Benreimto Cellint.
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Licht an — denn eins habe ich die Nacht immer brennen —warf ein vortreffliches Panzerhemd über, und darüber eineWeste, wie sie mir in die Hand fiel. Vincenz kam zurück, undrief: O wehe, mein Herr! Der Bargell mit allen Häschern istvor der Thüre, und sagt, wenn ihr nicht geschwind macht, sowerde er die Thüre niederrennen; sie haben Fackeln und tausendDinge bei sich. Darauf sprach ich: Sage ihnen, daß ich michankleide, und sogleich komme.
Da ich vermuthete, daß es ein Streich von Herrn PeterLudwig sey, nahm ich in die rechte Hand einen vortrefflichenDolch, in die linke meinen Freibrief; dann lief ich an die HinternFenster, die auf gewisse Gärten gingen; auch da sah ich mehrals dreißig Häscher, und begriff, daß ich auf dieser Seite nichtentfliehen konnte. Da nahm ich die beiden Kinder vor mich,und sagte, sie sollten die Thüre aufmachen, sobald ich's befähle;und so stellte ich mich in Ordnung, den Dolch in der Rechten,den Freibrief in der Linken, vollkommen im Vertheidigungs-zustande. Dann sagte ich zu den Kindern: Fürchtet euch nicht,und macht auf!
Sogleich sprang Victor, der Bargell, mit zwei andern her-ein; sie glaubten mich leicht in die Hände zu bekommen; da siemich aber auf gedachte Weise bereit fanden, zogen sie sich zurückund sagten: Hier will's Ernst werden. Da sprach ich, indemich den Freibrief hinwarf: Leset das! und da ihr mich nichtfangen könnt, so sollt ihr mich auch nicht einmal berühren.Der Bargell sagte darauf zu einigen, sie sollten mich greifen,und den Freibrief könnte man nachher sehen. Da hielt ich ihnenkühn den Dolch entgegen, und rief: Lebend entkomme ich, oder >todt habt ihr mich! Der Platz war sehr enge; sie drohten jedenAugenblick gewaltsam auf mich einzudringen, und ich standimmer in Positur, mich zu vertheidigen. Da nun der Bargellwohl sah, daß sie mich nur auf solche Weise haben könnten, wieich gesagt hatte, rief er den Actuarius, und gab, indessen dieserden Freibrief'las, einigemal das Zeichen, daß sie mich sahensollten; deßwegen ich mich nicht aus meiner Stellung verrückte.Endlich gaben sie ihren Vorsatz auf; sie warfen mir den Freibriefauf die Erde, und gingen ohne mich fort.
Als ich mich wieder hinlegte, fühlte ich mich sehr angegriffen,und konnte nicht wieder einschlafen. Als es Tag war, hatte ichmir vorgesetzt, zur Ader zu lassen, und fragte nur erst den HerrnJohann Gaddi um Rath, und der ließ so ein Hausärztleinrufen; das fragte mich, ob ich denn erschrocken sey? Nun sageeiner, was soll man von dem Verstand eines Arztes denken,dem man einen so großen und außerordentlichen Fall erzählt,und der so eine Frage thut? Es war eben ein Kauz, der gleich-sam beständig über nichts lachte, und mir auch lachend sagte,ich sollte einen guten Becher Griechischen Weines trinken, michlustig machen, und weiter nicht erschrocken seyn. Herr Johannsagte: Meister, und wenn einer von Erz und Marmor gewesenwäre, so hatte er sich bei dieser Gelegenheit entsetzt, geschweigeein Mensch. Darauf sagte das Aerztlein: Monsignore, wirsind nicht alle nach Einer Weise gebaut; dieser Mann ist nichtvon Erz noch von Marmor, sondern von reinem Eisen. Somitlegte er mir die Hand an den Puls, und sagte unter seinemunmäßigen Gelächter: Fühlt einmal hierher, Johann! keinMensch, kein erschrockener Mensch hat einen solchen Puls; dasist ein Löwe, ein Drache. Ich, der ich wohl wußte, daß mein iPuls stark und über das rechte Maaß schlug, wie das Affen- !
gesicht von Hippokrates und Galen nicht gelemt hatte, fühltewohl mein Uebel, zeigte mich aber munter, um nicht erschrockenerzu scheinen, als ich war.
