Deutsche Literatur.
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Anekdoten, Anspielungen, Andeutungen zeitig aus dem vorigenJahrhunderte her; sie suchen zugleich gefällig und unterrichtendzusetzn, aber es ist keine Spur, daß etwas den Frauen zuLiebe geschrieben setz, und daß sie weibliche Leser verlangenund hoffen.
Man ist beim Lesen durchaus in einem männlichen Kreise,wo Frauen wohl seyn könnten, aber nicht sind, und dieß giebtdem Ganzen eine eigene Haltung.
5 .
Die Pariser Zeitschrift 1s Slodo
hat durchaus einen jugendlichen Charakter; der älteste ihrerTheilnehmer möchte kaum in den Vierzigen seyn. Auch hier istkeine Spur, Frauen als Frauen zu Leserinnen werben zuwollen; der Geist jener Mitarbeiter ist auf die Zukunft ge-richtet, und das möchte nicht anlockend für das schöne Ge-schlecht seyn.
Beide Zeitblätter zeichnen sich dadurch von den deutschenaus, welche zum großen Theil von Frauen und fast durchauszu Frauen geschrieben sind.
6 . .
Carollne von Weltmann.
Spiegel der großen Welt.
Dieses Heft, oder wenn man will, geheftete Büchelchen,lag auf dem Tische eines Gesellschaftszimmers; ein Freundnahm es aus und nachdem er kaum einige Seiten konnte ge-lesen haben, rief er aus: Was doch die Frauen schreibenlernen! Ein anderer nahm es aus, und, wie der erste nachkurzer Frist, sagte ganz ruhig: Was doch die Frauen auf-passen! Beides zusammengenommen möchte wohl zu Wür-digung dieses Werkleins den Anlaß geben.
7 .
Die Erbschaft.
Ein Lustspiel von Herrn von Mennechet.
Der Hauptzweck des Verfassers scheint gewesen zu seyn,unter dem Deckmantel eines Lustspiels gute Lehren zu ver-breiten: man stellt uns das Unglück des Reichthums, die Ver-derbtheit des Luxus vor, und sucht dagegen die Anmuth einermehr als alle Schätze kostbaren Mittelmäßigkeit anzupreisen.Das goldene Schnitzwerk verfluchen, Strohdächer zu Ehrenbringen, das war von jeher die Mission der Hofpoeten, undsehnsüchtige Seufzer nach Einsamkeit dienten den großen Herrenzur Erholung.
Auch finden wir Antithesen des Gymnasiums. Ein tugend-hafter Freund des Landlebens und ein gar bösartiger Städte-bewohner figuriren löblich gegen einander.
8 .
Friedrich von Räumer,
Geschichte der Hohenstausen.
1825.
Die vier starken Bände habe behaglich in kurzer Zeit nacheinander weggelesen, durchaus mit Dankgefühl gegen den Ver-fasser. In meinen Jahren ist es angenehm, wenn die einzelnen,vor langer Zeit bei uns vorübergegangenen verblichenen Ge-spenster auf einmal sich frisch zusammennehmen und in lebens-lustigem Gange vor uns vorüberziehen. Verschollene Namenerscheinen auf einmal in charakteristischer Gestalt, zusammen-hängende Thaten, die sich im Gedächtniß meist um Eine Figurversammelten und dadurch ihres Herkommens, ihrer Folgenverlustig gingen, schließen sich vor- und rückwärts faßlich an,und so scheint der Unsinn des Weltwesens einige Vernunft zugewinnen. Die kurze Darstellung dieses Werks in dem lite-rarischen Conversationsblatt war hierauf höchst an-genehm und belehrend.
Das Buch wird viele Leser finden: man muß sich aber einGesetz machen, nicht nach neuester Art momentweise zerftücktzu lesen, sondern Tag für Tag sein Pensum zu absolviren;welches so leicht wird, bei der schicklichen Abtheilung in Capitelund der Versammlung in Massen, wodurch wir uns unzerstrentmit dem Ganzen vorwärts bewegen.
Hätte ich jungen Männern zu rathen, die sich höhererStaatskunst und also dem diplomatischen Fache widmen, sowürde ich ihnen es als Handbuch anrühmen, um sich darauszu vergegenwärtigen, wie man unzählige Facta sammelt undzuletzt sich selbst eine Ueberzeugung bildet. Diese Ueberzeugungkann freilich nicht historisch werden — denn man wird ihr irgendeinmal kritisch widersprechen —, wie sie aber praktisch wird,so zeigt sich aus einem glücklichen Erfolg, daß man recht ge-dacht hat.
9 .
Wachler.
1825.
Wachters Handbuch der Geschichte derLitera-tur, neueste Ausgabe, giebt mir die angenehmste Unterhal-tung. Da man sich denn doch in einem langen Leben mitallseitiger Literatur beschäftigte, so scheint es beim Lesen diesesWerks, man lebe zum zweitenmale, freilich um vieles bequemer.
10 .
Wtlidifchmaiin,
über etwas, das der Heilknnst Noth thut.
1825.
Der Verfasser hat seinen Lesern die Ein- und Uebersichtdieses Werkes nicht leicht gemacht; der Vertrag läuft von An-fang bis zu Ende mit wenigen Pausen fort, weder Bücher nochCapitel, noch Marginalien weisen uns zurecht: hat man sichdenn aber zuletzt durch- und herausgefunden, so erstaunt manzu bemerken, daß es ganz inAegyPtischem Sinne geschriebensey, daß man nämlich ein Priester seyn müsse, um sich alsvollkommen tüchtiger Arzt zu bewähren.