Teutsche Literatur.
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denkenden, liebevoll theilnehmenden Mannes dazu nöthig wäre,der am Ende unter Tausenden doch nur für eine einzige Stimmegelten würde; und was könnte sie für Wirkung hervorbringen?Würde der junge Dichter freundlich drein sehen, wenn manihm Beschränkung zumuthete? Würde das Publicum zufrieden
seyn, wenn man sein augenblickliches Entzücken und Verwerfenzur Mäßigung heranriefe? Besser ist es, die Zeit gewährenzu lassen. Die allgemeine Weltcultur steht so hoch, daß eineSonderling des Aechteu und Falschen gar wohl von ihr zu er-warten bleibt.
Mrdigungstabelle
poetischer Produktionen der letzten Zeit.
Naturell.
Stoff.
Gehalt.
Behandlung.
Horm.
Effect.
1) Leicht.
Alltäglich.
Gewöhnlich.
Bequem.
Im einzelnen gut.
Ephemer.
2) Ernst und ele-gisch-
Local und Sittenfremd.
Durch die Zeit ge-geben.
Mit Leichtigkeit.
Der Absicht gemäß.
Vorübergehend.
3) Begabt.
VergangeneZeitund
Sitten.
Menschlich begrün-det.
Geübte Hand.
Schließt sich nicht zu-sammen.
Unbefriedigt.
4) Wohlbegabt.
Verneinend.
Schwer zu entdecken.
Ueberfrei.
Kaum zu entziffern.
Abstoßend.
5) Besonnen.
Neuere Sitten.
Phantastisches Lebenim Widerstreit mitdem Stoff.
Mit Bedacht undSorgfalt.
Abgeschlossen.
Zweifelhaft wegenjenes Widerstreits.
6) Rein.
Natürlich.
Gemüthlich.
Zart.
Geistreich.
Unmuthig.
7) Kräftig.
Rationell.
Tüchtig.
Männlich.
Rhetorisch-Poetisch.
Ermuthigend.
8) Nicht ausgezeich-net.
9) Klar und em-pfänglich.
Tagtäglich.
Verständig.
Gewandt.
Nicht abgeschlossen.
Immer beim Alten.
Studiert.
Historisch.
Verständig.
Ueberdacht.
Unwirksam.
10) Peinlich.
Halbwahr.
Erzwungen.
Empirisch.
Unrein.
Beunruhigend.
11) Bedeutend.
Vielseitig.
Tiefgefaßt.
Frei und frank.
Mannichfaltig.
Auffordernd.
12) Weiblich.
Träumerisch.
Bodenlos.
Weich.
Verschwebend.
Täuschend.
13) Facil.
Vielartig.
Nach Befund.
Frisch.
Geschickt.
Eigenartig.
14)--
Bedeutend, aber be-denklich.
Dichterisch, glücklichgesteigert.
Bequem, vielleichtnicht tief genuggreifend.
Untadelhaft.
Abzuwarten.
Da kein Zeitblatt ohne Räthsel und Charaden bestehen kann, so gönne man mir solche Logogryphen, hinter denensich wenigstens einiger Logos versteckt hält.
Stoff und Gehalt, zur Bearbeitung vorgeschlagen. !
1827 .
Es giebt Bücher, die sehr lesenswürdig, aber nicht lesbarsind; umgekehrt mag der Fall auch seyn, aber von jenen ge-denke ich jetzt drei vorzuführen und hierauf Wunsch und Vor-schlag zu gründen.
Bei dem Vielschreiben, welches in Deutschland sich immervermehren wird, ist offenbar, daß es oft an würdigem Stoffefehlt, welcher dem Autor Gelegenheit gäbe, sein Talent Vor-theilhaft zu zeigen. Thut sich irgendwo zu Hause und in derFremde ein anziehender Gegenstand hervor, gleich sind mehrere ,Hände bereit, ihn zu ergreifen und zu reproduciren, es seydurch Nachahmen, Umarbeiten, Uebersetzen, und wie es sichnur einigermaaßen schicken will. Deßhalb ist es beinahe lustigzu sehen, wie immer eine Feder der andern vorzueilen sucht,wodurch denn der Fall entsteht, daß ähnliches oder völlig
gleiches vielfach in's Publicum gebracht wird. Was die schein-baren Talente dabei gewinnen und verlieren, kann bei unsnicht in Betracht kommen; aber es ist keine Frage, daß ent-schieden gute Köpfe dadurch verführt und zu undankbaren Ar-beiten hingezogen werden. Diesen bringe ich die gleich zu er-wähnenden Bücher in Vorschlag, und empfehle sie ihrer Auf-merksamkeit. Sie sind alle drei von gehaltreichem Stoff, ganzohne Form, und bieten sich der geschicktesten Behandlung dar.Freilich ist hier die Rede nicht, daß etwas gemacht werde,sondern daß etwas gut werde: denn zu allen dreien, wennman sie geltend machen will, gehören vorzügliche Talente.
Begebenheiten des Schlesischen Ritters Hans vonSchweinichen, von ihm selbst aufgesetzt. Breslau 1820 .
Die Bearbeitung dieses zuerst genannten Werkes würdewohl am sichersten glücken; es ist vaterländischen Ursprungs,und wir Deutschen sind geneigt, uns in frühere Zeiten und