Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Die guten Weiber

Sommer gerade seine schöne Zeit. Die Mitglieder sind meistgebildete, wenigstens mäßige und leidliche Menschen, sie schätzenwechselseitig ihren Werth und lassen den Unwerth still auf sichberuhen. Jeder findet seine Unterhaltung, und das allgemeineGespräch ist oft von d er Art, daß man gern dabei verweilen mag.

Eben kam Setzten mit seiner Frau, ein Mann, der erstin Handels-, dann in politischen Geschäften viel gereist hatte,angenehmen Umgangs, doch in größerer Gesellschaft meistensnur ein willkommener l'Hombrespieler; seine Frau, liebens-würdig, eine gute, treue Gattin, die ganz das Vertrauen ihresMannes genoß. Sie fühlte sich glücklich, daß sie ungehinderteine lebhafte Sinnlichkeit heiter beschäftigen durfte. EinenHausfreund konnte sie nicht entbehren, und Lustbarkeiten undZerstreuungen gaben ihr allein die Federkraft zu häuslichenTugenden.

Wir behandeln unsere Leser als Fremde, als Clubbgäste,die wir vertraulich gern in der Geschwindigkeit mit der Gesell-schaft bekannt machen möchten. Der Dichter soll uns seinePersonen in ihren Handlungen darstellen, der Gesprächschreiberdarf sich ja wohl kürzer fassen und sich und seinen Lesern durcheine allgemeine Schilderung geschwind über die Exposition weg-helfen.

Setzten trat zu dem Tische und sah die Bilder an.

Hier entsteht, sagte Henriette, ein Streit für und gegen Lari-catur. Zu welcher Seite wollen Sie sich schlagen? Ich erkläremich dafür und frage: Hat nicht jedes Zerrbild etwas unwider-stehlich Anziehendes?

AINaile. Hat nicht jede üble Nachrede, wenn sie über einenAbwesenden hergeht, etwas unglaublich Reizendes?

Henriette. Macht ein solches Bild nicht einen unauslösch-lichen Eindruck?

Am alle. Das ist's, warum ich sie verabscheue. Ist nichtder unauslöschliche Eindruck jedes Ekelhaften eben das, wasuns in der Welt so oft verfolgt, uns manche gute Speise ver-dirbt und manchen guten Trunk vergällt?

Hrnrirtte. Nun so reden Sie doch, Setzton!

Scyton. Ich würde zu einem Vergleich rathen. Warumsollen Bilder besser seyn als wir selbst? Unser Geist scheintzwei Seiten zu haben, die ohne einander nicht bestehen können.Licht und Finsterniß, Gutes und Böses, Hohes und Tiefes,Edles und Niedriges, und noch so viel andere Gegensätze schei-nen, nur in veränderten Portionen, die Ingredienzien dermenschlichen Natur zu setzn, und wie kann ich einem Maler ver-denken, wenn er einen Engel weiß, licht und schön gemalt hat,daß ihm einfällt einen Teufel schwarz, finster und häßlich zumalen?

Amalic. Dagegen wäre nichts zu sagen, wenn nur nichtdie Freunde der Berhäßlichungskunst auch das in ihr Gebietzögen, was besseren Regionen angehört.

Leyton. Darin handeln sie, dünkt mich, ganz recht.Ziehen doch die Freunde der Verschönerungskunst auch zu sichhinüber, was ihnen kaum angehören kann.

Ämalic. Und doch werde ich den Verzerrern niemals ver-zeihen, daß sie mir die Bilder vorzüglicher Menschen so schändlichentstellen. Ich mag es machen, wie ich will, so muß ich mirden großen Pitt als einen stumpfnäsigen Besenstiel, und den inso manchem Betracht schätzenswerthen Fox als ein wohlgesacktesSchwein denken.

Hcnr! cttr. Das ist, was ich sagte. Alle solche Fratzen-bilder drücken sich unauslöschlich ein und ich läugne nicht, daßich mir manchmal in Gedanken damit einen Spaß mache, dieseGespenster aufrufe, und sie noch schlimmer verzerre.

Zini! lair. Lassen Sie sich doch, meine Damen, aus diesemallgemeinen Streit zur Betrachtung unserer armen Blättchenwieder herunter!

Zcyton. Ich sehe, hier ist die Hundeliebhaberei nicht zumerfreulichsten dargestellt.

Äinalir. Das mag hingehen; denn mir sind diese Thierebesonders zuwider.

Sinkt« ir. Erst gegen die Zerrbilder, dann gegen dieHunde.

ÄinaIie. Warum nicht? Sind doch Thiere nur Zerrbilderdes Menschen.

Scyton. Sie erinnern sich wohl, was ein Reisender vonder Stadt Graitz erzählt, daß er darin so viele Hunde und soviele stumme, halb alberne Menschen gefunden habe. Solltees nicht möglich seyn, daß der habituelle Anblick von bellendenunvernünftigen Thieren auf die menschliche Generation einigenEinfluß haben könnte?

Sinklair. Eine Ableitung unserer Leidenschaften undNeigungen ist der Umgang mit Thieren gewiß.

Am alle. Und wenn die Vernunft, nach dem gemeinendeutschen Ausdruck, manchmal still stehen kann, so steht siegewiß in Gegenwart der Hunde still.

Sinklair. Glücklicherweise haben wir in der Gesellschaftniemand, der einen Hund begünstigte, als Madame Seyton.Sie liebt ihr artiges Windspiel besonders.

Sryton. Und dieses Geschöpf muß besonders mir, demGemahl, sehr lieb und wichtig seyn.

Madame Setzton drohte ihrem Gemahl von ferne mit auf-gehobenem Finger.

Scyton. Es beweis't, was Sie vorhin sagten, Sinklair,daß solche Geschöpfe die Neigungen ableiten. Darf ich, liebesKind so rief er seiner Frau zu nicht unsere Geschichteerzählen? Sie macht uns beiden keine Schande.

Madame Seyton gab durch einen freundlichen Wink ihreEinwilligung zu erkennen und er fing an zu erzählen: Wirbeiden liebten uns, und hatten uns vorgenommen, einanderzu heiratheN, ehe als wir die Möglichkeit eines Etablissementsvoraussahen. Endlich zeigte sich eine sichere Hoffnung; alleinich mußte noch eine Reise vornehmen; die mich länger, als ichwünschte, aufzuhalten drohte. Bei meiner Abreise ließ ich ihrmein Windspiel zurück. Es war sonst mit mir zu ihr gekom-men, mit mir weggegangen, manchmal auch geblieben. Nungehörte es ihr, war ein munterer Gesellschafter und deuteteauf meine Wiederkunft. Zu Hause galt das Thier statt einerUnterhaltung, auf den Promenaden, wo wir so oft zusammenspaziert hatten, schien das Geschöpf mich aufzusuchen und, wennes aus den Büschen sprang, mich anzukündigen. So täuschtesich meine liebe Meta eine Zeit lang mit dem Scheine meinerGegenwart, bis endlich, gerade zu der Zeit, da ich wiederzu-kommen hoffte, meine Abwesenheit sich doppelt zu verlängerndrohte und das arme Geschöpf mit Tode abging.

Madame Scyton. Nun, liebes Männchen, hübsch red-lich, artig und vernünftig erzählt!

Scyton. Es steht dir frei, mein Kind, mich zu controliren.