)

tleoterpe

(die aus dem Astzl tritt und sich »eben den Alten auf die Mauer setzt).Ich steige sicher nun herausUnd komme dir vertraulich nah.

O! sieh mich an und sage mir:

Ist möglich die Veränderung?

Du scheinest mir ein jüngerer,

Ein rüstig frischer Mann zu seyn.

Der Kranz von Rosen meines Haupts,

Er kleidete fürwahr dich auch.

Palaeophron.

Ich selber fühle rüstigerIn meinem tiefen Busen mich;

Und wie du mir so nahe bist,

So stellst du ein gesittetesUnd lieblich ernstes Wesen dar.

Der Bürgerkranz auf meinem Haupt,

Von dichtem Eichenlaub gedrängt,

Auf deiner Stirne säh' ich ihn,

Auf deinen Locken, wonnevoll.

tleoterpe.

Versuchen wir's und wechseln gleichDie Kränze, die mit EigensinnAusschließend wir uns angemaßt.

Den meinen nehm' ich gleich herab.

(Sie nimmt die Rosenkrone herunter.)Palaeophron (der den Eichenkranz herabnimmt).

Und ich den meinen ebenfalls,

Und mit des Kranzes WechselscherzSey zwischen uns ein ew'ger BundGeschlossen, der die Stadt beglückt.

(Er setzt ihr den Eichenkranz auf.)

tleoterpe.

Des Eichenkranzes Würde sollMir immer sagen, daß ich nichtDer edlen Mühe schonen darf,

Ihn zu verdienen jeden Tag.

(Sie setzt ihm die Rosenkrone auf's Haupt.)

Palaeophron.

Der Rosenkrone MunterkeitSoll mich erinnern, daß auch mirIm Lebensgarten, wie vordem,

Noch manche holde Zierde blüht.

tleoterpe (indem sie auisteht und vortritt).

Das Alter ehr' ich; denn es hat für mich gelebt.

Palaeophron (indem er aufsteht und vortritt).

Die Jugend schätz' ich, die für mich nun leben soll.

tleolerpe.

Hast du Geduld, wenn alles langsam reifen wird?