10
Benvenulo Eellini.
wenn ich alles Uebel in der Welt angestellt hätte, wäre ich dochin seiner Kammer vollkommen sicher. Ungefähr eine Stundenachher hatten sich die Achte außerordentlich versammelt: sieließen einen schrecklichen Bann ausgehen, und drohten dem diegrößten Strafen, der mich verbärge oder von meinem Aufent-halt wisse, ohne Ansehen des Orts und der Person. Meinbetrübter armer Vater kam zu den Achten hinein, warf sich aufdie Kniee und bat um Barmherzigkeit; da stand einer vonihnen auf und schüttelte die Quaste seines KäPPchens und sagteunter andern beleidigenden Worten zu meinem Vater: Hebedich weg und mache, daß du fortkommst! Morgendes Tags soller seinen Lohn empfangen. Mein Vater antwortete: WasGottesWille ist, werdet ihr thun, und nicht mehr. Aber der anderesagte darauf: Das wird Gottes Wille seyn! Mein Vater ver-setzte dagegen: Es ist mein Trost, daß ihr das gewiß nicht wißt.
Er kam sogleich mich aufzusuchen, mit einem jungen Men-schen von meinem Alter, der Peter Land! hieß; wir liebten unsals leibliche Bruder. Dieser hatte unter seinem Mantel einentrefflichen Degen und das schönste Panzerhemd. Mein lebhafterVater erzählte, wie es ihm bei den Achten ergangen sey; dannküßte er mir die Stirne und beide Augen, segnete mich vonHerzen und sagte: Die Macht Gottes stehe dir bei! Und soreichte er mir Degen und Waffen und half mir, mit eigenenHänden, sie anlegen. Dann fuhr er fort: Lieber Sohn! mitdiesen in der Hand leb' oder stirb!
Peter Landi hörte indessen nicht auf zu weinen, und gabmir zehn Goldgulden. Ich ließ mir noch einige Barthaare weg-nehmen, die eben hervorzukeimen anfingen. Frater Alexius gabmir die Kleidung eines Geistlichen und einen Laienbruder zumBegleiter. Ich ging aus dem Kloster und längs der Mauerbis auf den Platz; nicht weit davon fand ich in einem Hauseeinen Freund, entmönchte mich sogleich und ward wieder Mann.Wir bestiegen zwei Pferde, die man bereit hielt, und ritten dieNacht aus Siena. Ms mein Freund zurückkam und meinemVater meldete, daß ich glücklich entkommen sey, hatte derselbeeine unendliche Freude, und konnte nicht erwarten, den vonden Achten zu finden, der ihn so angefahren hatte. Endlichbegegnete er ihm und sagte: Seht, Anton! Gott wußte besserals ihr, was aus meinem Sohn werden sollte. Jener antwor-tete: Er soll uns nur wieder unter die Hände kommen! Indeß,versetzte mein Vater, will ich Gott danken, der ihn dießmalglücklich errettet hat.
In Siena erwartete ich die ordinäre Römische Post undverdung mich darauf. Unterwegs begegnete uns ein Courier,der den neuerwählten Papst Clemens ankündigte (1523).
Viertes Capitel.
Der Autor macht außerordentliches Glück in Rom. Er wird voneiner edlen Dame Porzia Chigi höchlich aufgemuntert. — BesonderesZutrauen dieser Dame. — Eifersucht zwischen ihm und Lucagnolovon Aesi. — Er bläst vor Papst Clemens VII. . der mit ihm wohlzufrieden ist, und ihn wegen der doppelten Fähigkeit als Goldschmiedund Musikus in Dienst nimmt. — Der Bischof von Salamanca giebtihm, auf die Empfehlung des Franz Penni, Schülers von Raphael,Arbeit. — Seltsame Abentheuer zwischen ihm und dem Bischof.
