Die guten Weiber.
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Chodowiecki bat schon manche Scenen der Unnatur, der Ver-derbniß, der Barbarei und des Abgeschmacks in so kleinenMonatskupfern trefflich dargestellt; allein was that er? Erstellte dem Hassenswerthen sogleich das Liebenswürdige ent-gegen, Scenen einer gesunden Natur, die sich ruhig entwickelt,einer zweckmäßigen Bildung, eines treuen Ausdauerns, einesgefühlten Strebens nach Werth und Schönheit. Lassen Sieuns mehr thun, als der Herausgeber wünscht, indem wir dasEntgegengesetzte thun! Hat der bildende Künstler dießinal dieSchattenseite gewählt, so trete der Schriftsteller oder, wenn ichmeine Wünsche aussprechen darf, die Schriftstellerin auf dieLichtseite, und so kann ein Ganzes werden. Ich will nichtlänger zaudern, Eulalie, mit diesen Vorschlägen meine Wünschelaut werden zu lassen. Uebernehmen Sie die Schilderungguter Frauen! Schaffen Sie Gegenbilder zu diesen Kupfern,und gebrauchen Sie den Zauber Ihrer Feder, nicht diese klei-nen Blätter zu erklären, sondern zu vernichten!
Sinklair. Thun Sie es, Eulalie! erzeigen Sie uns denGefallen, versprechen Sie geschwind!
Eulalie. Schriftsteller versprechen gar zu leicht, weil siehoffen, dasjenige leisten zu können, was sie vermögen. EigeneErfahrung hat mich bedächtig gemacht. Aber auch wenn ich indieser kurzen Zeit so viel Muße vor mir sähe, würde ich dochBedenken finden, einen solchen Auftrag zu übernehmen. Waszu unseren Gunsten zu sagen ist, muß eigentlich ein Mannsagen, ein junger, feuriger, liebender Mann. Das Günstigevorzutragen, dazu gehört Enthusiasmus; und wer hat Enthu-siasmus für sein eigen Geschlecht?
Armi-oro. Einsicht, Gerechtigkeit, Zartheit der Behand-lung wären mir in diesem Falle noch willkommener.
Sinklair. Und von wem möchte man lieber über guteFrauen etwas hören als von der Verfasserin, die sich in demMährchen, das uns gestern so sehr entzückte, so unvergleichlichbewiesen hat?
Eulalie. Das Mährchen ist nicht von mir.
Sinklair. Nicht vonJhnen?
Ärmi - oro. Das kann ich bezeugen.
Sinklair. Doch von einem Frauenzimmer.
Eulalie. Von einer Freundin.
Sinklair. So giebt es denn zwei Eulalien?
Eulalie. Wer weiß, wie viel und bessere.
Armi-oro. Mögen Sie der Gesellschaft erzählen, wasSie mir vertrauten? Jedermann wird mit Verwunderunghören, auf welche sonderbare Weise diese angenehme Produk-tion entstanden ist.
Eulalie. Ein Frauenzimmer, das ich aus einer Reiseschätzen und kennen lernte, fand sich in sonderbare Lagen ver-setzt , die zu erzählen allzu weitläufig seyn würde. Ein jungerMann, der viel für sie gethan hatte und ihr zuletzt seine Handanbot, gewann ihre ganze Neigung, überraschte ihre Vorsichtund sie gewährte vor der ehelichen Verbindung ihm die Rechteeines Gemahls. Neue Ereignisse nöthigten den Bräutigam,sich zu entfernen, und sie sah in einer einsamen ländlichen Woh-nung nicht ohne Sorgen und Unruhe dem Glücke, Mutter zuwerden, entgegen. Sie war gewohnt, mir täglich zu schreiben,mich von allen Vorfällen zu benachrichtigen. Nun waren keineVorfälle mehr zu befürchten, sie brauchte nur Geduld; aberich bemerkte in ihren Briefen, daß sie dasjenige, was geschehen
Goethe, Werke. III.
