Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Benvenuto Eellini.

57

Mein anderer Geselle wollte seinem Rappen gleichfalls einwenig helfen, aber er strauchelte gegen den See zu, und hieltsich nur noch an einer dünnen Weinrebe. Das Thier trug einpaar Mantelsäcke, worin all mein Geld war; denn ich hatte cSdarein gethan, um es nicht bei mir zu tragen, und alles, wasich nur von Werth mit niir führte, hatte ich dazn gesteckt. Ichrief dem Jüngling zu, er solle sein Leben retten und das Pferdzum Henker fallen lassen. Der Sturz war über eine Miglie,der Fels hing über und es mußte in den See fallen, und geradeda nuten hatten unsere Schiffer angelegt, so daß, wenn dasPferd fiel, so stürzte es ihnen auf den Hals.

Ich war allen voraus, wir sahen das Pferd straucheln undarbeiten, und es schien, als wenn es gewiß zu Grunde gehenmüßte. Ich sagte aber zu meinen Gesellen: Bekümmert euchum nichts! wir wollen uns retten und Gott für alles danken.Nur jammert mich der arme Burbacca, der seine Edelsteineauch auf dem Pferde hat, in seinem Becher, die einige tausendDucaten werth sind; er hat sie an den Sattel gebunden undglaubte, da seyen sie am sichersten: das Meinige ist nicht vielüber 100 Scudi, und ich fürchte nichts aus der Welt, wenn ichdie Gnade Gottes habe. Burbacca versetzte: Um's Meine istmir's nicht, wohl aber um's Eure! Da sagte ich zu ihm: Warumbetrübst du dich um mein Weniges und nicht um dein Vieles?Boller Verdruß versetzte er darauf: In Gottes Namen, da wireinmal in solchen Umständen und in solcher Lage sind, so mußich die Wahrheit sagen. Ich weiß recht gut, daß eures wahr-hafte Thaler sind, aber in nieinem Bccherfutteral, das so vielerlogener Juwelen enthalten sollte, ist nichts als Eaviar. Daich das hörte, mußte ich lachen; meine Gesellen lachten auch,und er weinte. Das Pferd half sich aber, weil es sich selbst über-lassen war, und so kamen unter dem Lachen unsere Kräftewieder, und wir stiegen weiter bergauf.

Die vier deutschen Edelleute, welche eher als wir auf denGipfel dieses steilen Berges gekommen waren, schickten einigePersonen, uns zn helfen, so daß wir endlich bei dem allcrein-samsten und wildesten Wirthshaus« ankamen, durchweicht, müdeund hungerig. Man nahm uns freundlich auf; wir ruhten aus,trockneten uns und stillten unsern Hunger; auch wurden demverwundeten Pferde gewisse Kräuter aufgelegt. Man zeigteuns eine solche Pflanze, die häufig an Zäunen wuchs, und sagteuns, daß, wenn wir die Wunde immer damit vollstopften, dasPferd nicht allein heilen, sondern uns auch indessen dienenwürde, als wenn es kein weiteres Uebel hätte. Wir befolgtenden Rath, dankten den Edelleuten und reisten weiter, rechtwohl wieder hergestellt. So zogen wir hin und priesen Gott,daß er uns aus so großer Gefahr gerettet hatte.

Nun kamen wir in eine Stadt jenseit Wesen, wo wir dieNacht ruhten, und alle Stunden einen Wächter hörten, derrecht angenehm sang; weil aber daselbst die Häuser alle vonFichtenholz sind, so enthielt das Lied gar nichts anders, als daßman aus's Feuer Acht haben sollte. Burbacca war noch vornTage her in schreckhafter Bewegung und schrie im Traume: OGott! ich ersaufe! und da er sich, außer dem Schrecken des ver-gangenen Tages, noch des Abends betrunken hatte, weil er esmit den Deutschen aufnehmen wollte, rief er manchmal: Ichbrenne! Manchmal wieder glaubte er in der Hölle zu seyn, mitdem Eaviar am Halse. So hatten wir eine sehr lustige Nacht,und alle unsere Noth war in Lachen verkehrt.

