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Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten.
hatten. Er fragte viel nach dem Mann mit der Lampe, nachden Wirkungen des heiligen Lichtes und schien sich davon fürseinen traurigen Zustand künftig viel Gutes zu versprechen.
Unter diesen Gesprächen sahen sie von ferne den maje-stätischen Bogen der Brücke, der von einem Ufer zum andernhinüber reichte, im Glanz der Sonne auf das wunderbarsteschimmern. Beide erstaunten; denn sie hatten dieses Gebäudenoch nie so herrlich gesehen. Wie! rief der Prinz, war sie nichtschon schön genug, als sie vor unseren Augen wie von Jaspisund Prasem gebaut dastand? Muß man nicht fürchten sie zubetreten, da sie aus Smaragd, Chrysopras und Chrysolithmit der anmuthigsten Mannichfaltigkeit zusammengesetzt er-scheint? Beide wußten nicht die Veränderung, die mit derSchlange vorgegangen war; denn die Schlange war es, diesich jeden Mittag über den Fluß hinüberbäumte, und in Ge-stalt einer kühnen Brücke da stand. Die Wanderer betraten siemit Ehrfurcht und gingen schweigend hinüber.
Sie waren kaum am jenseitigen Ufer, als die Brücke sichzu schwingen und zu bewegen anfing, in kurzem die Oberflächedes Wassers berührte und die grüne Schlange in ihrer eigen-thümlichen Gestalt den Wanderern auf dem Lande nachgleitete.Beide hatten kaum für die Erlaubniß, auf ihrem Rücken überden Fluß zu setzen, gedankt, als sie bemerkten, daß außer ihnendreien noch mehrere Personen in der Gesellschaft seyn müßten,die sie jedoch mit ihren Augen nicht erblicken konnten. Siehörten neben sich ein Gezisch, dem die Schlange gleichfalls miteinem Gezisch antwortete; sie horchten auf und konnten endlichfolgendes vernehmen.
Wir werden, sagten ein Paar wechselnde Stimmen, unserst incognito in dem Park der schönen Lilie umsehen, undersuchen euch, uns mit Anbruch der Nacht, sobald wir nurirgend präsentabel sind, der vollkommenen Schönheit vorzu-stellen. An dem Rande des großen Sees werdet ihr uns an-treffen.
Es bleibt dabei, antwortete die Schlange, und ein zischenderLaut verlor sich in der Lust.
Unsere drei Wanderer beredeten sich nunmehr, in welcherOrdnung sie bei der Schönen vortreten wollten; denn so vielPersonen auch um sie sein konnten, so durften sie doch nureinzeln kommen und gehen, wenn sie nicht empfindliche Schmerzenerdulden sollten.
Das Weib mit dem verwandelten Hunde im Korbe nahtesich zuerst dem Garten und suchte ihre Gönnerin auf , die leichtzu finden war, weil sie eben zur Harfe sang; die lieblichen Tönezeigten sich erst als Ringe auf der Oberfläche des stillen Sees,dann wie ein leichter Hauch setzten sie Gras nnd Büsche inBewegung. Auf einem eingeschlossenen grünen Platze, in demSchatten einer herrlichen Gruppe mannichfaltiger Bäume saßsie und bezauberte beim ersten Anblick auf's neue die Augen,das Ohr und das Herz des Weibes, das sich ihr mit Entzückennäherte und bei sich selbst schwur, die Schöne sey während ihrerAbwesenheit nur immer schöner geworden. Schon von weitemrief die gute Frau dem liebenswürdigsten Mädchen Gruß undLob zu.
Welch ein Glück euch anzusehen! welch einen Himmel ver-breitet eure Gegenwart um euch her! Wie die Harfe so reizendin euerm Schooße lehnt, wie eure Arme sie so sanft umgeben,wie sie sich nach eurer Brust zu sehnen scheint und wie sie unter
> der Berührung eurer schlanken Finger so zärtlich klingt! Drei-fach glücklicher Jüngling, der du ihren Platz einnehmenkonntest!
