Annalen oder Tag- und Zahresheftc.
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nachher in Norddeutschland, die Hebamme des Genies nennenkonnte. Dort überließ er sich ganz der Lust, welche das Selbst-hervorbringen der Jugend verschafft, wenn das Talent unterfreundlicher Anleitung sich ausbildet, ohne daß die höhern For-derungen der Kritik dabei zur Sprache kommen. Doch entwuchser bald jenen Verhältnissen, kehrte in seine Vaterstadt zurückund ward von nun an sein eigener Lehrer und Bildner, indemer aus das rastloseste seine literarisch-poetische Neigung fortsetzte.Die mechanischen Amtsgeschäfte eines Vorstehers der Canzlciraubten ihm zwar Zeit, aber nicht Lust und Muth, und damitja sein Geist in so engen Verhältnissen nicht verkümmerte, wurdeer dem in der Nähe begüterten Grafen Stadion, kurfürstlichMainzischem Minister, bekannt. In diesem angesehenen, wohl-eingerichteten Hause wehte ihn zuerst die Welt- und Hofluft au;innere uns äußere Staatsverhältnisse blieben ihm nicht fremd,und ein Gönner für das ganze Leben ward ihm der Graf.Hierdurch blieb er dem Kurfürsten von Mainz nicht unbekannt,und als unter Emmerich Joseph die Akademie zu Erfurt wiederbelebt werden sollte, so berief man unfern Freund dahin undbethätigte dadurch die duldsamen Gesinnungen, welche sich überalle christlichen Religionsverwandtcn, ja über die ganze Mensch-heit vorn Anfange des Jahrhunderts her verbreitet.
Er konnte nicht lange in Erfurt wirken, ohne derHcrzogin-Regentin von Weimar bekannt zu werden, wo ihn der für allesGute so thätige Carl von Dalberg einzuführen nicht ermangelte.Ein auslangend bildender Unterricht ihrer fürstlichen Sohnewar das Hauptaugenmerk einer zärtlichen, selbst höchst gebilde-ten Mutter, und so ward er herüber berufen, damit er seineliterarischcn Talente, seine sittlichen Borzüge zum Besten desfürstlichen Hauses, zu unserm Wohl nnd zum Wohl des Ganzenverwendete.
Die ihm nach Vollendung des Erziehungsgeschäftes zugesagteRuhe wurde ihm sogleich gegeben, und als ihm eine mehr alszugesagte Erleichterung seiner häuslichen Umstände zu Theilward, führte er seit beinahe vierzig Jahren ein seiner Naturund seinen Wünschen völlig gemäßes Leben.
Die Wirkungen Wielands auf das Publicum waren un-unterbrochen nnd dauernd. Er hat sein Zeitalter sich zugebildet,dem Geschmack seiner Jahresgenossen so wie ihrem Urtheil eineentschiedene Richtung gegeben, dergestalt daß seine Verdiensteschon genugsam erkannt, geschätzt, ja geschildert sind. In man-chem Werke über deutsche Literatur ist so ehrenvoll als sinnigüber ihn gesprochen; ich gedenke nur dessen, was Küttner,Eschenburg, Manso, Eichhorn von ihm gerühmt haben.
Und woher kam die große Wirkung, welche er auf dieDeutschen ausübte? Sie war eine Folge der Tüchtigkeit undder Offenheit seines Wesens. Mensch und Schriftsteller hattensich in ihm ganz durchdrungen, er dichtete als ein Lebender undlebte dichtend. In Versen und Prosa verhehlte er niemals, wasihm augenblicklich zu Sinne, wie es ihm jedesmal zu Muthesey, und so schrieb er auch urtheilend und urtheilte schreibend.Aus der Fruchtbarkeit seines Geistes entquoll die Fruchtbarkeitseiner Feder.
