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Benvenuto Cellint.
im Vorbeigehen bemerken. Am Feste unseres Patrons St. Jo-hann aßen viele Florentiner zusammen, von verschiedenen Pro-fessionen , Maler, Bildhauer und Goldschmiede; unter andernangesehenen Leuten war Rosso, der Maler, und Penni, Ra-phaels Schüler, dabei. Ich hatte sie eigentlich zusammengebracht.Sie lachten und scherzten, wie es geschieht, wenn viele Männerbeisammen sind, die sich eines gemeinsamen Festes erfreuen.Zufällig ging ein tollköpfiger junger Mensch vorbei, der Tra-vaccio hieß, und Soldat unter Rienzo da Ceri war. Da eruns so lustig hörte, spottete er auf eine unanständige Weiseauf die Florentinische Nation. Ich hielt mich für den Anführerso vieler geschickten und braven Leute, und konnte das nicht hin-gehen lassen; still, und ohne daß es jemand bemerkte, erreichteich ihn noch; er ging mit seiner Liebsten, und um sie zum Lachenzu bringen, setzte er sein albernes Geschwätze fort. Ich stellteihn zur Rede, und fragte ihn, ob er der Freche sey, der schlechtvon der Floreutinischen Nation spreche? Er antwortete schnell:Ich biu's! Drauf schlug ich ihn in's Gesicht, und sagte: Dasbin ich! und sogleich waren unsere Degen gezogen. Aber kaumwar der Handel begonnen, als sich viele dazwischen legten, undda sie die Sache vernahmen, mir Recht gaben.
Den andern Tag wurde mir eine Ausforderung von ihmzugestellt: ich nahm sie freudig an und sagte, damit wollte ichwohl eher als mit einem Werke meiner andern Kunst fertigwerden. Sogleich ging ich zu einem Alten, der Bevilacquahieß: er hatte den Ruf, der erste Degen von Italien gewesenzu seyn; denn er hatte sich wohl zwanzigmal geschlagen, undwar immer mit Ehren aus der Sache geschieden. Dieser braveMann hatte viel Freundschaft für mich; er kannte mich undmein Talent in der Kunst, und hatte mir schon bei fürchterlichenHändeln Leigestanden. Er Pflegte zu sagen: Mein Benvenuto,wenn du mit dem Kriegsgott zu thun hättest, so bin ich gewiß,du würdest mit Ehren bestehen: denn so viel Jahre ich dichkenne, habe ich dich noch keinen ungerechten Handel anfangensehen. So nahm er Theil an meinen Unternehmungen, undführte uns auf den Platz, wo wir, doch ohne Blutvergießen,mit Ehren den Streit endigten. Ich übergehe viele schone Ge-schichten dieser Art, um von meiner Kunst zu reden, um derent-willen ich eigentlich schreibe, und ich werde darin nur zu viel zusagen haben.
Man weiß, wie ich mit einem löblichen Wetteifer die Artund Kunst des Lucagnolo zu übertreffen suchte, und dabei dieGeschäfte eines Juweliers nicht versäumte; eben so bemühte ichmich, die Geschicklichkeiten anderer Künstler nachzuahmen. Eswar zur selbigen Zeit in Rom ein trefflicher Peruginer, mitNamen Lautizio, der nur Eine Profession trieb, in dieser aberauch einzig war. Es ist gewöhnlich, daß in Rom jeder Cardinalsein Wappen im Siegel führt. Diese Siegel sind groß, wie dieganze Hand eines zehnjährigen Knaben, und da in dem Wappenviele Figuren vorkommen, so bezahlt man für ein solches hundertund mehr Scudi. Auch diesem braven Manne wünschte ichnachzueifern, obgleich seine Kunst sehr von den Künsten entferntwar, die ein Goldschmied auszuüben hat; auch verstand Lautizionichts zu machen als nur diese Siegel. Ich aber befleißigtemich, nebst andern Arbeiten, auch dieses, und so schwer ich sieauch fand, ließ ich doch nicht nach, weil ich zu lernen und zuverdienen geneigt war.
