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Novelle.
Die Sonne, beinahe auf ihrer höchsten Stelle, verlieh dieklarste Beleuchtung: das fürstliche Schloß mit seinen Theilen,Hauptgebäuden, Flügeln, Kuppeln und Thürmen erschien garstattlich, die obere Stadt in ihrer völligen Ausdehnung, auchin die untere konnte man bequem hineinsehen, ja durch dasFernrohr auf dem Markte sogar die Buden unterscheiden. Ho-norio war immer gewohnt, ein so förderliches Werkzeug über-zuschnallen; man schaute den Fluß hinauf und hinab, diesseitsdas bergartige, terrassenweis unterbrochene, jenseits das auf-gleitende flache und in mäßigen Hügeln abwechselnde fruchtbareLand, Ortschaften unzählige; denn es war längst herkömmlich,über die Zahl zu streiten, wie viel man deren von hier obengewahr werde. Ueber die große Weite lag eine heitere Stille,wie es am Mittag zn sehn Pflegt, wo die Alten sagten, derPan schlafe und alle Natur halte den Athem an, um ihn nichtaufzuwecken.
Es ist nicht das erstemal, sagte die Fürstin, daß ich auf sohoher, weitumschauender Stelle die Betrachtung mache, wiedoch die klare Natur so reinlich und friedlich aussieht und denEindruck verleiht, als wenn gar nichts Widerwärtiges in derWelt sehn könne. Und wenn man dann wieder in die Men-schenwohnung zurückkehrt, sie seh hoch oder niedrig, weit odereng, so gibt's immer etwas zu kämpfen, zu streiten, zu schlich-ten und zurecht zu legen.
Honorio, der indessen durch das Sehrohr nach der Stadtgeschaut hatte, rief: Seht hin! Seht hin! auf dem Marktefängt es an zu brennen. Sie sahen hin und bemerkten wenigenRauch; die Flamme dämpfte der Tag. Das Feuer greift wei-ter um sich! rief man, immer durch die Gläser schauend; auchwurde das Unheil den guten unbewaffneten Augen der Fürstinbemerklich. Von Zeit zu Zeit erkannte inan eine rothe Flam-menglnth; der Dampf stieg empor, und Fürst Oheim sprach:Laßt uns zurückkehren! das ist nicht gut; ich fürchtete inimer,das Unglück zum zweitenmal zu erleben. Als sie, herabgekom-men, den Pferden wieder zugingen, sagte die Fürstin zu demalten Herrn: Reiten Sie hinein, eilig, aber nicht ohne denReitknecht! Lassen Sie mir Honorio! wir folgen sogleich. DerOheim fühlte das Vernünftige, ja das Nothwendige dieserWorte und ritt, so eilig als der Boden erlaubte, den wüstensteinigen Hang hinunter.
Als die Fürstin aufsaß, sagte Honorio: Reiten Ew. Durch-laucht, ich bitte, langsam! In der Stadt wie auf dem Schloßsind die Feueranstalten in bester Ordnung; man wird sich durcheinen so unerwartet außerordentlichen Fall nicht irre machenlassen. Hier aber ist ein böser Boden, kleine Steine und kurzesGras; schnelles Reiten ist unsicher; ohnehin, bis wir hinein-kommen, wird das Feuer schon nieder seyn. Die Fürstin glaubtenicht daran: sie sah den Rauch sich verbreiten, sie glaubte einenaufflammenden Blitz gesehen, einen Schlag gehört zu haben;und nun bewegten sich in ihrer Einbildungskraft alle die Schreck-bilder, welche des trefflichen Oheims wiederholte Erzählung vondem erlebten Jahrmarktsbrande leider nur zu tief eingesenkt hatte.
