Au« meinem Leben.
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immer durch den Tod entrissen wurde. Ihr Abscheiden warfiir die Familie von desto größerer Bedeutung, als es einevöllige Veränderung in dem Zustande derselben nach sich zog.
So lange die Großmutter lebte, hatte mein Vater sichgehütet, nur das mindeste im Hause zu verändern oder zuerneuern; aber man wußte wohl, daß er sich zu einem Haupt-bau vorbereitete, der nunmehr auch sogleich vorgenommenwurde. In Frankfurt, wie in mehrern alten Städten, hatteman bei Aufführung hölzerner Gebäude, um Platz zu gewin-nen, sich erlaubt, nicht allein mit dem ersten, sondern auch mitden folgenden Stocken überzubauen; wodurch denn freilichbesonders enge Straßen etwas Düsteres und Aengstliches beka-men. Endlich ging ein Gesetz durch, daß, wer ein neues Hausvon Grund auf baue, nur mit dem ersten Stock über das Fun-dament herausrücken dürfe, die übrigen aber senkrecht aufführenmüsse. Mein Vater, um den vorspringenden Raum im zweitenStock auch nicht aufzugeben, wenig bekümmert um äußeresarchitektonisches Ansehen, und nur um innere gute und bequemeEinrichtung besorgt, bediente sich, wie schon mehrere vor ihmgethan, der Ausflucht, die obern Theile des Hauses zu unter-stützen und von unten herauf einen nach dem andern wegzu-nehmen, und das Neue gleichsam einzuschalten, so daß, wennzuletzt gewissermaaßen nichts von dem Alten übrig blieb, derganz neue Bau noch immer für eine Reparatur gelten konnte.Da nun also das Einreisten und Aufrichten allmählig geschah,so hatte mein Vater sich vorgenommen, nicht aus dem Hausezu weichen, um desto besser die Aufsicht zu führen und die An-leitung geben zu können: denn auf's Technische des Baues ver-stand er sich ganz gut; dabei wollte er aber auch seine Familienicht von sich lassen. Diese neue Epoche war den Kindern sehrüberraschend und sonderbar. Die Zimmer, in denen man sieoft enge genug gehalten und mit wenig erfreulichem Lernenund Arbeiten geängstigt, die Gänge, auf denen sie gespielt, dieWände, für deren Reinlichkeit und Erhaltung nian sonst sosehr gesorgt, alles das vor der Hacke des Maurers, vor demBeile des Zimmermarws fallen zu sehen, und zwar von untenherauf, und indessen oben auf unterstützten Balken, gleichsamin der Luft zu schweben, und dabei immer noch zu einer gewissenLection, zu einer bestimmen Arbeit angehalten zu werden —dieses alles brachte eine Verwirrung in den jungen Köpfen her-vor, die sich so leicht nicht wieder in's Gleiche setzen ließ. Dochwurde die Unbequemlichkeit von der Jugend weniger empfun-den , weil ihr etwas mehr Spielraum als bisher und mancheGelegenheit, sich auf Balken zu schaukeln und auf Bretern zuschwingen, gelassen ward.
Hartnäckig setzte der Vater die erste Zeit seinen Plan durch;doch als zuletzt auch das Dach theilweise abgetragen wurde, undungeachtet alles übergespannten Wachstuches von abgenomme-nen Tapeten der Regen bis zu unsern Betten gelangte, so ent-schloß er sich, obgleich ungern, die Kinder wohlwollendenFreunden, welche sich schon früher dazu erboten hatten, aufeine Zeitlang zu überlassen und sie in eine öffentliche Schulezu schicken.
Dieser llebergang hatte manches Unangenehme: denn indemman die bisher zu Hause abgesondert, reinlich, edel, obgleichstreng, gehaltenen Kinder unter eine rohe Masse von jungenGeschöpfen hiuunterstieß, so hatten sie vom Gemeinen, Schlech-ten, ja Niederträchtigen ganz unerwartet alles zu leiden, weil
sie aller Waffen und aller Fähigkeiten ermangelten, sich dagegenzu schützen.
