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Aus mewern Leben.
Alles dieses wünschte ich nach und nach zn Befriedigungmeiner Wohlwollenden einzuschalten; allein diese Bemühungenund Betrachtungen führten mich immer weiter: denn indem ich sjener sehr wohl überdachten Forderung zu entsprechen wünschteund mich bemühte, die innern Regungen, die äußern Einflüsse,die theoretisch und praktisch von mir betretenen Stufen der Reihenach darzustellen, so ward ich aus meinem engen Privatlebenin die weite Welt gerückt; die Gestalten von hundert bedeutendenMenschen, welche näher oder entfernter auf mich eingewirkt,traten hervor, ja die ungeheuern Bewegungen des allgemeinen ipolitischen Weltlaufs, die auf mich wie auf die ganze Masse der !Gleichzeitigen den größten Einfluß gehabt, mußten vorzüglichbeachtet werden. Denn dieses scheint die Hauptaufgabe der Bio sgraphie zu seyn, den Menschen in seinen Zeitverhältnissen dar- izustellen und zu zeigen, in wiefern ihm das Ganze widerstrebt, !in wiefern es ihn begünstigt, wie er sich eine Welt- und Men- ^schenanficht daraus gebildet, und wie er sie, wenn er Künstler,Dichter, Schriftsteller ist, wieder nach außen abgespiegelt.Hierzu wird aber ein kaum Erreichbares gefordert, daß nämlich ^das Individuum sich und sein Jahrhundert kenne, sich, in wie-fern es unter allen Umständen dasselbe geblieben, das Jahr-hundert, als welches sowohl den Willigen als Unwilligen mit !sich fortreißt, bestimmt und bildet, dergestalt daß man wohl ,sagen kann, ein jeder, nur zehn Jahre früher oder später gc- ^boren, dürfte, was seine eigene Bildung und die Wirkung nach 'außen betrifft, ein ganz anderer geworden seyn. !
Auf diesem Wege^ aus dergleichen Betrachtungen und Ber- 'suchen, aus solchen Erinnerungen und Ueberlegungen entsprang ^die gegenwärtige Schilderung, und aus diesem Gesichtspunkt !ihres Entstehens wird sie am besten genossen, genutzt, und am ^billigsten beurtheilt werden können. Was aber sonst noch, beson >ders über die halb poetische, halb historische Behandlung, etwa ^zu sagen seyn möchte, dazu findet sich wohl im Laufe der Erzäh- ;lung mehrmals Gelegenheit.
Erstes Luch.
Am 28. August 1749, Mittags mit dem GlockenschlageZwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Con-stellation war glücklich: die Sonne stand im Zeichen der Jung-frau, und culminirte für den Tag; Jupiter und Venus blicktensie freundlich an, Mercur nicht widerwärtig; Saturn und Marsverhielten sich gleichgültig; nur der Mond, der so eben voll !ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zu- >gleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich !daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis >diese Stunde vorübergegangen.
Diese guten Aspecten, welche mir die Astrologen in der iFolgezeit sehr hoch anzurechnen wußten, mögen wohl Ursache an ^meiner Erhaltung gewesen seyn: denn durch Ungeschicklichkeit !der Hebamme kam ich für todt auf die Welt, und nur durchvielfache Bemühungen brachte man es dahin, daß ich das Lichterblickte. Dieser Umstand, welcher die Meinigen in große Nothversetzt hatte, gereichte jedoch meinen Mitbürgern zum Vortheil,indem mein Großvater, der Schultheiß Johann WolfgangTextor, daher Anlaß nahm, daß ein Geburtshelfer angestellt,und der Hebammenunterricht eingeführt oder erneuert wurde;
: welches denn manchem der Nachgebvrenen mag zu Gute ge-^ kommen seyn.
