Novelle.
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mit ausführlicher Beschreibung jenes Unheils geängstigt hatte,wie er sich nämlich, auf einer großen Reise begriffen, Abendsim besten Wirthshause auf dem Markte, der eben von einerHauptmesse wimmelte, höchst ermüdet zu Bette gelegt, undNachts durch Geschrei und Flammen, die sich gegen seine Woh-nung wälzten, gräßlich aufgeweckt worden.
Die Fürstin eilte, das Lieblingspferd zu besteigen, undführte, statt zum Hinterthore bergauf, zum Vorderthore berg-unter ihren widerwillig bereiten Begleiter: denn wer wärenicht gern an ihrer Seite geritten, wer wäre ihr nicht gerngefolgt! Und so war auch Honorio von der sonst so ersehntenJagd willig zurückgeblieben, um ihr ausschließlich dienstbarzu seyn.
Wie vorauszusehen, durften sie auf dem Markte nur Schrittfür Schritt reiten; aber die schöne Liebenswürdige erheitertejeden Aufenthalt durch eine geistreiche Bemerkung. Ich wieder-hole, sagte sie, meine gestrige Lection, da denn doch die Noth-wendigkeit unsere Geduld Prüfen will. Und wirklich drängtesich die gaihe Menschenmasse dergestalt an die Reitenden heran,daß sie ihren Weg nur langsam fortsetzen konnten. Das Volkschaute mit Freuden die junge Dame, und auf so viel lächeln-den Gesichtern zeigte sich das entschiedene Behagen, zu sehen,daß die erste Frau im Lande auch die schönste und anmuthigste sey.
Unter einander gemischt standen Bergbewohner, die zwischenFelsen, Fichten und Föhren ihre stillen Wohnsitze hegten, Flach-länder von Hügeln, Auen und Wiesen her, Gewerbsleute derkleinen Städte, und was sich alles versammelt hatte. Nacheinem ruhigen Ueberblick bemerkte die Fürstin ihrem Begleiter,wie alle diese, woher sie auch seyen, mehr Stoff als nöthig zuihren Kleidern genommen, mehr Tuch und Leinwand, mehrBand zum Besatz. Ist es doch, als ob die Weiber nicht brau-schig und die Männer nicht Pausig genug sich gefallen könnten.
Wir wollen ihnen das ja lassen, versetzte der Oheim: woauch der Mensch seinen Ueberfluß hinwendet, ihm ist wohl da-bei, am wvhlsten, wenn er sich damit schmückt und aufputzt.
Die schöne Dame winkte Beifall.
So waren sie nach und nach auf einen freien Platz gelangt,der zur Vorstadt hinführte, wo am Ende vieler kleiner Budenund Kramstände ein größeres Bretergebäude in die Augen fiel,das sie kaum erblickten, als ein ohrzerreißendes Gebrülls ihmentgegentönte. Die Fütterungsstunde der dort zur Schaustehenden wilden Thiere schien herangekommen: der Löwe ließseine Wald- undWüstenstimme auf's kräftigste hören; diePferdeschauderten, und man konnte der Bemerkung nicht entgehen,wie in dem friedlichen Wesen und Wirken der gebildeten Weltder König der Einöde sich so furchtbar verkündige. Zur Budenäher gelangt, durften sie die bunten kolossalen Gemälde nichtübersehen, die mit heftigen Farben und kräftigen Bildern jenefremden Thiere darstellten, welche der friedliche Staatsbürgerzu schauen unüberwindliche Lust empfinden sollte. Der grimmigungeheure Tiger sprang auf einen Mohren los, im Begriff ihnzu zerreißen; ein Löwe stand ernsthaft majestätisch, als wenner keine Beute, seiner würdig, vor sich sähe; andere wunder-liche bunte Geschöpfe verdienten neben diesen mächtigen wenigerAufmerksamkeit.
Wir wollen, sagte die Fürstin, bei unserer Rückkehr dochabsteigen und die seltenen Gäste näher betrachten.
