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Aus einer Reise am Rhein. Main und Ncckar.
sich in der Kunstgeschichte vielleicht nirgend so schön hervor alsin den Nheingegenden, deßhalb wir auch der Entwicklung diesesPunktes alle Sorgfalt gönnen und unserm Vertrag freundlicheAufmerksamkeit erbitten.
Wir übergehen die wichtige Epoche, in welcher Carl derGroße die linke Rheinseite von Mainz bis Aachen mit einerReihe von Residenzen bepflanzte, weil die daraus entsprungeneBildung auf die Malerkunst, von der wir eigentlich reden,keinen Einfluß hatte. Denn jene Orientalische düstere Trocken-heit erheiterte sich auch in diesen Gegenden nicht vor dem drei-zehnten Jahrhundert. Nun aber bricht ein frohes Naturgefühlauf einmal durch, und zwar nicht etwa als Nachahmung deseinzelnen Wirklichen, sondern es ist eine behagliche Angenlust,die sich im Allgemeinen über die sinnliche Welt aufthnt. Apfel-runde Knaben- und Mädchengesichter, eiförmiges Männer- undFrauenantlitz, wohlhäbige Greise mit fließenden oder gekraus'tenBärten, das ganze Geschlecht gut, fromm und heiter, und sämmt-lich, obgleich noch inimer charakteristisch genug, durch einen zarten,ja weichlichen Pinsel dargestellt. Eben so verhält es sich mit denFarben. Auch diese sind heiter, klar, ja kräftig, ohne eigentlicheHarmonie, aber auch ohne Buntheit, durchaus dem Auge ange-nehm und gefällig.
Die materiellen und technischen Kennzeichen der Gemälde, !die wL hier charakterisiren, sind der Goldgrund, mit singe- -druckten Heiligenscheinen um's Haupt, worin der Name zu 'lesen. Auch ist die glänzende Metallfläche ost mit wunderlichen ^Blumen tapetenartig gestempelt, oder durch braune Umrisseund Schattirungen zu vergoldetem Schnitzwerk scheinbar umge- !wandelt. Daß man diese Bilder dem dreizehnten Jahrhundert ?zuschreiben könne, bezeugen diejenigen Kirchen und Capellen, 'wo man sie, ihrer ersten Bestimmung gemäß, noch aufgestelltgefunden. Den stärksten Beweis giebt aber, daß die Kreuzgänge ^und andere Räume mehrerer Kirchen und Klöster mit ähnlichen !Bildern, an welchen dieselbigen Merkmale anzutreffen, ihrer ^Erbauung gleichzeitig, gemalt gewesen.
Unter den in der Boissereeschen Sammlung befindlichen !Bildern steht eine heilige Vervnica billig oben an, weil sie ^zum Beleg des Bishergesagten von ^mehreren Seiten dienen ^kaun. Man wird vielleicht in der Folge entdecken, daß dieses ^Bild, was Composition und Zeichnung betrifft, eine herkömm-liche Byzantinische heilige Vorstellung gewesen. Das schwarz- ^braune, wahrscheinlich nachgedunkelte, dorngekrönte Antlitz ist ^von einem wundersamen, edel schmerzlichen Ausdrucke. Die !Zipfel des Tuchs werden von der Heiligen gehalten, welche,kaum ein Drittel Lebensgröße, dahinter steht und bis an dieBrust davon bedeckt wird. Höchst anmnthig sind Mienen undGeberden; das Tuch stößt unten aus einen angedeuteten Fuß-boden, auf welchem in den Ecken des Bildes an jeder Seite dreiganz kleine, wenn sie stünden, höchstens fußhohe, singende Engel«chen sitzen, die in zwei Gruppen so schön und künstlich zusammen-gerückt sind, daß die höchste Forderung an Composition dadurchvollkommen befriedigt wird. Die ganze Denkweise des Bildesdeutet auf eine herkömmliche, überlegte, durchgearbeitete Kunst;oenn welche Abstraktion gehört nicht dazu, die aufgeführten Ge-stalten in drei Dimensionen hinzustellen, und das Ganze durch-gängig zu symbolisiren ? Die KLrperchen der Engel, besondersaber Köpfchen und Händchen, bewegen und stellen sich so schöngegen einander, daß dabei nichts zu erinnern übrig bleibt.
