Au« einer Reise am Rhein, Main und Neckar,
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bestehe, die sich Wechselsweise auf einander beziehen. Hierzuwird erfordert, daß es eine Mitte habe, ein Oben und Unten,ein Hüben und Drüben, woraus zuerst Symmetrie entsteht,welche, wenn sie dem Verstände völlig faßlich bleibt, die Zierdeaus der geringsten Stufe genannt werden kann. Je mannich-faltiger dann aber die Glieder werden und je mehr jene ansang- iliche Symmetrie verflochten, versteckt, in Gegensätzen abgewechselt, Ials ein offenbares Geheimniß vor unsern Augen steht, desto an- !genehmer wird die Zierde seyn und ganz vollkommen, wenn wiran jene ersten Grundlagen dabei nicht mehr denken, sondern als !von einem Willkürlichen und Zufälligen überrascht werden.
An jene strenge, trockene Symmetrie hat sich die Byzanti- inische Schule immerfort gehalten, und obgleich dadurch ihreBilder steif und unangenehm werden, so kommen doch Fällevor, wo durch Abwechslung der Gliederstellung bei Figuren,die einander entgegenstehen, eine gewisse Anmuth hervorgebrachtwird. Diesen Vorzug also, ingleichen jene oben gerühmte Man-nichfalügkeit der Gegenstände alt- und neutestamentlicher Ueber-lieferungen, verbreiteten diese östlichen Kunst - und Handwerks-genosscn über die damals ganze bekehrte Welt.
Was hierauf in Italien sich ereignet, ist allgemein bekannt.Das praktische Talent war ganz und gar verschwunden, undalles, was gebildet werden sollte, hing von den Griechen ab.Die Thüren des Tempels St. Paul außerhalb der Mauernwurden im eilften Jahrhundert zu Konstantinopel gegossen, unddie Felder derselben mit eingegrabenen Figuren abscheulich ver-ziert. Zu eben dieser Zeit verbreiteten sich Griechische Maler-schulen durch Italien; Konstantinopel sendete Baumeister undMussivarbeiter, und diese bedeckten mit einer traurigen Kunst ,den zerstörten Westen. Als aber im dreizehnten Jahrhundert jdas Gefühl an Wahrheit und Lieblichkeit der Natur wieder aus- ^wachte, so ergriffen die Jtaliäner sogleich die an den Byzantinern >gerühmten Verdienste, die symmetrische Composition und denUnterschied der Charaktere. Dieses gelang ihnen um so eher,als sich der Sinn für Form schnell hervorthat. Er konnte beiihnen nicht ganz untergehen. Prächtige Gebäude des Alter-thums standen Jahrhunderte vor ihren Augen, und die erhal-tenen Theile der eingegangenen oder zerstörten wurden sogleichwieder zu kirchlichen und öffentlichen Zwecken benutzt. Die herr-lichsten Statuen entgingen dem Verderben, wie denn die beiden 'Kolossen niemals verschüttet worden. Und so war denn auch inoch jede Trümmer gestaltet. Der Römer besonders konnte den !Fuß nicht niedersetzen, ohne etwas Geformtes zu berühren, nicht !seinen Garten, sein Feld bauen, ohne das Köstlichste an den Tag >zu fördern. Wie es in Siena, Florenz und sonst ergangen, darfuns hier nicht aushalten, um so weniger als jeder Kunstfreundsich sowohl hierüber als über die sämmtlichen schon bespreche- ,neu Gegenstände aus dem höchst schätzbaren Werk des Herrnd' Agincourt auf das genaueste unterrichten kann. ^
Die Betrachtung jedoch, daß die Venezianer, als Bewohnervon Küsten und Niederungen, den Sinn der Farbe bei sich sobald ausgeschlossen gefühlt, ist uns hier wichtig, da wir sie alsUebergang zu den Niederländern benutzen, bei denen wir dieselbeEigenschaft antreffen.
Und so nähern wir uns denn unserm eigentlichen Ziele, demNiederrhein, welchem zu Liebe wir jenen großen Umweg zumachen nicht angestanden.
