Brnvenuto Cetlini.
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nichts auf dem Haupte, und stand zur rechten Seite meinesGefährten. Da ich mich auf diese Weise fand, verwunderte ichmich, denw ich kannte die Straße nicht, und als ich die Augenerhob, sah ich den Theil einer Mauer, wider den die Sonneschieb, es war, als wenn ich nahe an einem großen Gebäudestunde. Da sagte ich: O mein Freund, wie mache ich es wohl,um mich so hoch in die Hohe zu heben, daß ich die Scheibe derSonne selbst sehen kann? Da zeigte er mir einige Stufen, diezu meiner Rechten waren, und sagte mir: Steige du nur alleinda hinaus! Ich entfernte mich von ihm ein wenig und stiegeinige Stufen rückwärts hinauf, und nach und nach entdeckteich die Nähe der Sonne, so eilte ich auf gedachte Art immerhöher zu steigen, und entdeckte zuletzt den ganzen Kreis derSonne. Die Gewalt der Strahlen nöthigte mich, wie gewöhn-lich, die Augen zu schließen, aber ich erholte mich bald, öffnetedie Augen wieder, sah unverwandt nach ihr und sagte: Omeine Sonne, nach der ich so lange mich gesehnt habe! Ichwill nun nichts weiter sehen, wenn auch deine Strahlen michblind machen sollten, und so blieb ich mit festem Blick stehen.
Nach einer kurzen Zeit bemerkte ich, daß die ganze Gewaltder Strahlen sich auf die linke Seite der Sonne warf, und dieScheibe ganz rein und klar blieb. Ich betrachtete die besondereGnade, welche Gott mir diesen Morgen erzeigte, und sagtemit starker Sümme: Wie wunderbar ist deine Macht! wieherrlich deine Kraft! und wie viel größer ist deine Gnade, alsich nie erwartete! Mir schien die Sonne, ohne ihre Strahlen,vollkommen wie ein Bad des reinsten Goldes. Indessen ichdiesen merkwürdigen Gegenstand betrachtete, sah ich, daß dieMitte des Kreises sich aufblähte und in die Höhe strebte; aufeinmal erzeugte sich ein Christus am Kreuz aus derselben Ma-terie, woraus die Sonne war, so schön und gefällig gebildetund von dem gütigsten Anblick, so daß der menschliche Geistihn nicht den tausendsten Theil so schön hätte ersinnen können.Indessen ich ihn betrachtete, rief ich laut: Wunder! o Wunder!gnädiger und allvermögender Gott, was machst du mich würdig,diesen Morgen zu sehen? Indessen ich nun so betrachtete nndsprach, bewegte sich Christus nach der Gegend, wo sich vorherdie Strahlen hingezogen hatten, und die Mitte der Sonne fingabermals an sich aufzublähen. Diese Bewegung wuchs eineWeile, und verwandelte sich schnell in die Gestalt der schönstenheiligen Jungfrau. Sie saß erhaben, ihren Sohn auf demArm, in der gefälligsten Stellung und gleichsam lächelnd. Anbeiden Seiten standen zwei Engel von solcher Schönheit, alsdie Einbildungskraft nicht erreicht. Auch sah ich in der Sonnezur rechten Hand eine Gestalt, nach Art eines Priesters gekleidet,der mir den Rücken zukehrte und gegen jene Mutter Gotteshinblickte. Alles dieses sah ich klar und wirklich, und danktebeständig Gott mit lauter Stimme.
