Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Die guten Weider.

Regung, durch eine wachsende Neigung, bis zum Unentbehr-lichen der Gewohnheit war der ganze Lebenslauf dieser Leiden-schaft getreulich aufgezeichnet und gereichte dem Manne zursonderbaren Lectüre, als er einmal zufällig über den Schreibtischkam, und ohne Argwohn und Absicht eine aufgeschlagene Seitedes Tagebuchs herunterlas. Man begreift, daß er sich die Zeitnahni, vor- und rückwärts zu lesen; da er denn doch zuletztnoch ziemlich getröstet von dannen schied, weil er sah, daß esgerade noch Zeit war, auf eine geschickte Weise den gefährlichenGast zu entfernen.

Henrilttc. Es sollte doch, nach dem Wunsche meinesFreundes, die Rede von guten Weibern seyn, und ehe man sich'sversieht, wird wieder von solchen gesprochen, die wenigstens nichtdie besten sind.

Sey ton. Warum denn immer bös oder gut! Müssenwir nicht mit uns selbst, so wie mit anderen fürlieb nehmen,wie die Natur uns hat hervorbringen mögen und wie sich jederallenfalls durch eine mögliche Bildung besser zieht?

Ärmidoro. Ich glaube, es würde angenehm und nichtunnütz seyn, wenn man Geschichten von der Art, wie sie bishererzählt worden, und deren uns manche im Leben vorkommen,aufsetzte und sammelte. Leise Züge, die den Menschen bezeich-nen, ohne daß gerade merkwürdige Begebenheiten daraus ent-springen, sind recht gut des Aufbehaltens werth. Der Roman-schreiber kann sie nicht brauchen denn sie haben zu wenigBedeutendes der Anekdotensammler auch nicht denn siehaben nichts Witziges und regen den Geist nicht aus; nur der-jenige, der im ruhigen Anschauen die Menschheit gerne faßt,wird dergleichen Züge willkommen aufnehmen.

Linklair. Fürwahr, wenn wir früher an ein so löblichesWerk gedacht hätten, so würden wir unserm Freunde, demHerausgeber des Damenkalenders, gleich an Hand gehen könnenund ein Dutzend Geschichten, wo nicht von vortrefflichen, dochgewiß von guten Frauen aussuchen können, um diese bösenWeiber zu balanciren.

Am alle. Besonders wünschte ich, daß man solche Fällezusammentrüge, da wo eine Frau das Hans innen erhält, wonicht gar erschafft. Um so mehr als auch hier der Künstler einetheure (kostspielige) Gattin zum Nachtheil unseres Geschlechtsaufgestellt hat.

Acytou. Ich kann Ihnen gleich, schöne Amalie, mit einemsolchen Falle aufwarten.

Ämalie. Lassen Sie hören! Nur daß es Ihnen nichtgeht, wie den Männern gewöhnlich, wenn sie die Frauen lobenwollen; sie gehen vom Lob aus und hören mit Tadel auf.

Zryton. Dießmal wenigstens brauche ich die Umkehrungmeiner Absicht durch einen bösen Geist nicht zu fürchten.

Ein junger Landmann pachtete einen ansehnlichen Gasthof,der sehr gut gelegen war. Von den Eigenschaften, die zu einemWirthe gehören, besaß er vorzüglich die Behaglichkeit, und weiles ihm von Jugend auf in den Trinkstuben wohl gewesen war,mochte er wohl hauptsächlich ein Wetter ergriffen haben, dasihn nöthigte, den größten Theil des Tages darin zuzubringen.Er war sorglos ohne Liederlichkeit, und sein Behagen breitetesich über alle Gäste aus, die sich bald häufig bei ihm ver-sammelten.