In Rom arbeitete ich wieder in der Werkstatt des MeistersSanti, der verstorben war, und dessen Sohn das Gcwerb
fortsetzte, nicht selbst arbeitete, sondern alles durch einen jungenMenschen besorgen ließ, der sich Lucagnolo von Jesi nannte.Er war der Sohn eines Mailändischen Bauern, und hatte vonJugend auf bei Meister Santi gearbeitet, klein von Staturund wohlgebildet. Dieser junge Mensch arbeitete besser alsirgend einer, den ich bis dahin gekannt hatte, mit der größtenLeichtigkeit, und zwar nur große Gefäße, Becken und solcheDinge.
Ich übernahm für den Bischof von Salamanca, einenSpanier, Leuchter zu machen; sie wurden sehr reich gearbeitet,wie es für solche Werke gehört. Ein Schüler Raphaels, Jo-hann Franz Penni, mit dem Zunamen il Fattore, ein treff-licher Maler und Freund des gedachten Bischofs, setzte mich beiihm in Gunst; man gab mir viel zu arbeiten und ich ward gutbezahlt.
Zu derselbigen Zeit ging ich an Festtagen manchmal in dieCapelle des Michel Agnolo und manchmal in das Haus desAugustin Chigi von Siena, um zu zeichnen. Hier waren dieschönsten Arbeiten von der Hand des vortrefflichen MalersRaphael von Urbino. Gismondo Chigi, der Bruder, wohntedaselbst. Sie waren stolz darauf, wenn junge Leute meinesGleich«! bei ihnen zu studiren kamen. Die Frau des gedachtenGismondo, welche sehr angenehm und äußerst schon war, hattemich oft in ihrem Hause gesehen; sie trat eines Tags zu mir,besah meine Zeichnungen und fragte, ob ich Maler oder Bild-hauer sey? Ich antwortete ihr, ich sey ein Goldschmied, woraufsie versetzte, daß ich zu gut für einen Goldschmied zeichnete.Sie ließ sich durch ihr Kammermädchen eine Lilie von schönenDiamanten bringen, die in Gold gefaßt waren, und verlangte,daß ich sie schätzen sollte. Ich schätzte sie auf 800 Scudi; siesagte, ich habe es getroffen, und fragte, ob ich Lust hätte, sierecht gut umzufassen? Ich versicherte, daß ich es mit Freudenthun würde, und machte auf der Stelle eine kleine Zeichnung,die ich um desto besser ausführte, je mehr ich Lust hatte, michmit dieser schönen und angenehmen Frau zu unterhalten.
Als die Zeichnung fertig war, kam eine andere schöne edleRömerin aus dem Hause herunter und fragte ihre Freundin,was sie da mache? Porzia antwortete lächelnd: Ich sehe diesen!wackern jungen Menschen mit Vergnügen zu, der so schön alsgut ist. Ich ward roth und versetzte halb verschämt und halbinuthig: Wie ich auch sey, bin ich bereit euch zu dienen. Dieschöne Frau erröthete auch ein wenig und sagte: Du weißt,daß ich deine Dienste verlange. Sie gab niir die Lilie undzwanzig Gologulden, die sie in der Tasche hatte. Fasse mir dieSteine nach deiner Zeichnung, sagte sie, und bringe mir dasalte Gold zurück. Ihre Freundin sagte darauf: Wenn ich indem jungen Menschen stäke, so ging' ich in Gottes Namendurch. Porzia antwortete: Solche Talente sind selten mitLastern verbunden; er wird das Ansehen eines braven Jüng-lings nicht zu Schanden machen. Sie nahm ihre Freundin beider Hand, und indem sie sich umwendete, sagte sie mit demfreundlichsten Lächeln: Lebe wohl, Benvenuto!
Ich vollendete noch erst meine Zeichnung, die ich nach Ra-phaels Jupiter angefangen hatte; dann ging ich ein kleinesWachsmodell zu machen, um zu zeigen, wie die Arbeit werdensollte. Ich wies es den beiden Damen, die mich so sehr lobtenund mir so artig begegneten, daß ich kühn genug war zu ver-sprechen, die Arbeit solle doppelt so schön als das Modell