Nur mit wenigem erinnern wir uns, wie die Ufer dieses
Goethe, Werke. IV.
herrlichen Flusses von Römischen Heeren durchzogen, kriegerischbefestigt, bewohnt und kräftig gebildet worden. Führt nunsogar die dortige vorzüglichste Colonie den Namen von Germa-niens' Gemahlin, so bleibt uns wohl kein Zweifel, daß in jenenZeiten große Kunstbemllhungen daselbst stattgefunden; denn esmußten ja bei solchen Anlagen Künstler aller Art, Baumeister,Bildhauer, Töpfer und Münzmeister, mitwirken, wie uns dievielen Reste bezeugen können, die man ausgrub und ausgräbl.In wiefern in späterer Zeit die Mutter Coustantin des Großen,die Gemahlin Otto's hier gewirkt, bleibt den Geschichtsorscheruzu untersuchen. Unsere Absicht fördert es mehr, der Legendenäher zu treten und in ihr oder hinter ihr einen welthistorischenSinn auszuspähen.
Man läßt eine Britannische Prinzessin Ursula über Rom,einen Afrikanischen Prinzen Gereon gleichfalls über Rom nachKöln gelangen, jene mit einer Schaar von edeln Jungfrauen,diesen mit einem Heldenchor umgeben. Scharfsinnige Männer,welche durch den Dust der Ueberlieferung hindurchschauen,theilten bei diesen Ueberlieferungen folgendes mit. Wenn zweiParteien in einem Reiche entstehen und sich unwiderruflich voneinander trennen, wird sich die schwächere von dem Mittelpunkteentfernen und der Gränze zu nähern suchen. Da ist ein Spiel-raum für Factionen, dahin reicht nicht sogleich der tyrannischeWille. Dort macht allenfalls ein Präfect, ein Statthalter sichselbst durch Mißvergnügte stark, indem er ihre Gesinnungen,ihre Meinungen duldet, begünstigt und wohl gar theilen mag.Diese Ansicht hat für mich viel Reiz; denn wir haben das ähn-liche, ja gleiche Schauspiel in unsern Tagen erlebt, welches iugrauer Vorzeit auch mehr als einmal stattfand. Eine Schaarder edelsten und bravsten Christlichen Ausgewanderten, einenach der andern begiebt sich nach der berühmten schön gelegenenAgrippinischen Colonie, wo sie, wohl aufgenommen und ge-schützt, eines heitern und frommen Lebens in der herrlichstenGegend genießen, bis sie den gewaltsamen Maaßregeln einerGegenpartei schmählich unterliegen. Betrachten wir die Art desMärtyrlhums, wie Ursula und ihre Gesellschaft dasselbe erlitten,so finden wir nicht etwa jene absurden Geschichten wiederholt,wie in dem bestialischen Rom zarte, unschuldige, höher gebildeteMenschen von Henkern und Thieren gemartert und gemordetwerden, zur Schaulust eines wahnsinnigen untern und obernPöbels; nein, wir sehen in Köln ein Blutbad, das eine Parteian der andern ausübt, um sie schneller aus dem Wege zuräumen. Der über die edeln Jungfrauen verhängte Mordgleicht einer Bartholomäusnacht, einem Septembertage; ebenso scheint Gereon mit den Seinen gefallen zu seyn. Wurde nunzu gleicher Zeit am Oberrhein die Thebaische Legion nieder-gemetzelt, so finden wir uns in einer Epoche, wo nicht etwa dieherrschende Partei eine heranwachsende zu unterdrücken, sonderneine ihr zu Kops gewachsene zu vertilgen strebt.
Alles bisher Gesagte, obgleich in möglichster Kürze, dochumständlich ausgeführt, war höchst nöthig, um einen Begriffder Niederländischen Kunstschule zu gründen. Die ByzantinischeMalerschule hatte in allen ihren Verzweigungen mehrere Jahrewie über den ganzen Westen auch am Rhein geherrscht und ein-heimische Gesellen und Schüler zu allgemeinen Kirchenarbeitengebildet; daher sich denn auch manches Trockene, jener düsternSchule völlig Aehnliche in Köln und in der Nachbarschaft findet.Allein der Nationalcharakler, die klimatische Einwirkung thut
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