Ich bediene mich des Ausdrucks Feder nicht als einer red-nerischen Phrase; er gilt hier ganz eigentlich, und wenn einefromme Verehrung manchem Schriftsteller dadurch huldigte,daß sie sich eines Kiels, womit er seine Werke gebildet, zubemächtigen suchte, so dürste der Kiel, dessen sich Wieland j
bediente, gewiß vor vielen dieser Auszeichnung würdig seyn.Denn daß er alles mit eigener Hand und sehr schön schrieb, zu-gleich mit Freiheit und.Besonnenheit, daß er das Geschriebeneimmer vor Augen hatte, sorgfältig prüfte, veränderte, besserte,unverdrossen bildete und umbildete, ja nicht müde ward, Werkevon Umfang wiederholt abzuschreiben, dieses gab seinen Produk-tionen das Zarte, Zierliche, Faßliche, das Natürlich-elegante,welches nicht durch Bemühung, sondern durch heitere, genia-lische Aufmerksamkeit auf ein schon fertiges Werk hervorgebrachtwerden kann.
Diese sorgfältige Bearbeitung seiner Schriften entsprang auseiner frohen Ueberzeugung, welche zu Ende seines Schweizeri-schen Aufenthaltes in ihm mag hervorgetreten seyn, als die Un-geduld des Hervorbringens sich in etwas legte, und der Wunsch,ein Vollendetes dem Gemeinwesen darzubringen, entschiedenerund deutlicher rege ward.
Da nun bei ihm der Mann und der Dichter Eine Personausmachten, so werden wir, wenn wir von jenem reden, auchdiese» zugleich schildern. Reizbarkeit und Beweglichkeit, Beglei-terinnen dichterischer und rednerischer Talente, beherrschten ihnin einem hohen Grade; aber eine mehr ungebildete als ange-borene Mäßigung hielt ihnen das Gleichgewicht. Unser Freundwar des Enthusiasmus im höchsten Grade fähig, und in derJugend gab er sich ihm ganz hin, und dieses um so lebhafterund anhaltender, als jene schöne Zeit, in welcher der Jünglingden Werth und die Würde des Vortrefflichsten, es sey erreichbaroder unerreichbar, in sich fühlt, für ihn sich durch mehrere Jahreverlängerte.
Jene frohen, reinen Gefilde der goldenen Zeit, jene Para-diese der Unschuld bewohnte er länger als andere. Sein Ge-burtshaus, wo ein gebildeter Geistlicher als Vater waltete,das uralte, an den Ufern der Elbe lindennmgebene KlosterBergen, wo ein frommer Lehrer Patriarchalisch wirkte, das inseinen Grundformen noch klösterliche Tübingen, jene einfachenSchweizerwohnungen, umrauscht von Bächen, bespült vonSeen, umschlossen von Felsen: überall fand er sein Delphiwieder, überall die Haine, in denen er, als ein schon erwach-sener gebildeter Jüngling, noch immer schwelgte. Dort zogenihn die Denkniale mächtig an, die uns von der männlichenUnschuld der Griechen hinterlassen sind. Tyrus, Araspes undPanthea und gleich hohe Gestalten lebten in ihm auf; er fühlteden Platonischen Geist in sich weben, er fühlte, daß er dessenbedurfte, um jene Bilder für sich und für andere wieder her-zustellen, und dieses um so eher, als er nicht sowohl dichterischeSchattenbilder hervorzurufen, sondern vielmehr wirklichenWesen einen sittlichen Einfluß zu verschaffen hoffte.
Aber gerade daß er so lange in diesen höhern Regionen zuverweilen das Glück hatte, daß er alles, was er dachte, fühlte,in sich bildete, träumte, wähnte, lange Zeit für die vollkom-menste Wirklichkeit halten durfte, eben dieses verbitterte ihmdie Frucht, die er von dem Baum des Erkenntnisses zu Pflückenendlich genöthigt ward.
Wer kann dem Conflict mit der Außenwelt entgehen?Auch unser Freund wird in diesen Streit hineingezogen; un-gern läßt er sich durch Erfahrung und Leben widersprechen,und da ihm nach langem Sträuben nicht gelingen will, jeneherrlichen Gestalten mit denen der gemeinen Welt, jenes hoheWollen mit den Bedürfnissen des Tags zu vereinigen, entschließt