Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Wahrheit und Dichtung

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unmittelbar an der Hausflur, und wir pflegten unsere Spiele bisau ihren Sessel, ja wenn sie krank war, bis an ihr Bett hinauszudehnen. Ich erinnere mich ihrer gleichsam als eines Gei-stes, als einer schönen, hagern, immer weiß und reinlich geklei-deten Frau. Sanft, freundlich, wohlwollend ist sie mir imGedächtniß geblieben.

Wir hatten die Straße, in welcher unser Haus lag, denHirschgraben nennen hören; da wir aber weder Graben nochHirsche sähen, so wollten wir diesen Ausdruck erklärt wissen.Man erzählte sodann, unser Haus stehe auf einem Raum, dersonst außerhalb der Stadt gelegen, und da, wo jetzt die Straßesich befinde, sey ehemals ein Graben gewesen, in welchem eineAnzahl Hirsche unterhalten worden. Man habe diese Thierehier aufbewahrt und genährt, weil nach einem alten Herkom-men der Senat alle Jahr einen Hirsch öffentlich verspeiset, denman denn für einen solchen Festtag hier im Graben imnierzur Hand gehabt, wenn auch auswärts Fürsten und Ritter derStadt ihre Jagdbefugniß verkümmerten und störten, oderwohl gar Feinde die Stadt eingeschlossen oder belagert hielten.Dieß gefiel uns sehr, und wir wünschten, eine solche zahmeWildbahn wäre auch bei unsern Zeiten zu sehen gewesen.

Die Hinterfeite des Hauses hatte, besonders aus dem obernStock, eine sehr angenehme Aussicht über eine beinahe unab-sehbare Flache von Nachbarsgärten, die sich bis an die Stadt-mauern verbreiteten. Leider aber war, bei Verwandlung dersonst hier befindlichen Gemeindeplätze in Hausgärten, unserHaus und noch einige andere, die gegen die Straßenecke zulagen, sehr verkürzt worden, indem die Häuser vom Roßmarkther weitläufige Hintergebäude und große Gärten sich zueigneten,wir aber uns durch eine ziemlich hohe Mauer unseres Hofesvon diesen so nahe gelegenen Paradiesen ausgeschlossen sahen.

Im zweiten Stock befand sich ein Zimmer, welches mandas Gartenzimmer nannte, weil man sich daselbst durch wenigeGewächse vor den, Fenster den Mangel eines Gartens zu ersetzengesucht hatte. Dort war, wie ich heranwuchs, mein liebster,zwar nicht trauriger, aber doch sehnsüchtiger Aufenthalt. Ueberjene Gärten hinaus, über Stadtmauern und Wälle sah manin eine schöne, fruchtbare Ebene; es ist die, welche sich nachHöchst hinzieht. Dort lernte ich Sommerszeit gewöhnlich meineLectionen, wartete die Gewitter ab und konnte mich an deruntergehenden Sonne, gegen welche die Fenster gerade gerichtetwaren, nicht satt genug sehen. Da ich aber zu gleicher Zeit dieNachbarn in ihren Gärten wandeln und ihre Blumen besorgen,die Kinder spielen, die Gesellschaften sich ergehen sah, die Kegel-kugeln rollen und die Kegel fallen hörte, so erregte dieß früh-zeitig in mir ein Gefühl der Einsamkeit und einer darausentspringenden Sehnsucht, das, dem von der Natur in michgelegten Ernsten und Ahnungsvollen entsprechend, seinen Ein-fluß gar bald und in der Folge noch deutlicher zeigte.