Er hatte eine junge Person geheirathet, eine stille, leidlicheNatur. Sie versah ihre Geschäfte gut und pünktlich, sie hing

an ihrem Hanswesen, sie liebte ihren Mann; doch mußte sieihn bei sich im Stillen tadeln, daß er mit dem Gelde nichtsorgfältig genug umging. Das baare Geld nöthigte ihr einegewisse Ehrfurcht ab; sie fühlte ganz den Werth desselben, sowie die Nothwendigkeit, sich überhaupt in Besitz zu setzen, sichdabei zu erhalten. Ohne eine angeborene Heiterkeit des Ge-müths hätte sie alle Anlagen zum strengen Geize gehabt. Dochein wenig Geiz schadet dem Weibe nichts, so übel sie die Ver-schwendung kleidet. Freigebigkeit ist eine Tugend, die demMann ziemt, und Festhalten ist die Tugend eines Weibes. Sohat es die Natur gewollt, und unser Urtheil wird im ganzenimmer naturgemäß ausfallen.

Margarethe, so will ich meinen sorglichen Hausgeist nennen,war mit ihrem Manne sehr unzufrieden, wenn er die großenZahlungen, die er manchmal für aufgekaufte Fourage vonFuhrleuten und Unternehmern erhielt, aufgezählt, wie siewaren, eine Zeit lang auf dem Tische liegen ließ, das Geldalsdann in Körbchen einstrich und daraus wieder ausgab undauszahlte, ohne Packete gemacht zu haben, ohne Rechnung zuführen. Verschiedene ihrer Erinnerungen waren fruchtlos, undsie sah wohl ein, daß, wenn er auch nicht verschwendete, manchesin einer solchen Unordnung verschleudert werden inüsse. DerWunsch, ihn auf bessere Wege zu leiten, war so groß bei ihr,der Verdruß, zu sehen, daß manches, was sie im kleinen erwarbund zusammenhielt, im großen wieder vernachlässigt wurde undaus einander floß, war so lebhaft, daß sie sich zu einem gefähr-lichen Versuch bewogen fühlte, wodurch sie ihm über dieseLebensweise die Augen zu öffnen gedachte. Sie nahm sich vor,ihm so viel Geld als möglich aus den Händen zu spielen, undzwar bediente sie sich dabei einer sonderbaren List. Sie hattebemerkt, daß er das Geld, das einmal auf dem Tische aufge-zählt war, wenn es eine Zeit lang gelegen hatte, nicht wiedernachzählte, ehe er es aufhob. Sie bestrich daher den Bodeneines Leuchters mit Talg und setzte ihn, in einem Schein vonUngeschicklichkeit, auf die Stelle, wo die Ducaten lagen, eineGeldsorte, der sie eine besondere Freundschaft gewidmet hatte;sie erhäschte ein Stück und nebenbei einige kleine Münzsortenund war mit ihrem ersten Fischfänge wohl zufrieden. Siewiederholte diese Operation mehrmals, und ob sie sich gleichüber ein solches Mittel zu einem guten Zweck kein Gewissenmachte, so beruhigte sie sich doch über jeden Zweifel vorzüglichdadurch, daß diese Art der Entwendung für keinen Diebstahlangesehen werden könne, weil sie das Geld nicht mit den Händenweggenommen habe. So vermehrt sich nach und nach ihrheimlicher Schatz, und zwar um desto reichlicher, als sie alles,was bei der innern Wirthschaft von baarem Gelde ihr in dieHände floß, auf das strengste zusammenhielt.

Schon war sie beinahe ein ganzes Jahr ihrem Plane treugeblieben und hatte indessen ihren Mann sorgfältig beobachtet,ohne eine Veränderung in seinem Humor zu spüren, bis er end-lich einmal höchst übler Laune ward. Sie suchte ihm die Ursachedieser Veränderung abzuschmeicheln und erfuhr bald, daß er ingroßer Verlegenheit sey. Es hätten ihm nach der letzten Zahlung,die er an Lieferanten gethan, seine Pachtgelder übrig bleibensollen; sie fehlten aber nicht allein völlig, sondern er habe sogardie Leute nicht ganz befriedigen können: da er alles im Kopfrechne und wenig aufschreibe, so könne er nicht nachkommen, woein solcher Verstoß herrühre.