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Benvenuto Eelliri.
zu denken anfangen. Ich wußte zwar nicht, daß dieser MannZutritt zu Madame d'Estampes hatte; aber ich war überhauptseit jenen Händeln mit dieser Dame etwas vorsichtiger gewor-den, sonst hätte ich ihn gleich fortgejagt. Nun hatte ich die dreiTage Geduld. Wie sie vorbei waren, sagte ich weiter nichts,sondern bewaffnete meine Deutschen, Italiänischen und Fran-zösischen Arbeiter und nahm noch die vielen Handlanger dazu,die ich hatte, und in kurzer Zeit riß ich das ganze Haus niederund warf seine Sachen zum Castell hinaus. Zu diesem in etwasstrengen Verfahren bewegten mich seine unverschämten Worte;denn er hatte gesagt: es möchte wohl kein Jtaliäner so kühnseyn, ihm nur einen Span vom Orte zu rücken. Nachdem nundie Sache geschehen war und er herbeilief, sagte ich zu ihm: Ichbin der geringste Jtaliäner und habe dir noch nichts angethan,wozu ich doch große Lust hätte, und was du erfahren sollst,wenn du nur ein Wörtchen sprichst! So sagte ich ;u ihm mitvielen andern schimpflichen Worten.
Erstaunt und erschrocken, machte dieser Mann seine Sachenso gut zusammen, als er konnte, lies sogleich zu Madamed'Estampes und malte ihr eine Hölle vor, und diese, meineHauptfeindin, schilderte mit ihrer außerordentlichen Beredt-samkeit die Begebenheit dem König. Dieser war, wie manmich versichert hat, im Begriff, äußerst gegen mich aufgebrachtzu werden und strenge zu verfügen; aber Heinrich, der Dauphin,jetziger König von Frankreich, war von jener kühnen Frau be-leidigt worden, deßgleichen die Königin von Navarra, Schwesterdes Königs; diese beiden standen mir mit so vielem Ernste bei,daß der König zuletzt die Sache in's Lächerliche wendete, undso entkam ich mit der Hülse Gottes einem großen Uebel.
Siebentes Capitel.
Madame d'Estampes muntert den Maler Primaticcio, sonst Bo-logna genannt, auf, durch Wetteifer den Autor zu quälen. — Erwird in einen verdrießlichen Proceß verwickelt mit einer Person, dieer aus Klein-Nello geworfen, — Beschreibung der Französischen Ge-richtshöfe, — Der Versager, durch diese Verfolgungen und durch dieAdvocatenkniffe auf's äußerste gebracht, verwundet die Gegenpartei,und bringt sie dadurch zum Schweigen, — Nachricht von seinen vierGesellen und seiner Magd Katbartne, — Ein heuchlerischer Gesellebetrügt den Meister und hält'S mit Katharinen, — Der Meister er-tappt ste auf der That, und jagt Katharinen mit ihrer Mutter ausdem Hause, — Ste verklagen ihn wegen unnatürlicher Befriedigung,— Dem Autor wird's bange, — Nachdem er sich gefaßt, und sichkühnlich dargestellt, verficht er seine eigene Sache, und wird ehrenvollentlasten.
Nun hatte ich freilich mit einem andern Manne denselbenFall, wobei ich aber das Haus nicht ruinirte, sondern ihm nurseine Sachen hinauswarf. Bei dieser Gelegenheit war Madamed'Estampes so kühn, dem Könige zu sagen: Ich denke, dieserTeufel wird euch einmal Paris umkehren. Darauf antworteteder König erzürnt: Er thut wohl, sich gegen jene Canaillen zuvertheidigen, die ihn an meinem Dienst verhindern wollen.Durch dergleichen Vorfälle wuchs die Raserei dieses grausamenWeibes immer mehr. Sie rief einen Maler zu sich, der inFontainebleau wohnte, wo der König sich immer aufhielt; eswar ein Jtaliäner und Bologneser, und ward gewöhnlich nurBologna genannt, doch hieß er eigentlich Franz Primaticcio.Zu diesem sagte Madame d'Estampes, er solle von dem König
die Arbeit verlangen, welche Seine Majestät mir zugedachthabe; sie wolle ihm mit ihrer ganzen Gewalt beistehen. Undso wurden ste einig.
