Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Palaeophron und Neoterpe.

Verfolgt und in die Enge sie zuletzt gebracht.

Ihr seht es, wie ich hoffe, doch zufrieden an,

Daß ich ein Ende mache solchem Frevelgang.

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Holde Gottheit dieses Hauses,

Der die Bürger, der die FremdenAuf dem reinlichen AltareManche Dankesgabe bringen,

Hast du jemals den VertriebnenAufgenommen, dem VerirrtenAufgeholfen, und der JugendSüßes Jubelfest begünstigt;

Ward an dieser heil'gen SchwelleMancher Hungrige gespeiset,

Mancher Durstige getränket,

Und erquickt durch Mild' und Güte,

Mehr als durch die besten Gaben:

O! so hör' auch unser Flehen!

Sieh der zarten Kleinen Jammer!

Steh' uns gegen unsre Feinde,

Gegen diesen Wüthrich bei!

Palacophron.

Wenn ihr freventlich so langeGuter Ordnung euch entzogen,

Zwecklos hin und her geschwärmet,

Und zuletzt euch Sorg' und MangelAn die kalten Steine treiben,

Denkt ihr, werden gleich die GötterEuretwillen sich herniederAus der hohen Ruhe regen!

Nein, mein gutes, süßes Püppchen!

Sammle nach dem eignen HerzenDie zerstreuten Blicke nieder,

Und wenn du dich unvermögendFühlest, deiner Noth zu rathen,

Wende seitwärts, wende hieher,

Nach dem alten, immer strengen,

Aber immer guten Oheim,

Deine Seufzer, deine Bitten,

Und erwarte Trost und Glück.

Neoterpe.

Wenn dieser Mann, den ich zum erstenmal so nahJn's Auge fasse, nicht die allerhäßlichstenBegleiter hätte, die so grämlich um ihn stehn;

So könnt' er mir gefallen, da er freundlich sprichtUnd edel aussieht, daß man eines GöttlichenErfreulich schöne Gegenwart empfinden muß.

Ich dächt', ich wendete mich um und spräch' ihn an.

Palacophron.

Wenn dieses Mädchen, das ich nur von ferne sonstUnd auf der Flucht gesehen, nicht die läppischeGesellschaft mit sich schleppte, die verhaßt mir ist;

So müßt' ich wünschen, immer an der Seite mirDie liebliche Gestalt zu sehn, die Heben gleichDer Jugend Becher aus den holden Augen gießt.

Sie kehrt sich um, und spricht sie nicht, so ist's an mir.

ttrotrrpc.

Wenn wir uns zu den Göttern wenden, ist es wohlKein Wunder, da uns auf der Erde solche NothBereitet ist, und ich des edlen Mannes Kraft,

Die mich beschützen sollte, mir als ärgsten FeindUnd Widersacher finde. Solches hofft' ich nicht!

Denn da ich noch ein Kind war, hört' ich stets:

Der Jugend Führer sey das Alter; beiden sey,

Nur wenn sie als Verbundne wandeln, Glück bescheert.

Palacophron.

Dergleichen Reden hören freilich gut sich an:

Doch hat es allerlei Bedenkliches damit,

Das ich jetzt nicht berühren will. Doch sage mir:

Wer sind die Creaturen beide, die, an dichSo fest geschlossen, durch die Straßen ziehn?

Du ehrest dich mit solcherlei Gesellschaft nicht.

ttcoterpe.

Die guten Kinder! Beide haben das Verdienst,

Daß sie, so schnell als ich durch alles durchzugehnGewohnt, die Menge theilen, die ich finden mag.

Nicht eine Spur von Faulheit zeigt das junge Paar,

Und immer sind sie früher an dem Platz als ich.

Doch wenn du mich nach Eigenschaft und Namen fragst:Gelbschnabel heißt man diesen; heiter tritt er auf,

Und hat nichts Arges weiter in der argen Welt.

Doch diesen heißt man Naseweis, der flink und raschNach allen Gegenden das stumpfe Näschen kehrt.

Wie kannst du solchen guten, zarten Kindern nurGehässig seyn, die seltne Lebenszierden sind?

Doch daß ich dein Vertraun erwiedre, sage mir:

Wer sind die Männer, die, nicht eben liebenswerth,

An deiner Seite stehn, mit düsterm, wilden Blick?

Palacophron.

Das Ernste kommt euch eben wild und düster vor,

Weil ihr, gewöhnt an flache, leere Heiterkeit,

Des Augenblicks Bedeutung nicht empfinden könnt.Dagegen suhlet dieser Mann nur allzugut,

Daß in der Welt nur wenig zur BefriedigungDes weisen Mannes eigentlich gereichen kann.Griesgram wird er daher genannt. Er muß fürwahr,Wie ich es selbst gestehe, der bepflanzten WeltUnd des gestirnten Himmels HochzeitschmuckMit ganz besondern wunderlichen Farben sehn,

Die Sonne roth, die Frühlingsblätter braun und falb.

So sagt er wenigstens, und scheint gewiß zu seyn,

Daß das Gewölb des Himmels nächstens brechen wird.Doch dieser, den man Haberecht mit Recht genannt,Ist seiner tiefbegrllndeten UnfehlbarkeitSo ganz gewiß, daß er mir nie das letzte Wort,

Ob ich gleich Herr und Meister bin, gelassen hat.

So dienet er zur Uebung mir der Redekunst,

Der Lunge, ja der Galle, das gesteh' ich gern.

Uroterpc.

Nein, ich werd' es nie vermögen,

Diese wundervollen Fratzen,