Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Annalen oder Tag- und Jahresheftc,

nicht zu entziffern. Dieselbe Zweideutigkeit, welche sowohl dieJahres- als Volkszahlen der Hebräer höchst unsicher läßt, waltetauch hier, und hieß uns von fernerer Untersuchung abstehen.

In der Plastik zeigte sich auch einige Thätigkeit, wenn nichtim vielen, doch im Bedeutenden: einige Büsten in Gyps undMarmor vom Hofbildhauer Kaufmann erhalten Beifall, undeine kleinere Medaille mit Serenissimi Bild in Paris zu fertigenward besprochen und berathen.

Theorie und Kritik, auch sonstiger Einfluß verfolgte seinenGang, und nützte bald im Engern, bald im Breitern. EinAufsatz des Weimarischen Kunstfreundes für Berlin, Kunst-schulen und Akademien betreffend, ein anderer auf Museen rück-sichtlich, nach Ueberzeugung mitgetheilt, wenn auch nicht allerOrten mit Billigung aufgenommen; eine Abhandlung über denSteindruck, die Meister solcher Kunst belobend, ihnen gewißerfreulich: alles dieses zeugte von dem Ernst, womit man das 'Heil der Kunst von seiner Seite zu fördern manuichfaltig be- !dacht war. ^

Eine sehr angenehme Unterhaltung mit auswärtigen Freun-den gewährte, durch Vermittlung von Kupferstichen, manche !Betrachtung über Conception, höhere so wie technische Compo- 'sition, Erfinden und Geltendmacheu der Motive. Der hoheWerth der Kupferstecherkunst in diesem historischen Sinne ward szugleich hervorgehoben und sie für ein Glück gehalten. !

Die Musik versprach gleichfalls in meinem häuslichen Kreisesich wieder zu heben. Alexandre Boucher und Frau, mitVioline und Harfe, setzten zuerst einen kleinen Kreis versam-melter Freunde in Verwunderung und Erstaunen, wie es ihnennachher mit unserm und dem so großen und an alles Trefflichegewöhnten Berliner Publicum gelang. Dircctor Eberweinsund seiner Gattin musicalisch - Productive und ausführendeTalente wirkten zu wiederholtem Genuß, und in der HälfteMais konnte schon ein größeres Concert gegeben werden. Reci-tation und rhythmischen Vertrag zu vernehmen und anzuleiten,war eine alte, nie ganz erstorbene Leidenschaft. Zwei entschie-dene Talente dieses Faches, Gräfin Julie von Egloffsteinund Fräulein Adele Schopenhauer, crgetzten sich den Ber-liner Prolog vorzutragen, jede nach ihrer Weise, jede die Poesiedurchdringend und ihren» Charakter gemäß in liebenswürdigerVerschiedenheit darstellend. Durch die kemitnißreiche Sorgfalteines längst bewährten Freundes, Hofrath Rochlitz, kam einbedachtsam geprüfter Streicherscher Flügel von Leipzig an; glück-licherweise! denn bald darauf brachte uns Zelter einen höchsteVerwunderung erregenden Zögling, Felix Mendelssohn,dessen unglaubliches Talent wir ohne eine solche vermittelndeMechanik niemals hätten gewahr werden können. Und so kamdenn auch ein großes bedeutendes Concert zu Stande, wobeiunser nicht genug zu preisender Capellmeister Hummel sichgleichfalls hören ließ, der sodann auch von Zeit zu Zeit durchdie merkwürdigsten Ausübungen den Besitz des vorzüglichenInstrumentes in's Unschätzbare zu erheben verstand.

Ich wende mich zur Naturforschung, und da habe ich vorallem zu sagen, daß Purkinjes Werk über das Sehen insubjectiver Hinsicht mich besonders aufregte. Ich zog es ausund schrieb Noten dazu, und ließ, in Absicht Gebrauch davonin meinen Heften zu machen, die beigefügte Tafel copireu,welche mllhesame und schwierige Arbeit der genaue Künstler gernunternahm, weil er in früherer Zeit durch ähnliche Erscheinungen

geängstigt worden, und nun mit Vergnügen erfuhr, daß sie alsnaturgemäß keinen krankhaften Zustand andeuteten.

