Die guten Weiber.
1800 .
Henriette war mit Armidoro schon einige Zeit in dem Gartenaus und ab spaziert, in welchem sich der Sommerclubb zu ver-sammeln Pflegte. Ost fanden sich diese beiden zuerst ein; siehegten gegen einander die heiterste Neigung und nährten beieinem reinen gesitteten Umgang die angenehmsten Hoffnungeneiner künftigen dauerhaften Verbindung.
Die lebhafte Henriette sah kauni in der Ferne Antastennach dem Lusthause gehen, als sie eilte, ihre Freundin zu be-grüßen. Amalie hatte sich eben im Vorzimmer an den Tischgesetzt, auf dem Journale, Zeitungen und andere Neuigkeitenausgebreitet lagen.
Amalie brachte hier manchen Abend mit Lesen zu, ohne sichdurch das Hin- und Wiedergehen der Gesellschaft, das Klappernder Marken und die gewöhnliche laute Unterhaltung der Spielerim Saale irren zu lasten. Sie sprach wenig, außer wenn sieihre Meinung einer andern entgegensetzte. Henriette dagegenwar mit ihren Worten nicht karg, mit allem zufrieden und mitdem Lobe frisch bei der Hand.
Ein Freund des Herausgebers, den wir Sinklair nennenwollen, trat zu den beiden.
Was bringen Sie Neues? rief Henriette ihm entgegen.
Sie ahnen es wohl kaum, versetzte Sinklair, indem er seinPortefeuille herauszog. Und wenn ich Ihnen auch sage, daß ichdie Kupfer zum dießjährigen Damenkalender bringe, so werdenSie die Gegenstände derselben doch nicht errathen; ja wenn ichweiter gehe, und Ihnen eröffne, daß in zwölf AbtheilungenFrauenzimmer vorgestellt sind —
Nun, fiel Henriette ihm in das Wort, es scheint. Sie wollenunserm Scharfsinne nichts übrig lassen. Sogar, wenn ich nichtirre, thun Sie mir es zum Possen, da Sie wissen, daß ich gernCharaden und Räthsel entwickele, gern das, was einer sich denkt,ausfragen mag. Also zwölf Frauenzimmercharaktere oder Be-gebenheiten oder Anspielungen, oder was sonst zur Ehre unseresGeschlechts gereichen könnte.
Sinklair schwieg und lächelte. Amalie warf ihren stillenBlick auf ihn und sagte mit der feinen höhnischen Miene, die ihrso wohl steht: Wenn ich sein Gesicht recht lese, so hat er etwasgegen uns in der Tasche. Die Männer wissen sich gar viel,wenn sie etwas finden können, was uns, wenigstens dem Scheinenach, herabsetzt.
Sinklair. Sie sind gleich ernst, Amalie, und drohen
bitter zu werden. Kaum wag' ich, mein Blättchen Ihnen vor-zulegen.
Henriette. Nur heraus damit!
Sinklair. Es sind Caricaturen.
Henric > tc. Die liebe ich besonders.
Sinklair. Abbildungen böser Weiber.
Henriette. Desto besser! darunter gehören wir nicht. Wirwollen uns unsere leidigen Schwestern im Bilde so wenig zuGemüthe ziehen als die in der Gesellschaft.
Sinklair. Soll ich?
Henriette. Nur immer zu!
Sie nahm ihm die Brieftasche weg, zog die Bilder heraus,breitet die sechs Blättchen vor sich auf den Tisch aus, überliefsie schnell mit dem Auge und rückte daran hin und her, wieman zu thun Pflegt, wenn man die Karte schlägt. Vortrefflich!rief sie: das heiß' ich nach dem Leben! Hier diese mit demSchnupftabaksfinger unter der Nase gleicht völlig der MadameS., die wir heute Abend sehen werden; diese mit der Katzesieht beinahe aus wie meine Großtante; die mit dem Knaulhat was von unserer alten Putzmacherin. Es findet sich wohlzu jeder dieser häßlichen Figuren irgend ein Original, nichtweniger zu den Männern. Einen solchen gebückten Magister hab'ich irgendwo gesehen und eine Art von solchem Zwirnhalterauch. Sie sind recht lustig diese Küpferchen und besonders hübschgestochen.
Wie können Sie, versetzte ruhig Amalie, die einen kaltenBlick auf die Bilder warf, und ihn sogleich wieder abwendete,hier bestimmte Aehnlichkeiten aussuchen? Das Häßliche gleichtdem Häßlichen, so wie das Schöne dem Schönen; von jenemwendet sich unser Geist ab, zu diesem wird er hingezogen.
Sinklair. Aber Phantasie und Witz finden mehr ihreRechnung, sich mit dem Häßlichen zu beschäftigen als mit demSchönen. Aus dem Häßlichen läßt sich viel machen, aus demSchönen nichts.
Aber dieses macht uns zu etwas, jenes vernichtet uns! sagteArmidoro, der im Fenster gestanden und von weitem zugehörthatte. Er ging, ohne sich dem Tische zu nähern, in das an-stoßende Cabinet.
Alle Clubbgesellschafren haben ihre Epochen. Das Interesseder Gesellschaft an einander, das gute Verhältniß der Personenzu einander ist steigend und fallend. Unser Clubb Hai diesen