Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Nrimliuto (Lrllini.

Vorrede -es Italiänischen Herausgebers.

Wenn umständliche Nachrichten von dem Leben geschickterKünstler sich einer guten AnfnahmebeisolchenPersonenschmeichelndürfen, welche die Künste lieben und treiben, dergleichen es inunsern gebildeten Zeiten viele giebt, so darf ich erwarten,daß man ein zweihundert Jahre versäumtes Unternehmenlobenswürdig finden werde; ich meine die Herausgabe derLebensbeschreibung des trefflichen Benvenuto Cellini, eines derbesten Zöglinge der Florentinischen Schule. Eine solche Hoff-nung belebt mich um so mehr, als man wenig von ihm inden bisherigen Kunstgeschichten erzählt findet, welche doch sonstmit großem Fleiße geschrieben und gesammelt sind.

Zu diesem Werthe der Neuheit gesellt sich noch das höhereBerdienst einer besondern Urkundlichkeit: denn er schrieb dieseNachrichten selbst, in reifem Alter, mit besonderer Rücksicht aufBelehrung und Nutzen derjenigen, welche sich nach ihm denKünsten, die er auf einen so hohen Grad besaß, ergeben würden.Dabei finden sich noch sehr viele Umstände, die auf wichtigeEpochen der damaligen Zeitgeschichte Bezug haben, indem dieserMann theils durch Ausübung seiner Kunst, theils durch fort-dauernde Regsamkeit, Gelegenheit fand, mit den berühmtestenPersonen seines Jahrhunderts zu sprechen oder sonst in Verhält-nisse zu kommen; wodurch dieses Werk um so viel bedeutenderwird. Denn man hat schon oft bemerkt, daß sich der MenschenArt und wahrer Charakter aus geringen Handlungen undhäuslichen Gesprächen besser fassen läßt, als aus ihrem künstlichenBetragen bei feierlichen Auftritten, oder aus der idealen Schil-derung, welche die prächtigen Geschichtsbücher von ihnen dar-stellen.

Dessen ungeachtet ist nicht zu läugnen, daß unter diesen Er-zählungen sich manches findet, das zum Nachtheil anderergereicht, und keinen völligen Glauben verdienen dürfte. Nichtals wenn der Autor seine brennende Wahrheitsliebe hie undda verleugne, sondern weil er sich zu Zeiten, entweder von demunbestimmten und oft betrügerischen Ruf oder von übereiltenVermuthungen hinreißen läßt, wodurch er sich denn ohne seineSchuld betrogen haben mag.

Aber diese bösen Nachreden nicht allein könnten das Werkbei manchem verdächtig machen, sondern auch die unglaublichenDinge, die er erzählt, möchten viel hierzu beitragen, wenn mannicht bedächte, daß er doch alles aus Ueberzeugung gesagt haben

Goethe, Werke. V.

könne, indem er Träume oder leere Bilder einer kranken Ein-bildungskraft als wahre und wirkliche Gegenstände gesehen zuhaben glaubte. Daher lassen sich die Geistererscheinungen wohlerklären, wenn er erzählt, daß bei denBeschwörungenbetäubendesRäucherwerk gebraucht worden; ingleichen die Visionen, wodurch Krankheit, Unglück, lebhafte, schmerzliche Gedanken, ammeisten aber durch Einsamkeit und eine unveränderte elendeLage des Körpers der Unterschied zwischen Wachen und Träumenvöllig verschwinden konnte. Und möchte man nicht annehmen,daß ein gleiches andern weisen und geehrten Menschen begegnetsey, auf deren Erzählung und Versicherung uns die Geschichts-bücher so manche berühmte Begebenheiten, welche den ewigen,unveränderlichen Gesetzen der Natur widersprechen, ernsthaftüberliefert haben.

Sodann ersuche ich meine Leser, daß sie mich nicht ver-dammen , weil ich eine Schrift herausgebe, worin einige Hand-lungen, theils des Verfassers, theils seiner Zeitgenossen, erzähltsind, woran man ein böses Beispiel nehmen könnte. Vielmehrglaube ich, daß es nützlich sey, wenn jeder sobald als möglichsowohl mit den menschlichen Lastern als mit der menschlichenTugend bekannt wird. Ein großer Theil der Klugheit bestehtdarin, wenn wir den Schaden vermeiden, der uns daherentspringt, wenn wir an die natürliche Güte des menschlichenHerzens glauben, die von einigen mit Unrecht angenommenwird. Besser ist es, nach meiner Meinung, dieses gefährlicheZutrauen durch Betrachtung des Schadens, welchen andere er-litten haben, bald möglichst los zu werden, als abzuwarten, daßeine lange Erfahrung uns davon befreie.

Dieses leisten vorzüglich die wahren Geschichten, aus denenman lernt, daß die Menschen bösartig sind, wenn sie nichtirgend ein Vortheil anders zu handeln bewegt. Ist nun dieseGeschichte eine solche Meinung zu bestärken geschickt, so fürchteich nicht, daß man mich, der ich sie bekannt mache, tadelnwerde. Denn indem man so deutlich sieht, in welche Gefahrund Verdruß allzu offenes Reden, rauhe, gewaltsame Manierenund ein unversöhnlicher Haß, welche sämmtlich unserm Verfassernur allzu eigen waren, den Menschen hinführen können, sozweifle ich nicht, daß das Lesen dieses Buchs einer gelehrigenJugend zur sittlichen Besserung dienen, und ihr eine sanfte,gefällige Handelsweise, wodurch wir uns die Gunst der Menschenerwerben, empfehlen werde.

Ich habe genau, außer in einigen Perioden zu Ansang,

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