Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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MgrapIilLijie Oinjelnheiten.

Lkdeutung des Individuellen.

Das Individuum geht verloren, das Andenken desselbenverschwindet, und doch ist ihm und andern daran gelegen, daß ies erhalten werde.

Jeder ist selbst nur ein Individuum, und kann sich aucheigentlich nur für's Individuelle interessiren. Das Allgemeinefindet sich von selbst, dringt sich auf, erhält sich, vermehrt sich.Wir benutzen'«, aber wir lieben es nicht.

Wir lieben nur das Individuelle; daher die große Freudean Vortragen, Bekenntnissen, Memoiren, Briefen und Anek-doten abgeschiedener, selbst unbedeutender Menschen.

Die Frage, ob einer seine eigene Biographie schreiben dürfe,ist höchst ungeschickt. Ich halte den, der es thut, für den höf-lichsten aller Menschen.

Wenn sich einer nur mittheilt, so ist es ganz einerlei, auswas für Motiven er es thut.

Es ist gar nicht nöthig, daß einer untadelhaft sey oder dasVortrefflichste und Tadelloseste thue, sondern nur, daß etwasgeschehe, was dem andern nutzen oder ihn freuen kann.

Man hat es La Vatern nicht gut aufgenommen, daß ersich so oft malen, zeichnen und in Kupfer stechen ließ und seinBild überall herumstreute. Aber freut man sich nicht jetzt, dadie Form dieses außerordentlichen Wesens zerstört ist, bei somannichfaltigen, zu verschiedener Zeit gearbeiteten Nachbildun-gen, im Durchschnitt gewiß zu wissen, wie er ausgesehen hat?

Dem seltsamen Aretin hat man es als ein halb Verbre-cken angerechnet, daß er auf sich selbst Medaillen schlagen ließund sie an Freunde und Gönner verehrte; und mich macht esglücklich ein paar davon in meiner Sammlung zu besitzen undein Bild vor mir zu haben, das er selbst anerkannt.

Wir sind überhaupt von einer Seite viel zu leichtsinnig,das individuelle Andenken in seinen wahrhaften Besonderheitenals ein Ganzes zu erhalten und von der andern Seite viel zubegierig, das einzelne, besonders das Heruntersetzende, zu er-fahren.

Leipziger Theater.

( 1165 - 1768 .)

Auf dem neuerbauten Theater erhielt natürlicherweise dasSchauspiel neue Aufmunterung und Belebung. Die KochischeGoethe. Werke. IV.

Gesellschaft hatte Verdienst genug, um das Publicum zu be-schäftigen und zu unterhalten. Man wollte ein deutschesTheater auch mit einem Patriotischen Stück anfangen undwählte oder vielmehr man nahm hierzu den Hermann vonSchlegel, der nun freilich, ungeachtet aller Thierhäute undanderer animalischen Attribute, sehr trocken ablief; und ich,der ich gegen alles, was mir nicht gefiel oder mißfiel, michsogleich in eine praktische Opposition setzte, dachte nach, wasman bei so einer Gelegenheit hätte thun sollen. Ich glaubteeinzusehen, daß solche Stücke in Zeit und Gesinnung zu weitvon uns ablägen, und suchte nach bedeutenden Gegenständenin der spätern Zeit, und so war dieses der Weg, auf dem icheinige Jahre später zu Götz von Berlichingeu gelangte.Koch, der Director, war durch sein hohes Alter von derBühne dispensirt. Ich habe ihn nur zweimal in dem obgc-dachten Hermann, und dann einmal als EriSpin gesehen,wo er noch eine trockene Heiterkeit und eine gewisse künstlerischeGewandtheit zu zeigen wußte. Brinkner, als erster Lieb-haber, hatte unsern ganzen Beifall, weniger Demoiselle S t e i n-berger, welche uns als Liebhaberin zu kalt schien. EineMadame Starke war in den Mutterrollen wohl ausgenom-men. Der übrigen Gestalten erinnere ich mich nicht mehr,aber desto besser des lebhaften Eindrucks, den eine DemoiselleSchulz auf uns machte, die mit ihrem Bruder, dem Ballet-Meister, bei uns anlangte. Sie war nicht groß, aber nett:schöne schwarze Augen und Haare; ihre Bewegungen undRecitation vielleicht zu scharf, aber doch durch die Anmuth derJugend gemildert. Sie zog uns in die Bühne, so oft siespielte, und ihre Darstellung von Romeo und Julie vonWeiße ist mir noch ganz gegenwärtig, besonders wie sie indem weißen Atlaßkleide aus dem Sarge stieg und sich sodatmder Monolog bis zur Vision, bis zum Wahnsinn steigert.Wenn sie dieOttern, welche sie an sich herauskriechend wähnte,mit lebhafter Bewegung der Hand wegzuschleudern schien,war ein unendliches Beifallklatschen ihr Lohn; ja sie hattedurch ihre tragischen Tugenden uns dergestalt gewonnen, daßwir sie in keiner mindern Rolle, am wenigsten aber als Tän-zerin sehen wollten, und sie davon sogar in kleinen, autge-streuten Versen abzumahnen gedachten.

Die nachher als Mara so bekannt gewordene Schmeh-ling befand sich mit ihrem Vater gleichfalls in Leipzig, underregte allgemeine Bewunderung. Dagegen hatte Corona

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