Um diese Zeit war es eigentlich, daß ich meine Vaterstadtzuerst gewahr wurde; wie ich denn nach und nach immer freierund ungehinderter, theils allein, theils mit muntern Gespielen,darin auf und ab wandelte. Um den Eindruck, den diese ern-sten und würdigen Umgebungen auf mich machten, einiger-maaßen mitzutheilen, muß ich hier mit der Schilderung meinesGeburtsortes vorgreifen, wie er sich in seinen verschiedenenTheilen allmählig vor mir entwickelte. Am liebsten spazierteich auf der großen Mainbrücke. Ihre Länge, ihre Festigkeit,ihr gutes Ansehen machte sie zu einem bemerkenswerthen Bau-werk; auch ist es aus früherer Zeit beinahe das einzige Denk-mal jener Vorsorge, welche die weltliche Obrigkeit ihren Bür-gern schuldig ist. Der schöne Fluß auf- und abwärts zog meineBlicke nach sich; und wenn auf dem Brückenkreuz der goldeneHahn im Sonnenschein glänzte, so war es mir immer eineerfreuliche Empfindung. Gewöhnlich ward alsdann durch Sach-senhausen spaziert, und die Ueberfahrt für einen Kreuzer gar be-haglich genossen. Da befand man sich nun wieder diesseits, daschlich man zum Weinmarkte, bewunderte den Mechanismusder Krahne, wenn Waaren ausgeladen wurden; besonders aberunterhielt uns die Ankunft der Marktschiffe, wo man so man-cherlei und mitunter so seltsame Figuren aussteigen sah. Ginges nun in die Stadt herein, so ward jederzeit der Saalhof, derwenigstens an der Stelle stand, wo die Burg Kaiser Carl'sdes Großen und seiner Nachfolger gewesen seyn sollte, ehr-furchtsvoll gegrüßt. Man verlor sich in die alte Gewerbstadt,und besonders Markttages gern in dem Gewühl, das sich umdie Bartholomäuskirche herum versammelte. Hier hatte sichvon den frühesten Zeiten an die Menge der Verkäufer und Krä-mer über einander gedrängt, und wegen einer solchen Besitz-nahme konnte nicht leicht in den neuern Zeiten eine geräumigeund heitere Anstalt Platz finden. Die Buden des sogenanntenPfarreisens waren uns Kindern sehr bedeutend, und wirtrugen manchen Batzen hin, um uns farbige, mit goldenenThieren bedruckte Bogen anzuschaffen. Nur selten aber mochteman sich über den beschränkten, vollgepfropften und unrein-lichen Marktplatz hindrängen. So erinnere ich mich auch, daßich immer mit Entsetzen vor den daranstoßeuden engen undhäßlichen Fleischbänken geflohen bin. Der Römerberg war eindesto angenehmerer Spazierplatz. Der Weg nach der neuenStadt durch die Neue Kräm war immer aufheiternd undergetzlich; nur verdroß es uns, daß nicht neben der Liebfrauen-kirche eine Straße nach der Zeile zuging, und wir immerden großen Umweg durch die Hasengasse oder die Katharinen-pforte machen mußten. Was aber die Aufmerksamkeit desKindes am meisten an sich zog, waren die vielen kleinen Städtein der Stadt, die Festungen in der Festung, die ummauertenKlostcrbezirke nämlich, und die aus frühern Jahrhundertennoch übrigen mehr oder minder burgartigen Räume: so derNürnberger Hof, das Compostell, das Braunfels, das Stamm-haus derer von Stallburg, und mehrere in den spätern Zeitenzu Wohnungen und Gewerbsbenutzungen eingerichtete Festen.Nichts architektonisch Erhebendes war damals in Frankfurt zusehen: alles deutete auf eine längst vergangene, für Stadt undGegend sehr unruhige Zeit. Pforten und Thürme, welche dieGränze der alten Stadt bezeichneten, dann weiterhin abermals