Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Biographische Einzelnheite».

Das, was ich hier Maxime nenne, nannte man damalsGesetze, nnd glaubte wohl, daß man sie geben könne, anstattdaß man sie hätte aufsuchen sollen.

Die Gesetze, wonach Theaterstücke zu schreiben nnd zu beur-theilen seyen, glaubte ich mir ziemlich eigen gemacht zu haben,nnd durste mir es bei der Bequemlichkeit wohl einbilden, womitich jede kleinere und größere Begebenheit in einen theatralischenPlan zu verwandeln wußte. Mit dem Roman war ich unge-fähr zu derselbigen Fertigkeit gelangt; ich erzählte sehr leicht undbequem alle Mährchen, Novellen, Gespenster- und Wunder-geschichten, und wußte manche Borfälle des Lebens aus demStegreife in einer solchen Form darzustellen. Ich hatte mirauch darüber eine Norm gemacht, die von der theatralischenwenig abwich. Was das Urtheil betraf, so reichten meine Ein-sichten ziemlich hin; daher mir denn alles Poetische und Rheto-rische angenehm und erfreulich schien. Die Weltgeschichte hin-gegen, der ich gar nichts abgewinnen konnte, wollte mir imganzen nicht zu Sinne. Noch mehr aber quälte mich das Lebenselbst, wo mir eine Magnetnadel gänzlich fehlte, die mir um sonöthiger gewesen wäre, da ick jederzeit bei einigermaaßengünstigem Winde mit vollen Segeln fuhr, und also jedenAugenblick zu stranden Gefahr lief. Wie viel Trauriges,Aengstliches, Verdrießliches war mir schon begegnet; wie icheinigermaaßen aufmerksam umherschaute, so fand ich mich keinenTag vor ähnlichen Ereignissen und Erfahrungen sicher. Schonmehrere Jahre her hatte mir das Glück mehr als Einen treff-lichen Mentor zugesandt, und doch je mehr ich ihrer kennenlernte, desto weniger gelangte ich zu dem, was ich eigentlichsuchte. Der eine setzte die Hauptmaxime des Lebens in die Gut-müthigkell und Zartheit, der andere in eine gewisse Gewandt-heit, der dritte in Gleichgültigkeit nnd Leichtsinn, der vierte inFrömmigkeit, der fünfte in Fleiß und pflichtmäßige Thätigkeit,der folgende in eine imperturbable Heiterkeit, und immer sofort,so daß ich vor meinem zwanzigsten Jahre fast die Schulensämmtlicher Moralphilosophen durchlaufen hatte. Diese Lehrenwidersprachen einander öfter, als daß sie sich unter einanderhätten ausgleichen lassen. Durchaus aber war immer von einergewissen Mäßigkeit die Rede, von der ich, meinem Naturellnach, am wenigsten begriff, und wovon man überhaupt in derJugend weil Mäßigkeit, wenn sie nicht angeboren ist, dasklarste Bewußtseyn fordert nichts begreifen kann, und beiallem Bestreben danach nur desto unmäßigere, ungeschicktereStreiche macht. Alle diese Gedanken und Denkweisen warenaber nun einmal bei mir aufgeregt, und wenn das Jllnglings-leben anch noch so heiter, frei und lebhaft Hinschritt, so wardman doch oft genug an jene wünschenswerthe und unbekannteNorm erinnert. Je freier und ungebundener ich lebte, und jefroher ich mich gegen meine Gesellen und mit meinen Gesellenäußerte, wurde ich doch sehr bald gewahr, daß uns die Um-gebungen, wir mögen uns stellen, wie wir wollen, immerbeschränken, und ich fiel daher auf den Gedanken, es sey dasBeste, uns wenigstens innerlich unabhängig zu machen.

Spätere Zeit.

Ich habe niemals einen Präsumtuösern Menschen gekanntals mich selbst, und daß ich das sage, zeigt schon, daß wahr ist,was ich sage.

Niemals glaubte ich, daß etwas zu erreichen wäre, immerdachte ich, ich hätte es schon. Man hätte mir eine Krone auf-setzen können, und ich hätte gedacht, das verstehe sich von selbst.Und doch war ich gerade dadurch nur ein Mensch wie andere.Aber daß ich das über meine Kräfte Ergriffene durchzuarbeiten,das über mein Verdienst Erhaltene zu verdienen suchte, dadurchunterschied ich mich bloß von einem wahrhaft Wahnsinnigen.

Erst war ich den Menschen unbequem durch meinen Irr-thum, dann durch meinen Ernst. Ich mochte mich stellen, wieich wollte, so war ich allein.

Die Vernunft in uns wäre eine große Macht, wenn sie nurwüßte, wen sie zu bekämpfen hätte. Die Natur in uns nimmtimmerfort eine neue Gestalt an, und jede neue Gestalt wird einunerwarteter Feind für die gute, sich immer gleiche Vernunft.

Gelassen beobachtende Freunde Pflegen gemeiniglich diegenialischen Nachtwandler unsanft mitunter aufzuwecken, durchBemerkungen, die gerade das innerste mystische Leben solcherbegünstigten oder, wenn man will, bevortheilten Naturkinderaufheben und zerstören. In meiner besten Zeit sagten miröfters Freunde, die mich freilich kennen mußten, was ich lebte,sey besser als was ich spreche, dieses besser als was ich schreibe,nnd das Geschriebene besser als das Gedruckte.

Durch solche wohlgemeinte, ja schmeichelhafte Reden be-wirkten sie jedoch nichts Gutes z denn sie vermehrten dadurchdie in mir ohnehin obwaltende Verachtung des Augenblicks, undes ward eine nicht zu überwindende Gewohnheit, das, was ge-sprochen und geschrieben ward, zu vernachlässigen, und manches,was der Aufbewahrung wohl werth gewesen wäre, gleichgültigdahinfahren zu lassen.

Ich war mir edler, großer Zwecke bewußt, konnte aberniemals die Bedingungen begreifen, unter denen ich wirkte;was mir mangelte, merkte ich wohl, was an mir zu. viel sey,gleichfalls; deßhalb unterließ ich nicht, mich zu bilden, nachaußen und von innen. Und doch blieb es beim Alten. Ich ver-folgte jeden Zweck mit Ernst, Gewalt und Treue; dabei gelangmir oft widerspenstige Bedingungen vollkommen zu überwinden,oft aber auch scheiterte ich daran, weil ich nachgeben und um-gehen nicht lernen konnte. Und so ging mein Leben hin unterThun und Genießen, Leiden und Widerstreben, unter Liebe,Zufriedenheit, Haß und Mißfallen anderer. Hieran spiegelesich, dem das gleiche Schicksal geworden!

Entstehung der biographischen Annalen.

1823 .

Cellini sagt: Wenn ein Mann, der glaubt etwas geleistetund ein bedeutendes Leben geführt zu haben, im vierzigstenJahre steht, so soll er seine Lebensbeschreibung beginnen, dieereignißvolle Zeit seiner Jugend treulich aufzeichnen und in derFolge weiter fortfahren.

Cellini hat ganz Recht; denn es ist keine Frage, daß uns