Des Morgens stiegen wir beim schönsten Wetter aus, undhielten Mittag in einem fröhlichen Oertchen, Lachen genannt,wo wir trefflich bewirthet wurden. Darauf nahmen wir Führer,die eben nach einer Stadt zurückkehrten, welche Zürich heißt.Der Bote, der uns führte, ritt auf einem Damm, über dendas Wasser ging, so daß der bestialische Führer strauchelte undmit dem Pferde in's Wasser stürzte. Ich war gerade hinter ihm,hielt mein Pferd an und sah die Bestie aus dem Wasser kommen.Er fing wieder an zu singen, als wenn nichts gewesen wäre,und machte mir ein Zeichen, daß ich ihm folgen sollte; ich warfmich aber auf die rechte Hand , durchbrach gewisse Zäune, undso führte ich meine Leute und den Burbacca.

Der Bote schrie und rief mir auf Deutsch: wenn die Leutemich sähen, so würden sie mich todt schlagen. So ritten wirweiter und kamen auch durch diesen Sturm. Wir gelangtennach Zürich, einer wundcrnswürdigen Stadt, so nett wie einEdelstein; wir ruhten daselbst einen ganzen Tag. Des andernMorgens machten wir uns bei Zeiten auf, und kamen in eineandere schöne Stadt, die Solothurn heißt, und gelangten fernernach Lausanne, Genf und Lyon. Daselbst ruhten wir vier Tage.Wir waren singend und lachend hingekommen. Ich ergötztemich sehr mit einigen meiner Freunde, und man bezahlte niirdie Kosten, die ich gehabt hatte. Am Ende von vier Tagennahm ich meinen Weg nach Paris. Das war eine angenehmeReise, außer daß in der Gegend von La Palisse uns eine BaudeRäuber anfiel, von der wir uns mit nicht geringer Tapferkeitlosmachten; von da aber reisten wir nach Paris ohne ein Hin-derniß, und immer lachend und singend gelangten wir inSicherheit.

Neuntes Capitel.

Undankbares Betragen RoffoS des Malers. Der Autor wirddem König Kran; I. zu Fontaineblean vorgestellt und sehr gnädig em-pfangen. Der König verlangt, ihn in Dienste zu nehmen, er aber,da ihn eine schnelle Krankheit heimsucht, mißfällt sich in Frankreichund kehrt nach Italien zuriuk. Große Gefälligkeit des KardinalsFerrari, gegen den Autor. Was ihm auf dem Wege zwischen Lyonund Ferrara begegnet. Der Herzog nimmt ihn freundlich auf.Er kommt nach Rom zurück, wo er seinen treuen Diener Felix wieder-findet. Merkwürdiger Brief des Kardinals Ferrara über das Be-tragen des Kardinals Gaddi. Er wird fälschlich von einem Gesellenangeklagt, als wenn er einen große» Schatz von Edelsteine» besitze,den er damals entwandt, als ihm der im Kastell belagerte Papst dieKrone auSzubrechen gegeben. Er wird gefangen genommen und aufdie Engelsburg gebracht.

Als ich ein wenig ausgeruht hatte, ging ich, Rosse denMaler aufzusuchen, der sich im Dienste des Königs Franz I.befand. Ich hielt diesen Mann für meinen größten Freund aufder Welt; denn ich hatte ihm in Rom alle Gefälligkeit erzeigt,die ein Mensch von dem andern erwarten kann, und weil sichniit kurzen Worten erzählen läßt, was er mir für Verbindlich-keit schuldig war, so will ich nicht verfehlen, es anzuzeigen, unddie Undankbarkeit eines heimtückischen Freundes öffentlich dar-stellen. Als er in Rom war, hatte er so viel Uebels von denWerken des Raphael von Urbino gesagt, daß die Schüler diesestrefflichen Mannes ihn auf alle Weise ermorden wollten; davonerrettete ich ihn und bewachte ihn Tag und Nacht mit dergrößten Mühe. Ferner hatte er auch von Herrn Anton da SänGallo, einem herrlichen Architekten, Böses gesprochen,sder ihm