Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Novelle

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sogleich niederstürzte, und ausgestreckt in seiner Länge erst rechtdie Macht und Furchtbarkeit sehen ließ, von der nur noch dasKörperliche übrig geblieben da lag. Honorio war vom Pferdegesprungen und kniete schon auf dem Thiere, dämpfte seineletzten Bewegungen und hielt den gezogenen Hirschfänger inder rechten Hand. Der Jüngling war schön; er war heran-gesprengt , wie ihn die Fürstin oft im Lanzen - und Ringelspielegesehen hatte: eben so traf in der Reitbahn seine Kugel imVvrbeisprengen den Türkenkops auf dem Pfahl gerade unter demTurban in die Stirne, eben so spießte er, flüchtig heranspren-gend, mit dem blanken Säbel das Mohrenhaupt vom Bodenauf; in allen solchen Künsten war er gewandt und glücklich;hier kam beides zu Statten.

Gebt ihm den Rest! sagte die Fürstin: ich fürchte, er be-schädigt Euch noch mit den Krallen.

Verzeiht! erwiederte der Jüngling: er ist schon todt genug,und ich mag das Fell nicht verderben, das nächsten Winter aufEuerm Schlitten glänzen soll.

Frevelt nicht! sagte die Fürstin: alles, was von Frömmig-keit im tiefen Herzen wohnt, entfaltet sich in solchem Augenblick.

Auch ich, rief Honorio, war nicht frömmer als jetzt eben;deßhalb aber denke ich an's Freudigste, ich blicke dieses Fell nuran, wie es Euch zur Lust begleiten kann.

Es würde mich immer an diesen schrecklichen Augenblickerinnern, versetzte sie.

Ist es doch, erwiederte der Jüngling mit glühender Wange,ein unschuldigeres Triumphzeichen, als wenn die Waffen er-schlagener Feinde vor dem Sieger her zur Schau getragenwurden.

Ich werde mich an Eure Kühnheit und Gewandtheit dabeierinnern, und darf nicht hinzusetzen, daß Ihr auf meinen Dankund auf die Gnade des Fürsten lebenslänglich rechnen könnt.Aber steht auf! Schon ist kein Leben mehr im Thiere; bedenkenwir das weitere! vor allen Dingen steht auf!

Da ich nun einmal kniee, versetzte der Jüngling, da ichmich in einer Stellung befinde, die mir auf jede andere Weiseuntersagt wäre, so laßt mich bitten, von der Gunst, von derGnade, die Ihr mir zuwendet, in diesem Augenblick versichertzu werden. Ich habe schon so oft Euern hohen Gemahl gebetenum Urlaub und Vergünstigung einer Western Reise. Wer dasGlück hat, an Eurer Tafel zu sitzen, wen Ihr beehrt, EureGesellschaft unterhalten zu dürfen, der muß die Welt gesehenhaben. Reisende strömen von allen Orten her, und wenn voneiner Stadt, von einem wichtigen Punkte irgend eines Welt-theils gesprochen wird, ergeht an den Eurigen jedesmal dieFrage, ob er daselbst gewesen sey? Niemand traut man Ver-stand zu, als wer das alles gesehen hat; es ist, als wenn mansich nur für andere zu unterrichten hätte.

Steht aus! wiederholte die Fürstin. Ich möchte nicht gerngegen die Ueberzeugung meines Gemahls irgend etwas wün-schen und bitten; allein wenn ich nicht irre, so ist die Ursache,warum er Euch bisher zurückhielt, bald gehoben. Seine Ab-sicht war, Euch zum selbstständigen Edelmann herangereift zusehen, der sich und ihm auch auswärts Ehre machte, wie bis-her am Hofe; und ich dächte. Eure That wäre ein so empfeh-lender Reisepaß, als ein junger Mann nur in die Welt mit-nehmen kann. .

Daß anstatt einer jugendlichen Freude eine gewisse Trauer

Goethe, Werke. III.