Es ist wunderbar, versetzte der Fürst, daß der Mensch
durch Schreckliches immer aufgeregt seyn will. Drinnen liegtder Tiger ganz ruhig in seinem Kerker, und hier muß er grimmigauf einen Mohren losfahren, damit man glaube, dergleicheninwendig ebenfalls zu sehen. Es ist an Mord und Todtschlagnoch nicht genug, an Brand und Untergang; die Bänkelsängermüssen es an jeder Ecke wiederholen. Die guten Menschenwollen eingeschüchtert seyn, um hinterdrein erst recht zu fühlen,wie schöu und löblich es sey, frei Athem zu holen.
Was denn aber auch Bängliches von solchen Schrcckens-bildern mochte übrig geblieben seyn, alles und jedes war sogleichausgelöscht, als man, zum Thore hinausgelangt, in die heitersteGegend eintrat. Der Weg führte zuerst am Flusse hinan, aneinem zwar noch schmalen, nur leichte Kahne tragenden Wasser,das aber nach und nach als größter Strom seinen Namen be-halten und ferne Länder beleben sollte. Dann ging es weiterdurch wohlversorgte Frucht- und Lustgärten sachte hinaufwärts,und nian sah sich nach und nach in der aufgethanen wohlbe-wohnten Gegend um, bis erst ein Busch, sodann ein Wäldchendie Gesellschaft aufnahm, und die anmuthigsten Oertlichkeitenihren Blick begränzten und erquickten. Ein aufwärts leitendesWicsenthal, erst vor kurzem zum zweitenmal gemäht, sammet-ähnlich anzusehen, von einer oberwärts lebhaft auf einmal reichentspringenden Quelle gewässert, empfing sie freundlich, undso zogen sie einem höhern, freiern Standpunkt entgegen, densie, aus dem Walde sich bewegend, nach einem lebhaften Stiegerreichten, alsdann aber vor sich noch in bedeutender Entfernungüber neuen Baumgruppen das alte Schloß, den Zielpunkt ihrerWallfahrt, als Fels- und Waldgipfel hervorragen sahen. Rück-wärts aber — denn niemals gelangte man hierher, ohne sichumzukehren — erblickten sie durch zufällige Lücken der hohenBäume das fürstliche Schloß links, von der Morgensonne be-leuchtet, den wohlgebauten höhern Theil der Stadt von leichtenRauchwolken gedämpft, und sofort nach der Rechten zu dieuntere Stadt, den Fluß in einigen Krümmungen, mit seinenWiesen und Mühlen, gegenüber eine weite nahrhafte Gegend.
Nachdem sie sich an dem Anblick ersättigt oder vielmehr,wie es uns bei dem Umblick auf so hoher Stelle zu geschehenpflegt, erst recht verlangend geworden nach einer wettern, we-niger begränzten Aussicht, ritten sie eine steinige breite Flächehinan, wo ihnen die mächtige Ruine als ein grüngekrönterGipfel entgegenstand, wenig alte Bäume tief unten um seinenFuß; sie ritten hindurch, und so fanden sie sich gerade vor dersteilsten unzugänglichsten Seite. Mächtige Felsen standen vonUrzeiten her, jedem Wechsel unangetastet, fest, wohlgegründetvoran, und so thürmte sich's aufwärts; das dazwischen Herab-gestürzte lag in mächtigen Platten und Trümmern unregel-mäßig über einander und schien dem Kühnsten jeden Angriff zuverbieten. Aber das Steile, Jähe scheint der Jugend zuzusagen;dieß zu unternehmen, zu erstürmen, zu erobern ist jungen Glie-dern ein Genuß. Die Fürstin bezeigte Neigung zu einem Ver-such; Honorio war bei der Hand; der fürstliche Oheim, wennschon bequemer, ließ sich's gefallen und wollte sich doch auchnicht unkräftig zeigen: die Pferde sollten am Fuße unter denBäumen halten, und man wollte bis zu einem gewissen Punktegelangen, wo ein vorstehender mächtiger Fels einen Flächen-raum darbot, von wo man eine Aussicht hatte, die zwar schonin den Blick des Vogels überging, aber sich doch noch malerischgenug hinter einander schob.