Unter diesen Worten war sie näher gekommen; die schöneLilie schlug die Augen auf, ließ die Hände sinken und versetzte:
Betrübe mich nicht durch ein unzeitiges Lob! ich empfindenur desto stärker mein Unglück. Sieh, hier zu meinen Füßenliegt der arme Canarienvogel todt, der sonst meine Lieder aufdas angenehmste begleitete; er war gewöhnt, auf meiner Harfezu sitzen, und sorgfältig abgerichtet, mich nicht zu berühren;heute, indem ich vom Schlaf erquickt, ein ruhiges Morgenliedanstimme, und mein kleiner Sänger munterer als jemals seineharmonischen Töne hören läßt, schießt ein Habicht über meinemHaupte hin; das arme kleine Thier, erschrocken, flüchtet inmeinen Busen und in dem Augenblicke fühle ich die letztenZuckungen seines scheidenden Lebens. Zwar von meinem Blickegetroffen schleicht der Räuber dort ohnmächtig am Wasser hin;aber was kann mir seine Strafe helfen! Mein Liebling ist todtund sein Grab wird nur das traurige Gebüsch meines Gartensvermehren.
Ermannt euch, schöne Lilie! rief die Frau, indem sie selbsteine Thräne abtrocknerc, welche ihr die Erzählung des unglück-lichen Mädchens aus den Augen gelockt hatte: nehmt euch zu-sammen! Mein Alter läßt euch sagen, ihr sollt eure Trauermäßigen, das größte Unglück als Vorbote des größten Glücksansehen; denn es sey an der Zeit.
Und wahrhaftig, fuhr die Alte fort, es geht bunt in derWelt zu. Seht nur meine Hand, wie sie schwarz geworden ist!Wahrhaftig, sie ist schon um vieles kleiner; ich muß eilen, ehesie gar verschwindet! Warum mußte ich den Irrlichtern eineGefälligkeit erzeigen? warum mußte ich dem Riesen begegnen,und warum meine Hand in den Fluß tauchen? Könnt ihr mirnicht ein Kohlhaupt, eine Artischocke und eine Zwiebel geben?So bringe ich sie dem Flusse und meine Hand ist weiß wievorher, so daß ich sie fast neben die eurige halten könnte.
Kohlhäupterund Zwiebeln könntest du allenfalls noch finden,aber Artischocken suchst du vergebens. Alle Pflanzen in meinemgroßen Garten tragen weder Blüthen noch Früchte; aber jedesReis, das ich breche und auf das Grab eines Lieblings Pflanze,grünt sogleich nnd schießt hoch auf. Alle diese Gruppen, dieseBüsche, diese Haine habe ich leider wachsen sehen. Die Schirmedieser Pinien, die Obelisken dieser Cypreffen, die Kolossen vonEichen und Buchen, alles waren kleine Reiser, als ein trau-riges Denkmal von meiner Hand in einen sonst unfruchtbarenBoden gepflanzt.
Die Alte hatte aus diese Rede wenig Acht gegeben nnd nurihre Hand betrachtet, die in der Gegenwart der schönen Lilieimmer schwärzer und von Minute zu Minute kleiner zu werdenschien. Sie wollte ihren Korb nehmen und eben forteilen, alssie fühlte, daß sie das Beste vergessen hatte. Sie hob sogleichden verwandelten Hund heraus, und setzte ihn nicht weit vonder Schönen in's Gras.
Mein Mann, sagte sie, schickt euch dieses Andenken. Ihrwißt, daß ihr diesen Edelstein durch eure Berührung belebenkönnt. Das artige, treue Thier wird euch gewiß viel Freudemachen, und die Betrübniß, daß ich ihn verliere, kann nurdurch den Gedanken aufgeheitert werden, daß ihr ihn besitzt.
Die schöne Lilie sah das artige Thier mit Vergnügen und,