Dann befand sich in Rom ein anderer trefflicher Künstler,
von Mailand gebürtig, mit Namen Caradvsso; er arbeitete bloßgetriebene Medaillen von Metallblech und andere Dinge dieserArt. Er machte einige Friedensbilder in halberhobener Arbeit,auch Crucifixe, einen Palm groß, von dem zartesten Goldblechauf das vortrefflichste gearbeitet, und ich wünschte ihn mehr alsj jemand zu erreichen. Ueberdieß fanden sich andere Meister,welche Stahlstempel, wodurch man die schönen Münzen hervor-bringt, verfertigten. Alle diese verschiedenen Arbeiten übernahmich, und suchte sie nnermüdet zur Vollkommenheit zu bringen.Die schöne Kunst des Emaillirens ließ ich mir gleichfalls ange-legen seyn, und nahm nur darin einen unserer Florentiner, derAmerigo hieß, den ich niemals persönlich gekannt hatte, zumVorbild. Niemand hat sich, daß ich wüßte, seiner göttlichenArbeit genähert. Auch diese schweren Bemühungen legte ichmir auf, wo man sein Werk und die Frucht seines Fleißes zu-letzt dem Feuer überlassen muß, das alles wieder verderbenkaun; aber die Freude, die ich daran hatte, machte, daß ich diegroßen Schwierigkeiten für ein Ausruhen ansah. Denn Gottund die Natnr haben mir die glücklichste Gabe, eine so guteund wohl proportionirte Complexion gegeben, daß ich damit freialles, was mir in den Sinn kam, ausrichten konnte. Was ichin diesen so ganz verschiedenen Professionen geleistet habe, werdeich an seineni Orte anzeigen.
Zu dieser Zeit — ich war ungefähr dreiundzwanzig Jahrealt — wüthete in Rom eine pestilenzialische Krankheit; vieleTausende starben jeden Tag, und dadurch geschreckt, gewöhnteich mich zu einer gewissen Lebensart,, die ich gemüthlich fand,und zwar durch folgenden Anlaß. An Festtagen ging ich ge-wöhnlich nach Alterthümern aus, und studirte nach ihnen, ent-j weder in Wachs oder mit Zeichnen. Weil sich nun viele! schöne Sachen in den Ruinen finden, und dabei viele Tauben! nisten, fand ich Vergnügen, meine Büchse gegen sie zu brauchen., Nun gab ich öfters, aus Furcht vor der Pest, und um allenmenschlichen Umgang zu fliehen, meinem Paulin das Gewehrauf die Schulter. Wir gingen allein nach jenen Alterthümern! aus, und kamen gewöhnlich mit einer großen Beute nach Hause.! Ich lud immer nur Eine Kugel in das Gewehr, und vergnügte^ mich, durch Kunst und Geschicklichkeit große Jagd zu machen.
Ich hatte mir selbst meine Büchse eingerichtet: sie war von^ außen und innen spiegelglatt; dazu machte ich mir selbst dasfeinste Schießpulver, wobei ich Geheimnisse fand, die noch nie-^ mand entdeckt hatte; ich will nur diesen Wink geben, daß ich! mit dem fünften Theil des Gewichts der Kugel von meinem! Pulver auf zweihundert Schritte einen weißen Punkt traf,^ worüber sich die, welche das Handwerk verstehen, gewiß ver-wundern werden.
i So ein großes Vergnügen fand ich an dieser Uebung, daß^ sie mich manchmal von meiner Kunst und von meinen Studien^ zu entfernen schien; allein ich zog von der andern Seite darauswieder großen Vortheil: denn ich verbesserte dadurch meine Le-benskräfte , und die Luft war mir sehr heilsam, da ich von Naturzur Melancholie geneigt bin. Dieses Vergnügen erfreute mirgleich das Herz, ich ward geschickter zur Arbeit, und mein Ta-lent zeigte sich niehr, als wenn ich immer bei meinen Studien^ und Uebungen blieb, so daß mir am Ende meine Büchse mehr' zum Vortheil als zum Nachtheil gereichte,s Bei dieser Gelegenheit hatte ich auch die Bekanntschaft mits Antiquitätensuchern gemacht, die den Lombardischen Bauern