! Da auf dem reinen Begriff vom Trüben die ganze Farben-lehre beruht, indem wir durch ihn zur Anschauung des Urphäno-inens gelangen, und durch eine vorsichtige Entwicklung desselben, uns über die ganze sichtbare Welt aufgeklärt finden, so war es' wohl der Mühe werth sich umzusehen, wie die verschiedenen! Völker sich hierüber ausgedrückt, von wo sie ausgegangen und! wie sie, roher oder zarter, in der Beziehung sich näherer oderentfernterer Analogien bedient. Man suchte gewisse WienerTrinkgläser habhaft zu werden, auf welchen eine trübe Glasurdas Phänomen schöner als irgendwo darstellte.

Verschiedenes Chromatische wurde zum vierten Heste ausfrühern Papieren hervorgesucht, Bcrnardinus Telesius sowohlüberhaupt als besonders der Farbe wegen studirt. SeebecksVorlesung über die ungleiche Erregung der Wärme im prisma-tischen Sonnenbilde war höchst willkommen, und die frühemeigenen Vorstellungen über diese merkwürdigen Erscheinungenerwachten wieder.

Hofmechanicus Körner beschäftigte sich Flintglas zu fer-tigen, stellte in seiner Werkstatt nach Französischen Vorschriftenein Instrument auf zu den sogenannten Polarisationsversucheu;das Resultat derselben war, wie man sich schon lange belehrthatte, kümmerlich, und merkwürdig genug, daß zu gleicher Zeiteine Fehde zwischen Biot und Arago laut zu werden anfing,woraus für den Wissenden die Nichtigkeit dieser ganzen Lehrenoch mehr an den Tag kam.

Herr von Henning von Berlin besuchte mich; er war indie Farbenlehre, dem zufolge, was ich mit ihm sprach,vollkommen eingeweiht, und zeigte Muth, öffentlich derselbensich anzunehmen. Ich theilte ihm die Tabelle niit, woraus her-vorgehen sollte, was für Phänomene und in welcher Ordnungman bei einem chromatischen Vertrag zu schauen und zu be-achten habe.

In der Kenntniß der Oberfläche unseres Erdbodens wur-den wir sehr gefördert durch Graf Sternbergs Flora derVor Welt, und zwar deren erstes und zweites Stück. Hierzugesellte sich die Pflanzenkunde von Rhode in Breslau.Auch des Urstiers, der aus dem Haßleber Torfbruch nach Jenagebracht und dort aufgestellt wurde, ist wohl als eines derneuesten Zeugnisse der frühern Thiergestalten hier zu erwähnen.Das Archiv der Urwelt hatte schon eines gleichen gedacht,und mir ward das besondere Vergnügen, mit Herrn Körtein Halberstadt bei dieser Gelegenheit ein früheres freundlichesVerhältniß zu erneuen.

Die Absicht Kefersteins, einen geologischen Atlas fürDeutschland herauszugeben, war mir höchst erwünscht; ich nahmeifrig Theil daran und war gern, was die Färbung betrifft,mit meiner Ueberzeugung beiräthig. Leider konnte durch dieGleichgültigkeit der ausführenden Techniker gerade dieser Haupt-punkt nicht ganz gelingen. Wenn die Farbe zu Darstellungwesentlicher Unterschiede dienen soll, so müßte man ihr diegrößte Aufmerksamkeit widmen.

Die Marienbader Gebirgsarten samnielte man mit Sorg-falt; in Jena geordnet, wurden sie dann versuchsweise demPublicum mitgetheilt, sowohl um mich selbst bei Wiederkehreines Anhalten« zu versichern als auch Nachfolgern dergleichenan die Hand zu geben. Sartorius übergab dem Jenaischen