über sein Gesicht zog, hatte die Fürstin nicht Zeit zu bemerken,noch er seiner Empfindung Raum zu geben: denn hastig denBerg herauf, einen Knaben an der Hand, kam eine Frau ge-radezu auf die Gruppe los, die wir kennen, und kaum warHonorio sich besinnend aufgestanden, als sie sich heulend undschreiend über den Leichnam her warf, und an dieser Handlung,so wie an einer obgleich reinlich anständigen, doch bunten undseltsamen Kleidung sogleich errathen ließ, sie sey die Meisterinund Wärterin dieses dahin gestreckten Geschöpfes, wie denn derschwarzäugige, schwarzlockige Knabe, der eine Flöte in der Handhielt, gleich der Mutter weinend, weniger heftig, aber tief ge-rührt, neben ihr kniete.

Den gewaltsamen Ausbrüchen der Leidenschaft dieses un-glücklichen Weibes folgte, zwar unterbrochen stoßweise, einStrom von Worten, wie ein Bach sich in Absätzen von Felsenzu Felsen stürzt. Eine natürliche Sprache, kurz und abge-brochen, machte sich eindringlich und rührend; vergebens würdeman sie in unseren Mundarten übersetzen wollen, den unge-fähren Inhalt dürften wir nicht verfehlen. Sie haben dich er-mordet, armes Thier! ermordet ohne Noth! Du warst zahmund hättest dich gern ruhig niedergelassen und auf uns gewartet:denn deine Fußballen schmerzten dich, und deine Krallen hattenkeine Kraft mehr! Die heiße Sonne fehlte dir, sie zu reifen!Du warst der schönste deines Gleichen; wer hat je einen könig-lichen Tiger so herrlich ausgestreckt im Schlafe gesehen, wie dunun hier liegst, todt, um nicht wieder aufzustehen! Wenn dudes Morgens aufwachtest beim frühen Tagschein und den Rachenaufsperrtest, ausstreckend die rothe Zunge, so schienst du uns zulächeln, und wenn schon brüllend, nahmst du doch spielend deinFutter aus den Handen einer Frau, von den Fingern eines Kindes!Wie lange begleiteten wir dich auf deinen Fahrten! wie langewar deine Gesellschaft uns wichtig und fruchtbar! Uns, unsganz eigentlich kam die Speise von den Fressern und süße Labungvon den Starken. So wird es nicht mehr seyn! Wehe! wehe I

Sie hatte nicht ausgeklagt, als über die mittlere Höhe desBergs am Schlosse herab Reiter heransprengten, die alsobald fürdas Jagdgefolge des Fürsten erkannt wurden, er selbst voran.Sie hatten, in den Hinteren Gebirgen jagend, die Brandwolkenaufsteigen sehen und durch Thäler und Schluchten, wie auf ge-waltsam hetzender Jagd, den geraden Weg nach diesem trau-rigen Zeichen genommen. Ueber die steinige Blöße einherspren-gend, stutzten und starrten sie, nun die unerwartete Gruppegewahr werdend, die sich aus der leeren Fläche merkwürdigauszeichnete. Nach dem ersten Erkennen verstummte man, undnach einigem Erholen ward, was der Anblick nicht selbst ergab,mit wenigen Worten erläutert. So stand der Fürst vor demseltsamen, unerhörten Ereigniß, einen Kreis umher von Rei-tern und Nacheilenden zu Fuße. Unschlüssig war man nicht,was zu thun sey; anzuordnen, auszuführen war der Fürst be-schäftigt, als ein Mann sich in den Kreis drängte, groß vonGestalt, bunt und wunderlich gekleidet wie Frau und Kind.Und nun gab die Familie zusammen Schmerz und Ueber-raschung zu erkennen. Der Mann aber, gefaßt, stand in ehr-furchtsvoller Entfernung vor dem Fürsten und sagte: Es istnicht Klagenszeit! Ach, mein Herr und mächtiger Jäger, auchder Löwe ist los; auch hier nach dem Gebirg ist er hin: aberschont ihn! habt Barmherzigkeit, daß er nicht umkomme wiedieß gute Thier!

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