Man ging eben zur Tafel, und ich aß mit der ganzen Ge-sellschaft. Sie war sehr auserlesen, Herr Ludwig von Fano,Herr Johann Greco, Herr Anton Allegretti, alles sehr gelehrtePersonen, auch Herr Hannibal Caro, der noch sehr jung war.Man sprach von nichts als von meinem wackern Betragen,und dann ließen sie sich die Geschichte von meinem DienerVincenz, der sehr geistreich, lebhaft und von schöner Gestaltwar, oftmals wiederholen, und so oft er die rasende Begeben-heit erzählte, und dabei meine Stellungen und meine Wortewiederholte, fiel mir immer ein neuer Umstand ein. Dabeifragten sie ihn oft, ob er erschrocken sey? Er antwortete, siesollten mich fragen; es wäre ihm geworden wie mir. Zuletztward mir das Geschwätz beschwerlich, und da ich mich sehrbewegt fühlte, stand ich vom Tische, auf und sagte, ich wolltegehen, und mich und meinen Diener in blaues Tuch und Seideneu kleiden, da ich in vier Tagen am Feste der heiligen Mariain Procession zu gehen hätte, und Vincenz sollte mir die weißebrennende Kerze tragen. So ging ich und schnitt die blauenTücher, sodann ein Westchen von blauem Ermesin, und einUeberkleid von demselbigen; Vincenz aber sollte beides vonblauem Lasset haben.
Da ich das alles zugeschnitten hatte, ging ich zum Papste,der mir sagte, ich sollte mit seinem Herrn Ambrosius reden;er habe befohlen, ich solle ein großes Werk von Gold machen.Ich ging zu Ambrosius, der recht gut um die Geschichte desBargells wußte; denn er war mit meinen Feinden einver-standen, und hatte den Bargell tüchtig ausgeschalten, daß ermich nicht ergriffen hatte, der sich entschuldigte, daß sich gegeneinen solchen Freibrief nichts thun lasse. Herr Ambrosius fingan, von den Arbeiten zu sprechen, wie ihm der Papst befohlenhatte; dann sagte er, ich solle die Zeichnungen machen, dannwolle er alles besorgen.
Inzwischen kam der Tag der heiligen Maria heran, undweil es die Gewohnheit mit sich bringt, daß die, welche einensolchen Ablaß erlangen wollen, sich vorher in's Gefängnißbegeben müssen, so ging ich abermals zum Papste, und sagteSeiner Heiligkeit, ich hätte nicht Lust, mich gefangen einzu-stellen ; er möchte mir die Gnade erzeigen, bei mir eine Aus-nahme zu machen. Der Papst antwortete mir, es sey dieGewohnheit so; da kniete ich von neuem nieder, dankte ihmnochmals für den Freibrief, den er mir ausgestellt hatte, undsagte, daß ich nun mit demselben zu meinem Herzog vonFlorenz, der mich mit so viel Liebe und Verlangen erwartete,zurückkehren wolle. Darauf wendete sich Seine Heiligkeit zueinem ihrer Vertrauten und sagte: Benvenuto mag den Ablaßohne Gefängniß haben; setzt das Rescript auf, und so mag'sgut seyn. Das geschah, der Papst unterzeichne, auf den:Capitel ward es registrirt, und am bestimmtem Tage ging ich,zwischen zwei Edelleuten, ehrenvoll in der P«cession, underhielt vollkommenen Ablaß.
Nach vier Tagen überfiel mich ein schreckliches Fieber, miteinem unglaublichen Frost. Ich legte mich gleich zu Bette undhielt die Krankheit für tödtlich. Ich ließ sogleich die erstenAerzte zusammenberufen. Darunter war Meister Franz vonNorcia, ein sehr alter Arzt, der in Rom den größten Ruf hatte.