Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Biographische Einzclnbeiten.

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auf diesem Wege als der Triumph des Formlosen über dieForm? Die Menschengestalt, chemischen Philistergesetzen anheimgegeben, gährend und in allen Graden verfaulend. Daher seinzum Fliehen!

Der Engel Lavater war durch diesen niederträchtigen Drangso gequetscht, daß er auch seine trefflichen Charaktere nur negativschildern konnte.

kotzebne.

Betrachtet man die Geschichte der Literatur genau, so findetman, daß diejenigen, die durch Schriften zu Belehrung undVergnügen wirksam zu seyn sich vornehmen, sich durchaus ineiner Übeln Lage befinden; denn es fehlt ihnen niemals an Geg-nern, welche das Vergangene, was sie gethan, auszulöschen,den Effect des Augenblicks zu schwächen oder abzulenken, unddie Wirkung in die Zukunft zu verkümmern suchen. Daß da-wider kein Gegenmittel sey, davon überzeugen uns ältere undneuere Controversen aller Art; denn es fehlt einem solchenKampfe gerade an allem, an ritterlichem Schrankenranm, anKreiswärteln und Kampfrichtern; und in jedem Schaukreise wirstsich, wie vor Alters im Circus, die ungestüme Menge parteiischaus die Seite der Grünen oder Blauen; die größte Masse be-herrscht den Augenblick, und ein kunstreicher Wettkampf erregtAufstand, Erbitterung, und endigt gewaltsam.

Bei so gestalteten Sachen kann jedoch der sittliche Menschniemals ohne ein Hülfsmittel bleiben, wenn er es nur nicht zuweit sucht, da es ihm unmittelbar zur Seite liegt, ja sich ihmöfters ungestüm aufdrängt.

Mich meines biographischen Rechtes bedienend, erwähne ichhier zum Beispiel, daß nebst gar manchem andern, die meinerWirksanikeit widerstrebten, sich Einer besonders zum Geschäftmacht, auf jede Art und Weise meinem Talent, meiner Thätig-keit, meinen: Glück entgegenzutreten; dagegen würde ich michnach meiner Sinnesart ganz wehrlos und in einem unangenehmenZustande finden, wenn ich nicht jenes eben gerühmte Hausmittelseit geraumer Zeit gegen diese Zudringlichkeit angewendet, undmich gewöhnt hätte, die Existenz desjenigen, der mich mit Ab-neigung und Haß verfolgt, als ein nothwendiges und zwargünstiges Ingrediens zu der meinigen zu betrachten.

Ich denke mir ihn gern als Weimaraner, und freue mich,daß er der mir so werthen Stadt das Verdienst nicht raubenkann, sein Geburtsort gewesen zu seyn; ich denke mir ihn gernals schönen, muntern Knaben, der in meinem Garten Sprenkelstellte, und mich durch seine freie Thätigkeit sehr oft ergötzte; ichgedenke seiner gern als Bruder eines liebenswürdigen Frauen-zimmers, die sich als Gattin und Mutter immer verehrungs-werlh gezeigt Hai. Gehe ich nun seine schriftstellerischen Wirkungendurch, so vergegenwärtige ich mir mit Vergnügen heitere Ein-drücke einzelner Stellen; obschon nicht leicht ein Ganzes, wederals Kunst- noch Gemüthsprcdnct, weder als das, was es aus-sprach, noch was es andeutete, mich jemals anmuthen, und sichmit meiner Natur vereinbaren konnte. Sehr großen Vortheildagegen hat mir seine literarische Laufbahn in Absicht auf Uebungdes Urtheils gebracht, welches wir am eigentlichsten durch dieProductionen der Gegenwart zu schärfen vermögend sind. Erhat mir Gelegenheit gegeben, manche andere, ja das ganzePublicum kennen zu lernen; ja was noch mehr ist, ich finde noch

öfters Anlaß, seine Leistirngen, denen man Verdienst und Ta-lent nicht absprechen kann, gegen überhinfahrende Tadler undVerwerfer in Schutz zn nehmen.

Betrachte ich mich nun gar als Vorsteher eines Theaters,und bedenke, wie viele Mittel er uns in die Hand gegeben hat,die Zuschauer zu unterhalten, und der Casse zn nutzen, so wüßteich nicht, wie ich es anfangen sollte, um den Einfluß, den erauf mein Wesen und Vornehmen ausgeübt, zu verachten, zuschelten, oder gar zu leugnen; vielmehr glaube ich alle Ursachezn haben, mich seiner Wirkungen zu freuen, und zu wünschen,daß er sie noch lange fortsetzen möge.

Eines solchen Bekenntnisses würde ich mich nun gar sehrerfreuen, wenn ich vernähme, daß mancher, der sich in ähn-lichem Falle befindet, dieses weder hochmoralische, noch vielweniger Christliche, sondern aus einem verklärten Egoismusentsprungene Mittel gleichfalls niit Vortheil anwendete, um dieunangenehmste von allen Empfindungen aus seinem Gemüth zuverbannen, kraftloses Widerstreben und ohnmächtigen Haß.

Und warum sollte ich hier nicht gestehen, daß mir bei jenergroßen Forderung, man solle seine Feinde lieben, dasWort lieben gemißbraucht, oder wenigstens in sehr uncigent-lichem Sinne gebraucht scheine; wogegen ich mit viel Ueberzeugunggern jenen weisen Spruch wiederhole, daß man einen gutenHaushälter hauptsächlich daran erkenne, wenn er sich auch desWiderwärtigen vorthcilhaft zn bedienen wisse.

Kotzebue hatte bei seinem ausgezeichneten Talent in seinemWesen eine gewisse Nullität, die niemand überwindet, die ihnquälte und nöthigte, das Treffliche herunterzusetzen, damit erselber trefflich scheinen möchte. So war er immer Revolutionärund Sklave, die Menge aufregend, sie beherrschend , ihr dienend;und er dachte nicht, daß die Platte Menge sich aufrichten, sichausbilden, ja sich hoch erheben könne, um Verdienst, Halb- undUnverdienst zu unterscheiden.

Äus meinem Leben.

Fragmentarisches.

Jugcndepoche.

Es ist wohl nicht leicht ein Kind, ein Jüngling von einigelnGeist, dem es nicht von Zeit zu Zeit einfiele, nach dem Woher,Wie und Warum derjenigen Gegenstände zu fragen, die mangewahr wird; und in mir lag entschieden und anhaltend dasBedürfniß, nach den Maximen zu forschen, aus welchen einKunst- oder Naturwerk, irgend eine Handlung oder Begeben-heit herzuleiten seyn möchte. Dieses Bedürfniß fühlte ich freilichnicht in der Deutlichkeit, wie ich es gegenwärtig ansspreche; aberje unbewußter ich mir bei einer solchen Richtung war, destoernstlicher, leidenschaftlicher, unruhiger, emsiger ging ich dabeizu Werke; und weil ich nirgends eine Anleitung fand, die michauf meiner Bildungsstufe bequem gefördert hätte, so machte ichden Weg unzähligem«! vor- und rückwärts, wie es uns ineinem künstlichen Labyrinth oder in einer natürlichen Wildnißwohl begegnen mag.