Als Bologna diese Arbeit schon so gut als gewiß vor sichsah, erfreute er sich über die Maaßen, ob es gleich seine Pro-session nicht war, sondern nur, da er gut zeichnete, einigeArbeiter an sich gezogen hatte, die von unserm FlorentinischenMaler Roffo gebildet worden. Dieser wirklich sehr geschickteKünstler war schon todt, und was Bologna Gutes hatte, waraus der verwundernswürdigen Manier seines Vorgängersgenommen.
Nun brachten sie Tag und Nacht dem König ihre künst-lichen Argumente vor; bald lag ihm Madame, bald Bolognain den Ohren. Wodurch aber eigentlich zuletzt der König be-wogen wurde, war die Geschicklichkeit, mit der sie einstimmigund wiederholt zu ihm sagten: Ew. Majestät will, daß Benve-nuto zwölf Statuen von Silber machen soll, und er hat nochnicht Eine vollendet. Verwickelt Ihr ihn in ein so großes Unter-nehmen, so beraubt Ihr Euch aller übrigen Arbeiten, welcheIhr so sehr zu sehen wünscht. Hundert der geschickten Künstlerkönnten nicht so große Werke vollenden, als dieser wackereMann begonnen hat: er ist voll vom besten Willen zu arbeiten;aber eben weil er so viel unternimmt, werden Ew. Majestät ihnund die Arbeit verlieren. Durch solche und ähnliche Worte ließder König sich bewegen, in ihr Begehren zu willigen, und hatteweder eine Zeichnung, noch ein Modell zur Arbeit von BolognasHand gesehen.
In derselbigen Zeit erregte jener zweite Einwohner, den ichaus meinem Schlosse vertrieben hatte, einen Proceß gegen mich,indem er behauptete, ich habe ihm zu jener Zeit, als ich ihnherauswarf, viele seiner Sachen gestohlen. Dieser Proceßmachte mir das größte Leiden und nahm mir so viel Zeit, daßich mich öfters beinahe der Verzweiflung ergeben hätte und aufund davon gegangen wäre.
Sie haben die Gewohnheit in Frankreich, daß sie einenProceß für ein Capital halten, sie mögen ihn nun mit einemFremden oder mit einer andern Person anfangen, von der siemerken, daß sie nicht ganz mit dem Gang ihrer Rechtsstreitebekannt ist. Sobald sie nun sich einigermaaßen im Vortheilsehen, finden sie Gelegenheit, den Proceß zu verkaufen, jamanchmal hat man sie als Mitgift den Töchtern mitgegeben,wenn sie Männer heiratheten, die ein Handwerk daraus machen,Processe zu kaufen.
Ferner haben sie noch eine andere häßliche Gewohnheit.Der größte Theil der Leute in der Normandie nämlich treibt esals ein Gewerb, daß sie falsch Zeugniß geben, so daß die-jenigen, die einen Proceß kaufen, sogleich vier oder sechsZeugen, nach Bedürfniß, abrichten. Weih nun der Gegen-theil nicht dasselbe zu thun, indem die Gewohnheit ihm nichtbekannt ist, so hat er gleich ein Urtheil gegen sich. Mir begeg-nete beides, und indem ich die Sache für schändlich hielt, er-schien ich in dem großen Saale zu Paris, um meine Gründeselbst vorzubringen. Da sah ich den Richter, einen Civillieute-nant des Königs, erhoben aus einem großen Richterstuhle;dieser Mann war groß, stark und dick und von dem finsterstenAnsehen. Zu seiner einen Seite standen viele Leute, zur andernviele Prokuratoren und Advocaten, sämmtlich in'Ordnung,zur Rechten und zur Linken; einige traten auf und brachten