Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Vorspiel zu Eröffnung des Weimarischen Theaters.

Ist über dieser Wolkendecke düstrer NachtKein Stern, der in der Finsterniß uns leuchtete?

Kein Auge, das heruntersah' auf unsre Noth?

O du, dem ich von Jugend auf hinangefleht,

Du, dessen heil'gen Tempel ich mit KinderschrittUnd Kindersinn erst, dann mit warmer, jugendlichBewegter Brust Hinanstieg, im vertrauendenAndächt'gen Chor der Aelteren und Aeltesten;

Mit heitrem, Festtags-sonnenhaftem Freudeblick,

Ein Danklied, ein Triumphlied deiner VaterkraftUnd Vatergüte tausendstimmig dargebracht:

Warum verbirgst du hinter düstern TeppichenDein Antlitz, deiner Sterne strahlende Heiterkeit?

Ist es dein ew'ger Wille? Sind es der NaturUnbänd'ge taube Kräfte, Dir im Widerstreit?

Dein Werk zerstörend, uns zerknirschend ....

(Naher Donner.)

Weh mir! Weh!

Vergebens alles! Immer wilder drängt's heran.

Die Elemente fassen sich, die tobenden;

Die Welle sprüht des Felsenwaldes Neste durch,

Und in dem blitzdurchflammten Aether schmelzen hinDie Gipfel, Gluthstrom stürzet um Verzweiflende.

(Es schlägt ein. Zugleich erscheint ein Wunder- und Trostreichen, derverehrten regierenden Herzcgin NamcnSzug im Skerndiide.)

Königlicher Saal.

Lik Majestät (im KrönungSornnt).Sicher tret' ich auf und glanzumgeben;

Jedes Auge freut sich meines Kommens,

Jedes Herz erhebt sich gleich zur Hoffnung,

Jeder Geist, schon schwelget er in Wünschen.

Denn die Weisheit, wandelt sie bescheidenUnter Menschen, lehrend, rathend, scheltend,

Wenig achtet sie der Haufe, leider öftersWird sie wohl verachtet und verstoßen;

Aber wenn sie sich zur Macht gesellet,

Neiget gleich sich die erstaunte Menge,

Freudig, ehrfurchtsvoll und hoffend, nieder;

Und wie vor Gewalt sich Furcht geflüchtet,

So entgegnet nun der Macht Vertrauen.

Hat Natur, nach ihrem dunklen Walten,

Hier sich Bergrelhn hingezogen, drobenFelsen ausgezackt, und gleich danebenUeber Thalgestein und Höhn und HöhlenHeilig ruhend alten Wald gepfleget,

Daß den unwirthbaren LabyrinthenSich der Wandrer grausend gern entzöge:

Sieh! da dringt heran des edlen MenschenMeisterhand; sie darf es unternehmen,

Darf zerstören tausendjähr'ge Schöpfung.

Schallet nun das Beil im tiefsten Walde,

Klingt das Eisen an dem schroffen Felsen,

Und in Stämmen, Splittern, Massen, TrümmernLiegt zu unbegreiflich neuem Schaffen

Ein Zerstörtes gräßlich durcheinander.

Aber bald dem Winkelmaaß, der Schnur nachRechen sich die Steine, wachsen höher;

Neue Form entspringt an ihnen, herrlichBildet mit der Ordnung sich die Zierde,

Und der alte Stamm gekantet fügt sich,

Ruhend bald und bald emporgerichtet,

Einer in den andern. Hohen GiebelsNeuer Kunstwald hebt sich in die Lüfte.

Sieh! des Meisters Kränze wehen droben,

Jubel schallt ihm, und den WeltbaumeisterHört man wohl dem irdischen vergleichen.

So vermag's ein jeder. Nicht der KönigHat das Vorrecht; allen ist's verliehen.

Wer das Rechte kann, der soll es wollen;

Wer das Rechte will, der sollt' es können,

Und ein jeder kann's, der sich bescheidet,Schöpfer seines Glücks zu seyn im Kleinen.

Der du an dem Weberstuhle sitzest,

Unterrichtet, mit behenden GliedernFäden durch die Fäden schlingest, alleDurch den Tactschlag aneinander drängest,

Du bist Schöpfer, daß die Gottheit lächelnDeiner Arbeit muß und deinem Fleiße.

Du beginnest weislich und vollendestEmsig, und aus deiner Hand empfängstJeglicher zufrieden das Gewandstück;

Einen Festtag schaffst du jedem Haushalt.

So im Kleinen ewig wie im GroßenWirkt Natur, wirkt Menschengeist, und beideSind ein Abglanz jenes Urlichts droben,

Das unsichtbar alle Welt erleuchtet.

Und so grüße jedes Land den Fürsten,

Jede Stadt den Aeltesten, der HaushaltGrüße seinen Herrn und Vater jauchzend,Wenn sie wiederkehren als die Meister,

Zu erbauen oder herzustellen.

Fromm erstehet Segen Euch von oben;

Aber Hülfe schafft Euch thätig wirkendSelber, und vertilget alle SpurenMeines Fußes, der gewaltig auftrat.

Und der Weise, der Verständ'ge, nehmeTheil an meiner Macht und meinem Glück hin!

Friede. Majestät.Majestät.

Sey mir gesegnet, Holdeste des Erdenstamms!

Friede.

Empfange gnädig deine treue Dienerin!

Majestät.

Du wirst als Herrin immer neben mir bestehn.