Begründen wir nun hiermit das Recht, dem Bilde einen Byzan-tinischen Ursprung zu geben, so nöthigt uns die Anmuth undWeichheit, womit die Heilige gemalt ist, womit die Kinder dar-gestellt sind, die Ausführung des Bildes in jene NiederrheinischeEpoche zu setzen, die wir schon weitläufig charakterisirt haben.Es übt daher, weil es das doppelte Element eines strengen Ge-dankens und einer gefälligen Ausführung in sich vereinigt, eineunglaubliche Gewalt auf die Beschauenden aus; wozu denn derContrast des furchtbaren, mednfenhaften Angesichtes zu derzierlichen Jungfrau und den anmuthigen Kindern nicht wenigbeiträgt.
Einige größere Tafeln, worauf mit eben so weichem, an-> genehmem Pinsel, heitern und erfreulichen Farben, Apostel nndKirchenväter, halb Lebensgröße, zwischen goldenen Zinnen undandern architektonisch gemalten Zierrathen, gleichsam als farbigeSchnitzbildcr, inne stehen, geben uns zu ähnlichen BetrachtungenAnlaß, deuten aber zugleich auf neue Bedingungen. Es istnämlich gegen das Ende des sogenannten Mittelalters die Plastikeuch in Deutschland der Malerei vorgeeilt, weil sie der Bau-kunst unentbehrlicher, der Sinnlichkeit gemäßer und dein Talentenäher zur Hand war. Der Maler, wenn er aus dem mehroder weniger Mauierirten sich durch eigene Anschauung derWirklichkeit retten will, hat den doppelten Weg, die Nachahmungder Natur oder die Nachbildung schon vorhandener Kunstwerke.Wir verkürzen daher in dieser malerischen Epoche dem Niederlimbischen Künstler keineswegs sein Verdienst, wenn wir dieFrage auswerfen, ob nicht diese hier mit lieblicher Weichheit undZartheit in Gemälden aufgeführten, reich, aber frei bemänteltenheiligen Männer Nachbildungen von geschnitzten Bildnissenseyen, die, entweder ungefärbt oder gefärbt, zwischen ähnlichenvergoldeten architektonischen wirklichen Schnitzwerken gestanden.Wir glauben uns zu dieser Vermuthung besonders berechtigtdurch die zu den Füßen dieser Heiligen in verzierten Fächerngemalt liegenden Schädel, woraus wir denn folgern, daß dieseBilder ein irgendwo aufgestelltes Reliquiarium mit dessen Zier-rathen und Figuren nachahmen. Ein solches Bild wird umdesto angenehmer, als ein gewisser Ernst, den die Plastik vor-der Malerei immer voraus hat, durch eine freundliche Behand-lung würdig hindurchsieht. Alles, was wir hier behaupten,mag sich in der Folge noch mehr bestätigen, wenn man auf diefreilich zerstreuten altkirchlichen Ueberreste eine vorurtheilsfreieAufmerksamkeit wenden wird.
Wenn nun schon zu Anfang des dreizehnten JahrhundertsWolfram von Escheubach in seinem Parzival die Maler vonKöln und Maestricht gleichsam sprichwörtlich als die besten vonDeutschland aufführt, so wird es niemand wundern, daß wirvon alten Bildern dieser Gegenden so viel Gutes gesagt haben.Nun aber fordert eine neue, zu Anfang des fünfzehnten Jahr-hunderts eintretende Epoche unsere ganze Aufmerksamkeit, wennwir derselben gleichfalls ihren entschiedenen Charakter abzu-gewinnen gedenken. Ehe wir aber weiter gehen, und von derBehandlungsweise sprechen, welche sich nunmehr hervorthut,erwähnen wir nochmals der Gegenstände, welche den Nieder-rheinischen Malern vorzüglich gegeben waren.
Wir bemerkten schon oben, daß die Hauptheiligen jenerGegend edle Jungfrauen und Jünglinge gewesen, daß ihr Todnichts von den widerlichen Zufälligkeiten gehabt, welche beiDarstellung anderer Märtyrer der Kunst so äußerst unbequem