! Wenn man sich erinnern will, was uns in der frühestenZeit der Jugend begegnet ist, so kommt man oft in den Fall,dasjenige, was wir von andern gehört, mit dem zn verwech-seln, was wir wirklich aus eigener anschauender Erfahrung be-sitzen. Ohne also hierüber eine genaue Untersuchung anzustellen,welche ohnehin zu nichts führen kann, bin ich mir bewußt, daßwir in einem alten Hause wohnten, welches eigentlich aus zwei! durchgebrochenen Häusern bestand. Eine thurmartige Treppe! führte zu unzusammenhängenden Zimmern, und die Ungleichheitder Stockwerke war durch Stufen ausgeglichen. Für uns Kinder,i eine jüngere Schwester und mich, war die untere weitläufigei Hausflur der liebste Raum, welche neben der Thüre ein großes! hölzernes Gitterwerk hatte, wodurch man unmittelbar mit der^ Straße und der freien Luft in Verbindung kam. Einen solchenVogelbauer, mit dem viele Häuser versehen waren, nannte manein Geräms. Die Frauen saßen darin, um zu nähen und znstricken; die Köchin las ihren Salat; die Nachbarinnen besprachensich von daher mit einander, und die Straßen gewannen da-durch in der guten Jahrszeit ein südliches Ansehen. Man fühlte! sich frei, indem man mit dem Oeffentlichen vertraut war. So, kamen auch durch diese Gerämse die Kinder mit den Nachbarn! in Verbindung, und mich gewannen drei gegenüber wohnendei Brüder von Ochsen st ein, hinterlassene Söhne des verstor-^ denen Schultheißen, gar lieb, und beschäftigten und neckten sich' mit mir auf mancherlei Weise.
Die Meinigen erzählten gern allerlei Eulenspiegeleien, zu. denen mich jene sonst ernsten und einsamen Männer angereizt.
^ Ich führe nur einen von diesen Streichen an. Es war eben> Topsmarkt gewesen, und man hatte nicht allein die Küche für^ die nächste Zeit mit solchen Waaren versorgt, sondern auch uns; Kindern dergleichen Geschirr im kleinen zu spielender Beschäf-^ tigung eingekauft. An einem schönen Nachmittag, da alles ruhig^ im Hause war, trieb ich im Geräms mit meinen Schüsseln und' Töpfen mein Wesen, und da weiter nichts dabei herauskommenwollte, warf ich ein Geschirr auf die Straße und freute mich,i daß es so lustig zerbrach. Die von Ochsenstein, welche sahen,
^ wie ich mich daran ergetzte, daß ich so gar fröhlich in die Händ-chen patschte, riefen: Nochmehrl Jchsäumtenicht, sogleich eineni Topf, und auf immer fortwährendes Rufen: Noch mehr! nach! und nach sämmtliche Schüsselchen, Tiegelchen, Kännchen gegeni das Pflaster zu schleudern. Meine Nachbarn fuhren fort, ihrenBeifall zu bezeigen, und ich war höchlich froh, ihnen Vergnügen, zu machen. Mein Borrath aber war aufgezehrt und sie riefen! immer: Noch mehr! Ich eilte daher stracks in die Küche und! holte die irdenen Teller, welche nun freilich im Zerbrechen noch^ ein lustigeres Schauspiel gaben: und so lief ich hin und wieder,i brachte einen Teller nach dem andern, wie ich sie auf dem Tops-^ breit der Reihe nach erreichen konnte, und weil sich jene gar! nicht zufrieden gaben, so stürzte ich alles, was ich von Geschirr»schleppen konnte, in gleiches Verderben. Nur später erschien. jemand zu hindern und zu wehren. Das Unglück war geschehen,und man hatte für so viel zerbrochene Töpferwaare wenigstenseine lustige Geschichte, an der sich besonders die schalkischen Ur-heber bis an ihr Lebensende ergetzten.
Meines Vaters Mutter, bei der wir eigentlich im Hausewohnten, lebte in einem großen Zimmer hinten hinaus,