Die alte, Winkelhafte, an vielen Stellen düstere Beschaffen-heit des Hauses war übrigens geeignet, Schauer und Furchtin kindlichen Gemüthern zu erwecken. Unglücklicherweise hatteman noch die Erziehungsmaxime, den Kindern frühzeitig alleFurcht vor dem Ahnungsvollen und Unsichtbaren zu benehmenund sie an das Schauderhafte zu gewöhnen. Wir Kinder solltendaher allein schlafen, und wenn uns dieses unmöglich fiel, undwir uns sachte aus den Betten hervormachten und die Gesell-schaft der Bedienten und Mägde suchten, so stellte sich, in

Hingewandtem Schlafrock und also für uns verkleidet genug, derVater in den Weg und schreckte uns in unsere Ruhestätte zurück.Die daraus entspringende üble Wirkung denkt sich jedermann.Wie soll derjenige die Furcht los werden, den man zwischen eindoppeltes Furchtbare einklemmt? Meine Mutter, stets heiterund froh und andern das gleiche gönnend, erfand eine besserepädagogische Auskunft: sie wußte ihren Zweck durch Beloh-nungen zu erreichen. Es war die Zeit der Pfirsichen, derenreichlichen Genuß sie uns jeden Morgen versprach, wenn wirNachts die Furcht überwunden hätten. Es gelang und beideTheile waren zufrieden.

Innerhalb des Hauses zog meinen Blick am meisten eineReihe Römischer Prospecten auf sich, mit welchen der Vatereinen Vorsaal ausgeschmückt hatte, gestochen von einigen geschick-ten Vorgängern des Piranese, die sich auf Architectur und Per-spektive wohl verstanden, und deren Nadel sehr deutlich undschätzbar ist. Hier sah ich täglich die Piazza del Popvlo, dasColiseo, den Petersplatz, die Peterskirche von außen und innen,die Engelsburg und so manches andere. Diese Gestalten drück-ten sich tief bei mir ein, und der sonst sehr lakonische Vater hattewohl manchmal die Gefälligkeit, eine Beschreibung des Gegen-standes vernehmen zu lassen. Seine Vorliebe für die Italiäni-sche Sprache und für alles, was sich auf jenes Land bezieht,war sehr ausgesprochen. Eine kleine Marmor- und Naturalien-sammlung, die er von dorther mitgebracht, zeigte er uns auchmanchmal vor, und einen großen Theil seiner Zeit verwendeteer auf seine Italiänisch verfaßte Reisebeschreibung, deren Ab-schrift und Redaction er eigenhändig, Heftweise, langsam undgenau ausfertigte. Ein alter heiterer Italiänischer Sprachmei-ster, Gi ovinazzi genannt, war ihm daran behülflich. Auchsang der Alte nicht übel, und meine Mutter mußte sich beque-men, ihn und sich selbst mit dem Claviere täglich zu accompagni-ren; da ich denn das Loliturio boseo onadroso bald kennenlernte und auswendig wußte, ehe ich es verstand.

Mein Vater war überhaupt lehrhafter Natur, und bei seinerEntfernung von Geschäften wollte er gern dasjenige, was erwußte und vermochte, auf andere übertragen. So hatte er meineMutter in den ersten Jahren ihrer Verheirathung zum fleißigenSchreiben angehalten, wie zum Clavierspielen und Singen;wobei sie sich genöthigt sah, auch in der Italiänischen Spracheeinige Kenntniß und nothdllrstige Fertigkeit zu erwerben.

Gewöhnlich hielten wir uns in allen unsern Freistunden zurGroßmutter, in deren geräumigem Wohnzimmer wir hinläng-lich Platz zu unsern Spielen fanden. Sie wußte uns mitallerlei Kleinigkeiten zu beschäftigen und mit allerlei gutenBissen zu erquicken. An einem Weihnachtsabende jedoch setztesie allen ihren Wohlthaten die Krone auf, indem sie uns einPuppenspiel vorstellen ließ, und so in dem alten Hause eineneue Welt erschuf. Dieses unerwartete Schauspiel zog diejungen Gemüther mit Gewalt an sich; besonders auf denKnaben machte es einen sehr starken Eindruck, der in einegroße, langdauernde Wirkung nachklang.

Die kleine Bühne mit ihrem stummen Personal, die manuns anfangs nur vorgezeigt hatte, nachher aber zu eigenerUebung und dramatischer Belebung übergab, mußte unsKinoern um so viel werther seyn, als es das letzte Bermächtnißunserer guten Großmutter war, die bald darauf durch zuneh-! mende Krankheit unsern Augen erst entzogen und dann für