Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Teutsche Literatur.

Die Geschichte freilich belehrt uns eines andern; denn sosagt Wachler im ersten Theile Seite 132:

Die Medicin, lange ausschließliches Eigenthum derPriester, namentlich der Asklepiaden in Thessalien, fing all-mählig an, ihre enge Verbindung mit dem religiösen Aber-glauben aufzugeben, als sie zum Theil von Ionischen Philo-sophen in den Kreis ihrer Untersuchungen über die Natur derDinge aufgenommen wurde. Pythagoras zog sie in das Gebietder Staatsknnst und Gesetzgebung, und berücksichtigte beson-ders die Diätetik. Unter seinen Schülern übten mehrere alsPeriodeuten die Heilkunde aus; der Krotoniate Alkmaion undEmpedokles stellten Forschungen über Zcugungstheorie undeinzelne Theile der Physiologie an, und das geschah auch voneinigen Philosophen der neuern Eleatischen Schule und vonAnaxagoras. So näherte sich die Alleingültigkeit der medici-nischen Tempelweisheit ihrem Ende. Die Asklepiaden fingenan, ihre Erfahrungen auf Grundsätze zurückzuführen, und esentstanden die empirische Schule in Knidos und die philoso-phische in Kos.

Aus dieser Schule in Kos ging der Schöpfer der wissen-schaftlichen Medicin hervor, Hippokrates von der InselKos, ein Asklepiade, der berühmteste unter sieben gleich-namigen Männern dieses Geschlechts. Er bildete sich aus weitenReisen und durch Studium der Philosophie u. s. w." Auch diefolgende Stelle wird Liebhabern der Weisheit nachdrücklichempfohlen.

Den einzelnen Verkehrtheiten des Tages sollte man immernur große weltgeschichtliche Massen entgegensetzen.

11 .

Heinroths Anthropologie.

IM.

Die vielen Vorzüge, die man diesem Werk auch zugesteht,zerstört der Verfasser selbst, indem er über die Gränzen hin-ausgeht , die ihm von Gott und der Statur vorgeschrieben sind.Auch wir sind allerdings überzeugt, daß der Anthropolog seinMensche n kind bis in die Vorhöfe der Religion führen könne,dürfe, müsse, aber nicht weiter als bis dahin, wo ihm derDichter begegnet und sich andächtig vernehmen läßt:

In unsers Busens Reine wogt ein Streben,

Sich einem Höher», Reinern, UnbekanntenAus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,

Enträthselnd sich den ewig Ungenannten;

Wir heißen's Frommseyn.

12 .

Merarisches Couversationsblatt.

In der 240. Nummer des dießjährigen Conversa-tio nsblattes(1825) erschien mir besonders willkommen derdort eingelegte Brief; er war mir so rührend als aufmun-ternd. Gleichgestimmt mit dem Verfasser, spreche ich dankbardagegen aus:

Das Vorzüglichste, was wir durch Mittheilung ältererBriefe gewinnen, ist, uns in einen frühern, vorübergegan-genen, nicht wiederkehrenden Zustand unmittelbar versetzt zusehen. Hier ist nicht Relation noch Erzählung, nicht schondnrchgedachter und durchgemeinter Vertrag; wir gewinnen eineklare Anschauung jener Gegenwart, wir lassen aus uns ein-wirken, wie von Person zu Person.

Wenn nun dieses aber für alle Zukunft gilt, so bedeutensolche Docnmente doch am meisten ein- für allemal demjenigen,der solche Zeit mit verlebte; älter oder jünger, er wird in jenenZustand zurückgesetzt, wohin Gefühl, Einbildungskraft, Erin-nerungsgabe ihn kaum so lebhaft wieder hinstellen könnte.

Man lese gedachten Brief und sehe, wie ein damals Jün-gerer, nun in Jahren gleichfalls Herangeksmmener jene gleich-zeitigen ältern Männer am besten versteht, und sich selbst über-zeugt, wie er nach und nach in eine hohe Cultur hinein-gewachsen sey.

Dieser unbekannte Freund erhöht meinen Muth bei demschwierigen Geschäft einer Redaction meines Briefwechsels mitSchiller. Ich werde sie auch um seinetwillen beeilen, und ihmzu Liebe lasse ich meine Briefe von 1802 in diesem Hefte(Kunst und Alterthum 5. Bandes 2. Heft) abdrucken. Erwird sie nun mit den Schillerschen von diesem Jahre ver-schränken und sich in Gefühlen, Beobachtungen und Betrach-tungen gar gestärkt finden.

Zugleich ersuche ich ihn, das Vorspiel Waswirbringenunmittelbar darauf zu lesen, und jene Zeit wird vor ihmlebendig aufgehen, besonders wenn er, was wohl möglichwäre, jener Vorstellung persönlich beigewohnt hätte.

Neueste deutsche Poesie.

1827 .

Theils unmittelbar von Verfassern und Verlegern, theilsdurch die Aufmerksamkeit freundlicher Literatoren, gelangt garmanche neue Schrift zu mir, die mich zum Nachdenken aufregt,mich auch wohl im allgemeinen irgend einen Begriff von ihrfassen läßt; aber die Anzahl ist zu groß, als daß es mir möglichwäre, in's einzelne zu gehen. Man sieht manch schönes Naturell,das sich von herkömmlichen Regeln besreit hat, sich nach eigenerArt und Weise zu beschäftigen und auszudrücken bemüht ist,dagegen aber auch noch nicht dahin gelangte, sich selbst Gesetzevorzuschreiben und in den von der Natur gezogenen Kreis zubeschränken. Auch hält es schwer in jugendlichen Tagen, überStoff und Gehalt, Behandlung und Form deutlich zu werden.Wie oft. ich nun auch irgend ein Heft oder Bündchen durch-denke, so bin ich doch nicht im Stande, mich hierüber aus-führlich mitzutheilen. Möge nachstehende Tabelle verdeutlichen,wie ich mir den Werth von dergleichen Prodnctioncn anschaulichzu machen suche.

Forderte man nun, es sollte nachstehende lakonisch undextemporirt aufgezeichnete Tabelle im einzelnen gewissenhaftdnrchgedacht, das Ausgesprochene näher bestimmt, zur Ueber-zeugung des Dichters und zur Einleitung des Publicums aus-geführt werden, verlangte man die Literatur des Tages undder Stunde aus diesem Gesichtspunkte behandelt zu sehen, soläßt sich begreifen, daß die ganze. Zeit eines unterrichteten,