Fürchterlich wohl war jener Fall, überraschend und ein-dringlich genug, um zeitlebens eine Ahnung und Vorstellungwiederkehrenden Unglücks ängstlich zurückzulassen, als zur Nacht-zeit auf dem großen, budenreichen Marktraum ein plötzlicherBrand Laden auf Laden ergriffen hatte, ehe noch die in undan diesen leichten Hütten Schlafenden aus tiefen Träumen
geschüttelt wurden, der Fürst selbst, als ein ermüdet ange-langter, erst eingeschlafener Fremder, an's Fenster sprang, allesfürchterlich erleuchtet sah, Flamme nach Flamme, rechts undlinks sich überspringend, ihm entgegenzüngelte. Die Häuser desMarktes, vom Wiedersehen: geröthet, schienen schon zu glühen,drohend, sich jeden Augenblick zu entzünden und in Flammenaufzuschlagen; unten wüthete das Element unaufhaltsam, dieBreter prasselten, die Latten knackten, Leinwand flog auf undihre düstern, an den Enden flammend ausgezackten Fetzen trie-ben in der Höhe sich umher, als wenn die bösen Geister, inihrem Elemente um- und umgestaltet, sich muthwillig tanzendverzehren, und da und dort aus den Gluthen wieder auftauchenwollten. Dann aber mit kreischendem Geheul rettete jeder,was zur Hand lag; Diener und Knechte mit den Herren be-mühten sich, von Flammen ergriffene Ballen fortzuschleppen,von dem brennenden Gestell noch einiges wegzureißen, um esin die Kiste zu packen, die sie denn doch zuletzt den eilendenFlammen zum Raube lassen mußten. Wie mancher wünschtenur einen Augenblick Stillstand dem herauprasselnden Feuer,nach der Möglichkeit einer Besinnung sich umsehend, und erwar mit aller seiner Habe schon ergriffen: an der einen Seitebrannte, glühte schon, was an der andern noch in finstererNacht stand. Hartnäckige Charaktere, Willensstärke Menschenwidersetzten sich grimmig dem grimmigen Feinde und rettetenmanches, mit Verlust ihrer Augenbraunen und Haare. Leidernun erneuerte sich vor dem schönen Geiste der Fürstin der wüsteWirrwarr: nun schien der heitere morgendliche Gesichtskreisumnebelt, ihre Augen verdüstert, Wald und Wiese hatten einenwunderbaren bänglichen Anschein.
In das friedliche Thal einreitend, seiner labenden Kühlenicht achtend, waren sie kaum einige Schritte von der lebhaftenQuelle des nahen fließenden Baches herab, als die Fürstinganz unten im Gebüsche des WieseNthals etwas Seltsames er-blickte, das sie alsobald für den Tiger erkannte: heranspringend,wie sie ihn vor kurzem gemalt gesehen, kam er entgegen, unddieses Bild zu den furchtbaren Bildern, die sie so eben beschäf-tigten, machte den wundersamsten Eindruck. Flieht, gnädigeFrau! rief Honorio, flieht! Sie wandte das Pferd um, demsteilen Berg zu, wo sie herabgekommen waren. Der Jünglingaber, dem Unthier entgegen, zog die Pistole und schoß, als ersich nahe genug glaubte; leider jedoch war gefehlt, der Tigersprang seitwärts, das Pferd stutzte: das ergrimmte Thier aberverfolgte seinen Weg, aufwärts unmittelbar der Fürstin nach.Sie sprengte, was das Pferd vermochte, die steile, steinigeStrecke hinan, kaum fürchtend, daß ein zartes Geschöpf, solcherAnstrengung ungewohnt, sie nicht aushalten werde. Es über-nahm sich, von der bedrängten Reiterin angeregt, stieß am kleinenGerölle des Hanges an und wieder an, und stürzte zuletzt nachheftigem Bestreben kraftlos zu Boden. Die schöne Dame, ent-schlossen und gewandt, verfehlte nicht, sich strack auf ihre Füßezu stellen; auch das Pferd richtete sich auf, aber der Tiger nahteschon, obgleich nicht mit heftiger Schnelle; der ungleiche Boden,die scharfen Steine schienen seinen Antrieb zu hindern, und nurdaß Honorio unmittelbar hinter ihm herflog, neben ihm gemäßigtHeraufritt, schien seine Kraft auf's neue anzuspornen und zu reizen.Beide Renner erreichten zugleich den Ort, wo die Fürstin amPferde stand: der Ritter beugte sich herab, schoß und traf mitder zweiten Pistole das Ungeheuer durch den Kopf, daß es