Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Unterhaltungen rentjcher Ausgewanderten. 519

wie es schien, mit Verwunderung an. Es kommen viele Zeichen ^zusammen, sagte sie, die mir einige Hoffnung einflößen; aber !ach! ist es nicht bloß ein Wahn unserer Natnr, daß wir dann, !wenn vieles Unglück zusammentrifft, uns vorbilden, das Beste isey nah? i

Was helfen mir die vielen guten Zeichen? ^

Des Vogel« Tod, der Freundin schwarze Hand?

Der Mops von Edelstein, hat er wohl seines Gleichen?

Und hat ihn nicht die Lampe mir gesandt?

Entfernt vom süßen menschlichen Genusse,

Bin ich doch mit dem Jammer nur vertraut. !

Ach! warum steht der Tempel nicht am Flusse!

Ach! warum ist die Brücke nicht gebaut! i

i

Ungeduldig hatte die gute Frau diesem Gesänge zugehört, !den die schöne Lilie mit den angenehmen Tönen ihrer Harfebegleitete und der jeden andern entzückt hätte. Eben wollte siesich beurlauben, als sie durch die Ankunft der grünen Schlange ^abermals abgehalten wurde. Diese hatte die letzten Zeilen des zLiedes gehört und sprach deßhalb der schönen Lilie sogleich zuver- isichtlich Muth ein. ^

Die Weissagung von der Brücke ist erfüllt! rief sie aus.Fragt nur diese gute Frau, wie herrlich der Bogen gegenwärtigerscheint? Was sonst undurchsichtiger Jaspis, was nur Prasem !war, durch den das Licht höchstens auf den Kanten durchschim- ^merte, ist nun durchsichtiger Edelstein geworden. Kein Beryllist so klar und kein Smaragd so schönfarbig.

Ich wünsche euch Glück dazu, sagte Lilie, allein verzeihtmir, wenn ich die Weissagung noch nicht erfüllt glaube. Ueberden hohen Bogen eurer Brücke können nur Fußgänger Hinüber-schreiten, und es ist uns versprochen, daß Pferde und Wagenund Reisende aller Art zu gleicher Zeit über die Brückeherüber- und hinüberwandern sollen. Ist nicht von den großenPfeilern geweissagt, die aus dem Flusse selbst Heraussteigenwerden? !

Die Alte hatte ihre Augen immer auf die Hand geheftet,unterbrach hier das Gespräch und empfahl sich. !

Verweilt noch einen Augenblick, sagte die schöne Lilie, und inehmt meinen armen Canarienvogel mit! Bittet die Lampe, >daß sie ihn in einen schönen Topas verwandle; ich will ihn durch imeine Berührung beleben und er, mit euerm guten Mops, !soll mein bester Zeitvertreib seyn; aber eilt, was ihr könnt!denn mit Sonnenuntergang ergreift unleidliche Fäulniß dasarme Thier und zerreißt den schönen Zusammenhang seinerGestalt auf ewig. i

Die Alte legte den kleinen Leichnam zwischen zarte Blätter !in den Korb und eilte davon. I

Wie dem auch sey, sagte die Schlange, indem sie das abge- jbrochene Gespräch fortsetzte, der Tempel ist erbaut. ^

Er steht aber noch nicht am Flusse, versetzte die Schöne. §

Noch ruht er in den Tiefen der Erde, sagte die Schlange; !

ich habe die Könige gesehen und gesprochen.

Aber wann werden sie aufstehen? fragte Lilie.

Die Schlange versetzte: Ich hörte die großen Worte imTempel ertönen: Es ist an der Zeit! !

Eine angenehme Heiterkeit verbreitete sich über das Angesicht ^der Schönen. Höre ich doch, sagte sie, die glücklichen Worte

schon heute zum zweitenmal; wann wird der Tag kommen, andem ich sie dreimal höre?

Sie stand auf, und sogleich trat ein reizendes Mädchen ausdem Gebüsch, das ihr die Harfe abnahm. Dieser folgte eineandere, die den elfenbeinernen geschnitzten Fcldstuhl, woraufdie Schöne gesessen hatte, zusammenschlug und das silberneKiffen unter den Arm nahm. Eine dritte, die einen großen,mit Perlen gestickten Sonnenschirm trug, zeigte sich darauf, er-wartend, ob Lilie auf einem Spaziergang etwa ihrer bedürfe.Ueber allen Ausdruck schön und reizend waren diese drei Mäd-chen, und doch erhöhten sie nur die Schönheit der Lilie, indemsich jedes gestehen mußte, daß sie mit ihr gar nicht verglichenwerden konnten.

Mit Gefälligkeit hatte indeß die schöne Lilie den wunderbarenMops betrachtet. Sie beugte sich, berührte ihn und in demAugenblicke sprang er auf. Munter sah er sich um, lief hin undwieder und eilte zuletzt, seine Wohlthäterin auf das freundlichstezu begrüßen. Sie nahm ihn auf die Arme und drückte ihnan sich.

So kalt du bist, rief sie aus, und obgleich nur ein halbesLeben in dir wirkt, bist du mir doch willkommen; zärtlich willich dich lieben, artig mit dir scherzen, freundlich dich streicheln,und fest dich an mein Herz drücken.

Sie ließ ihn darauf los, jagte ihn von sich, rief ihn wieder,scherzte so artig mit ihm und trieb sich so munter und unschuldigmit ihm auf dem Grase herum, daß man mit neuem Entzückenihre Freude betrachten und Theil daran nehmen mußte, so wiekurz vorher ihre Trauer jedes Herz zum Mitleid gestimmt hatte.

Diese Heiterkeit, diese anmuthigen Scherze wurden durchdie Ankunft des traurigen Jünglings unterbrochen. Er tratherein, wie wir ihn schon kennen, nur schien die Hitze des Tagesihn noch mehr abgemattet zu haben, und in der Gegenwart derGeliebten ward er mit jedem Augenblicke blässer. Er trug denHabicht auf sefner Hand, der wie eine Taube ruhig saß und dieFlügel hängen ließ.

Es ist nicht freundlich, rief Lilie ihm entgegen, daß du mirdas verhaßte Thier vor die Augen bringst, das Ungeheuer, dasmeinen kleinen Sänger heute getödtet hat.

Schilt den unglücklichen Vogel nicht! versetzte darauf derJüngling: klage vielmehr dich an und das Schicksal, und ver-gönne mir, daß ich mit dem Gefährten meines Elends Gesell-schaft mache!

Indessen hörte der Mops nicht auf die Schöne zu necken,und sie antwortete dem durchsichtigen Liebling mit dem freund-lichsten Betragen. Sie klatschte mit den Händen, um ihn zuverscheuchen; dann lies sie, um ihn wieder nach sich zu ziehen:sie suchte ihn zu haschen, wenn er floh, und jagte ihn von sich,wenn er sich an sie zu drängen versuchte. Der Jüngling sahstillschweigend und mit wachsendem Verdruss« zu; aber endlich,da sie das häßliche Thier, das ihm ganz abscheulich vorkam, aufden Arm nahm, an ihren weißen Busen drückte und die schwarzeSchnauze mit ihren himmlischen Lippen küßte, verging ihm alleGeduld und er rief voller Verzweiflung aus:

Muß ich, der ich durch ein trauriges Geschick vor dir, viel-leicht auf immer, in einer getrennten Gegenwart lebe, der ichdurch dich alles, ja mich selbst verloren habe, muß ich vor meinenAugen sehen, daß eine so widernatürliche Mißgeburt dich zurFreude reizen, deine Neigung fesseln und deine Umarmung