war und geschehen konnte, in einem unruhigen Gemüth hinund wieder warf. Ich entschloß mich, sie in einem ernsthaftenBrief auf ihre Pflicht gegen sich selbst und gegen das Geschöpfzu weisen, dem sie jetzt durch Heiterkeit des Geistes zum An-fang seines Daseyns eine günstige Nahrung zu bereiten schuldigwar. Ich munterte sie auf, sich zu fassen, und zufällig sendeteich ihr einige Bände Mährchen, die sie zu lesen gewünscht hatte.Ihr Vorsatz, sich von dem kummervollen Gedanken loszureißen,und diese phantastischen Produttionen trafen auf eine sonder-bare Weise zusammen. Da sie das Nachdenken über ihr Schick-sal nicht ganz los werden konnte, so kleidete sie nunmehr alles,was sie in der Vergangenheit betrübt hatte, was ihr in derZukunft furchtbar vorkam, in abentheuerliche Gestalten. Wasihr und den Ihrigen begegnet war, Neigung, Leidenschaftenund Berirrungen, das lieblich sorgliche Muttergefühl in einemso bedenklichen Zustande, alles verkörperte sich in körperlosenGestalten, die in einer bunten Reihe seltsamer Erscheinungenvorbeizogen. So brachte sie den Tag, ja einen Theil der Nachtmit der Feder in der Hand zu.
Ämalie. Wobei sie sich wohl schwerlich das Dintenfaßhalten ließ.
Eulalie. Und so entstand die seltsamste Folge von Brie-fen, die ich jemals erhalten habe: alles war bildlich, wunderlichund mährchenhaft. Keine eigentliche Nachricht erhielt ich mehrvon ihr, so daß mir manchmal für ihren Kopf bange ward.Alle ihre Zustände, ihre Entbindung, die nächste Neigung zumSäugling, Freude, Hoffnung und Furcht der Mutter, warenBegebenheiten einer andern Welt, aus der sie nur durch dieAnkunft ihres Bräutigams zurückgezogen wurde. An ihremHochzeittage schloß sie das Mährchen, das bis auf weniges ganzaus ihrer Feder kam, wie Sie es gestern gehört haben, unddas eben den eigenen Reiz durch die wunderliche und einzigeLage erhält, in der es hervorgebracht wurde.
Die Gesellschaft konnte ihre Verwunderung über diese Ge-schichte nicht genug bezeigen, so daß Seyton, der seinen Platzam l'Hombretische eben einem andern überlassen hatte, herbei-trat und sich nach dem Inhalte des Gesprächs erkundigte. Mansagte ihni kurz, es sey die Rede von einem Mährchen, das austäglichen phantastischen Confessionen eines kränkelnden Gemüthes,doch gewissermaaßen vorsätzlich, entstanden sey.
Eigentlich, sagte er, ist es Schade, daß, so viel ich weiß,die Tagebücher abgekommen sind. Vor zwanzig Jahren warensie stärker in der Mode, und manches gute Kind glaubte wirklicheinen Schatz zu besitzen, wenn es seine Gemüthszustände täglichzu Papiere gebracht hatte. Ich erinnere mich einer liebens-würdigen Person, der eine solche Gewohnheit bald zum Unglückausgeschlagen wäre. Eine Gouvernante hatte sie in früherJugend an ein solches tägliches schriftliches Bekenntniß gewöhnt,und es war ihr zuletzt fast zum unentbehrlichen Geschäft ge-worden. Sie versäumte es nicht als erwachsenes Frauenzimmer,sie nahm die Gewohnheit mit in den Ehestand hinüber. SolchePapiere hielt sie nicht sonderlich geheim und hatte es auch nichtUrsache; sie las manchmal Freundinnen, manchmal ihrem ManneStellen daraus vor; das Ganze verlangte niemand zu sehen.
Die Zeit verging und es kam auch die Reihe an sie, einenHausfreund zu besitzen. Mit eben der Pünktlichkeit, mit der siesonst ihrem Papiere täglich gebeichtet hatte, setzte sie auch dieGeschichte dieses neuen Verhältnisses fort. Von der ersten
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