WaS wir bringen.
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Denn Geisterstimmen, wie aus tiefen Klüften,Vernehm' ich nah' und naher in den Lüften,Berhängnißvolle Wundcrtönc,
Die mir der Parzen nahe Zukunft deuten.
Ihr müßt auf eine andre Scene,
Auf Ernst und Feier euch bereite»:
Nicht günstig ist die Zeit den Scherzen;
Der Himmel selbst scheint sich zu schwärzen.
Doch fürchtet nicht! Die Seelen sauft berührenIst mir die viel willkommenere PflichtAls sie den Schatten zuzuführen;
Drum schaut getrost! es bleibe Licht!
Zweiter Auftritt.
Mercur.
Der Parzen jüngste seht ihr kommen,
Die aller Lebensfadcn spinnt;
Ernst ist sie zwar in sich genommen,
Doch allen Menschen hold gesinnt;
Und wie ich mag aus ihren Blicken lesen,
Ist heitrer dießmal ihr gefällig Wesen:
Gewiß, ein großes Werk ist ihr gelungen,
Worin der Welt ein Heil und euch entsprungen.
(Klotho laßt sich aus dem Felsen sehen.)
Dritter Auftritt.
Alotho (langsam heruntergekommen).
Ein würdig Daseyn ward von mir gesponnen,
Das, vollgedrängt, die goldne Spindel trägt;
Von guter Mischung hab' ich, wohlbesvnnen,
Gehalt und Kraft des Fadens angelegt;
Zum Heil der Menschen ward das Werk begonnen,
(Zu Mercur.)
Zu ihrem Heil in deine Hand gelegt;
Du wirst es dann der Schwester übergeben;
Sie weis' es aus zum Wirkungsreichen Leben.
Mercur.
Ein treffliches Gespinnst, muß ich bekennen:
Der Faden tüchtig und durchaus sich gleich,
Voll ächten Werths, an Wundergaben reich,
Wie ihren Lieblingen die Götter gönnen:
Des Sängers Mund, des Sehers hohe Kraft,
Des Arztes Kunst und tiefe Wissenschaft.
Llotho (gegen die Zuschauer gewendet)
Und dieses Leben sollt ihr billig kennen,
Das Land wohl kennen, dem es angehört,
„Das immerdar in seiner Fluren MitteDen deutschen Biedersinn, die eigne Sitte,
Der edlen Freiheit längsten Sproß genährt,"
Das meerentrungne Land, voll Gärten, Wiesen,
Den reichen Wohnsitz jener tapfern Friesen.
(Klotho ab. Lachesis kommt, ein Kind trägt die Weife.)Goethe, Werke. I.
Mercnr
(reicht ihr nur den Faden hin, und behält die Spindel).
So übergeb' ich denn mit günst'ger ZungeDieß theure Pfand den theuren Pflegehänden;
Du legst es an, daß in der Zeiten SchwüngeSo edle Kräfte sich zum Zweck vollenden.
Lach csis
(sängt an zu weifen; etwas schnell, so daß der Faden einigemal her-umgebt).
Mercur.
Gemach! gemach! Nicht mit so raschem SprungeGeziemt solch Lebens hohen Werth vergeuden;
Bedenke, daß in jedem RadesschwungeDem Sterblichen sich Jahre vorbedenken!
Lachesis.
Nasch schlägt der Puls des jugendlichen Lebens,
Rasch schießt der Pflanze Trieb zum schlanken Kiel;
Die Jugend freut sich nur des Vorwärtsstrebens,
Versucht sich weit umher, versucht sich viel.
Der Kräfte Spielen ist drum nicht vergebens,
So kennt sie bald sich Umfang, Maaß und Ziel:
Der Most, der gährend sich vom Schaum geläutert,
Er wird zum Trank, der Geist und Sinn erheitert.
So vorgellbt an Geist und Willenskräften,
Zum Wissen wie zur Thätigkeit gereift,
Führt ihn Beruf zu stätigen Geschäften,
Die er mit Lust, zu sicherm Zweck, ergreift,
Weil That und Wissen sich zusammenheften;
Sich eins am andern nährend stützt und steift;
Und so von inn- und außen gleich berufen,
Ersteigt er hier des Lehramts hohe Stufen.
Nun öffnet ihm Natur den reichen Tempel,
Er darf vertraut, ihr Priester, darin walten;
Nun offenbart er sie durch Lehre, durch Exempel,
Ihr Wollen selbst muß sich in That gestalten;
Entziffernd leicht den viel vcrschlunguen Stempel,
Muß sich für ihn ein einfach Wort entfalten,
Da Erdentiefen und des Himmels SphärenNur ein Gesetz der Menschenbrust bewähren.
Den alten Ruhm, den vorverdiente GeisterFür diese Stadt durch Werk und Wort begründet,
Er setzt ihn fort, als weitgepries'ner Meister;
Der Tausende von Lernenden entzündet;
Ein solch Verdienst als Lehrer und als Leister,
Es bleibt dem Thron nicht länger unverkündet;
Der ruft das heilsam immer neue WirkenZu höherm Glanz nach weiteren Bezirken.
(Atropos erscheint in der Thür des Tempels, nähert sich langsam betfolgenden Versen.)
Und seinen! Herzen wird der reine Segen,
Von jenen Banden, jener Spannung frei,
Die fremde Macht und Satzung um ihn legenMit schwerem Dämvnsdruck der Tyrannei,
Sich wieder selbst, nach deutscher Art zu regen,
Nur seinem Gott, Gesetz und König treu:
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