Nachdem ich diese wunderbaren Dinge etwas über denachten Theil einer Stunde vor den Augen gehabt hatte, ent-fernten sie sich, und ich ward wieder auf mein Lager zurückge-tragen. Sogleich rief ich mit lauter Stimme: Die Kraft Gotteshat mich gewürdigt, mir seine ganze Herrlichkeit zu zeigen, wiesie vielleicht kein anderes sterbliches Auge gesehen hat. Nunerkenne ich, daß ich frei und glücklich bin, und in der GnadeGottes stehe, und ihr andern Bösewichter werdet unglücklich undin seiner Ungnade bleiben. Wißt nur, ich bin ganz gewiß, amAllerheiligentage, als an meinem Geburtstage, genau den
ersten November, Nachts um Vier, werdet ihr genöthigt seyn,mich aus diesem finstern Kerker zu befreien. Weniger werdetihr nicht thun können; denn ich habe es mit meinen Augen andem Throne Gottes gesehen. Der Priester, welcher gegen denHerrn gekehrt stand und mir den Rücken wies, war St. Peterselbst, der für mich sprach und sich schämte, daß man in seinemHause Christen so schändlich begegne. Sagt es nur, wem ihrwollt! Niemand hat Gewalt, mir weiter ein Uebel anzuthun;sagt nur euerm Herrn, er soll mir Wachs oder Papier geben,daß ich die Herrlichkeit Gottes ausdrücken kann, die ich gesehenhabe! Wahrlich ich will es thun!
Der Castellan, obgleich die Aerzte keine Hoffnung mehr zuseiner Genesung hatten, war doch wieder ganz zu sich gekommen,und die Launen seiner jährlichen Tollheit hatten ihn ganz undgar verlassen. Da er nun allein für seine Seele besorgt war,machte ihm sein Gewissen Vorwürfe, und er überzeugte sich,daß man mir, sowohl vorher, als bis aus diesen Augenblick,großes Unrecht angethan hatte. Er ließ deßwegen den Papstvon den großen Dingen berichten, die ich verkündigte. DerPapst, als einer, der nichts glaubte, weder an Gott noch ansonst was, ließ ihm antworten, ich sey toll geworden, und ersolle nur, so gut er könne, für seine Gesundheit sorgen. Alsder Castellan diese Antwort hörte, ließ er mich trösten, schicktemir Schreibzeug, Wachs und Bossirstäbchen mit vielen freund-lichen Worten, die mir einer seiner Diener hinterbrachte, dermir wohl wollte. Dieser war ganz das Gegentheil von denandern sieben Schelmen, die mich gerne todt gesehen hätten.Ich nahm das Papier und das Wachs, fing an zu arbeitenund schrieb dabei folgendes Sonett, das ich an den Castellanrichtete:
Um vor die Seele dir, mein Herr, zu bringen,
Welch Wunder diese Tage Gott mir schickte,
Welch herrliches Gesicht mich hoch entzückte,
Wünscht' ich die Kraft, ein himmlisch Lied zu singen.
O möchte nur zum heiligen Vater dringen,
Wie mich die Macht der Gottheit selbst beglückte,
Aus meiner dumpfen Wohnung mich entrückte,
Er würde meine große Noth bezwingen.
Die Thore sprängen auf, ich könnte gehen,
Und Haß und Wuth entflöh'n, die grimmig wilden,
Sie könnten künftig meinen Weg nicht hindern.
Ach, laß mich nur das Licht des Tages sehen,
Mit meiner Hand die Wunder nachzubilden!
Schon würden meine Schmerzen sich vermindern.
Den andern Tag brachte mir derselbe Diener zu essen; ichgab ihm das Gedicht, das er heimlich, ohne daß es die übrigenbösartigen Leute bemerken konnten, dem Castellan überbrachte,der mich gern losgelassen hätte; denn er glaubte, das Unrecht,das er mir angethan habe, sey die eigentliche Ursache seinesTodes. Er las das Sonett mehr als einmal, das weder Be-griffe noch Worte eines Wahnsinnigen, vielmehr eines gutenund braven Mannes enthielt, und sogleich befahl er seinemSecretär, es dem Papste zu bringen, es in seine eigenen Händezu geben und ihn zugleich um meine Freiheit zu bitten.
Hierauf schickte mir der Castellan Licht für Tag und Nacht,