Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Auswärtige Literatur und Volkrpoesie,

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tragischen. Ich besitze selbst eine kleine komische Maske vonErz, die mir um keine Goldstange feil wäre, indem sie mir täg-lich das Anschauen von der hohen Sinnesweise giebt, die durchalles, was von den Griechen ausgegangen, hervorleuchtet.

Beispiele ähnlicher Art, wie bei den dramatischen Dichtern,finden sich auch in der bildenden Kunst.

Ein mächtiger Adler, aus Myrons oder Lysippus' Zeiten,hat sich so eben, zwei Schlangen in den Klauen haltend, aufeinen Felsen niedergelassen; seine Fittige sind noch in Thätig-keit, sein Geist unruhig; denn jene beweglich widerstrebendeBeute bringt ihm Gefahr; sie umringeln seine Füße, ihrezüngelnden Zungen deuten auf tödtliche Zähne.

Dagegen hat sich auf Mauergestein ein Kauz niedergesetzt,die Flügel angeschlossen, die Füße und Klauen stämmig; er hateinige Mäuse gefaßt, die ohnmächtig ihre Schwänzlein um seineFüße schlingen, indem sie kaum noch Zeichen eines piepsendabscheidenden Lebens bemerken lassen.

Man denke sich beide Kunstwerke neben einander! Hierist weder Parodie noch Travestie, sondern ein von NaturHohes und von Natur Niederes, beides von gleichemMeister im gleich erhabenen Styl gearbeitet; es ist ein Pa-rallelismus im Gegensatz, der einzeln erfreuen und zusammen-gestellt in Erstaunen setzen müßte. Der junge Bildhauer fändehier eine bedeutende Ausgabe.

Zu ähnlichen Resultaten führt die Bergleichung der Jliasmit Troilus und Cressida; auch hier ist weder Parodienoch Travestie, sondern wie oben im Adler und Kauz zweiNaturgegenstände einander gegenüber gesetzt waren, sohier ein zwiefacher Zeit sinn. Das Griechische Gedicht imhohen Styl, sich selbst darstellend, nur das Nothdürstigebringend und sogar in Beschreibungen und Gleichnissen allenSchmuck ablehnend, auf hohe mythische Urllberlieferungen sichgründend; das Englische Meisterwerk dagegen darf man be-trachten als eine glückliche Umformung, Umsetzung jenes großenWerkes in's Romantisch-dramatische.

Hierbei dürfen wir aber nicht vergessen, daß dieses Stückmit manchem andern seine Herkunft aus abgeleiteten, schon zurProsa herabgezogenen, nur halb dichterischen Erzählungen nichtverleugnen kann.

Doch auch so ist es wieder ganz Original, als wenn dasAntike gar nicht gewesen wäre, und es bedurfte wieder eineneben so gründlichen Ernst, ein ebenso entschiedenes Talent alsdes großen Alten, um uns ähnliche Persönlichkeiten und Cha-raktere mit leichter Bedeutenheit vorzuspiegeln, indem einerspätern Menschheit neuere Menschlichkeiten durchschaubar vor-getragen werden.

Die tragischen Tetralogien -er Griechen.

Programm von Ritter Hermann. 1813.

1823.

Auch dieser Aufsatz deutet seiner Ansicht und Behandlungnach auf einen meisterhaften Kenner, der das Alte zu erneuen,das Abgestorbene zu beleben versteht.

Goethe, Werke. V.

Es kann nicht geleugnet werden, daß man sich die Tetra-logien der Alten sonst nur gedacht als eine dreifache Steigerungdesselben Gegenstandes, wo im ersten Stück die Exposition,die Anlage, der Hauptmvmcnt des Ganzen vollkommen ge-leistet wäre, im zweiten darauf sich schreckliche Folgen in'sUngeheure steigerten, im dritten aber, bei nochmaliger Steige-rung , dennoch auf eine gewisse Weise irgend eine Versöhnungherangeführt würde; wodurch denn allenfalls ein viertes mun-teres Stück, um den Zuschauer, den häuslicher Ruhe und Be-haglichkeit bedürftigen Bürger wohlgemuth zu entlassen, nichtungeschickt angefügt werden konnte. Wenn also z. B. im erstenStück Agamemnon, im zweiten Klytämnestra und Aegisth um-kämen, im dritten jedoch der von den Furien verfolgte Mutter-mörder durch dasAthcnischeOberberufungsgerichtlosgesProchenund deßhalb eine große städtische ewige Feier angeordnet würde,da kann uns dünken, daß dem Genie hier irgend einen Scherzanzuknüpfen wohl mochte gelungen seyn.

Ist nun zwar, wie wir eingestehen, die Griechische Mytho-logie sehr folgereich und langmüthig, wie sich denn der um-sichtige Dichter gar bald überzeugen wird, daß aus jedem Zweigjenes grenzenlosen Stammbaums ein paar Trilogien herauszu entwickeln wären, so kann man doch begreifen, daß, beiunerläßlichen Forderungen nach immer sich überbietenden Neuig-keiten, nicht immerfort eine gleich reine Folge zu finden gewesen.

Sollte sodann der Dichter nicht bald gewahr werden, daßdem Volke an der Folge gar nichts gelegen ist? sollte er nichtklug zu seinem Vortheil brauchen, daß er es mit einer leicht-sinnigen Gesellschaft zu thun hat? Er giebt lieber sein Innerstesauf als es sich ganz allein und umsonst sauer werden zu lasten.

Höchst natürlich und wahrscheinlich nennen auch wir daherdie Behauptung gegenwärtigen Programms, eine Tri- odergar Tetralogie habe keineswegs einen zusammenhängenden In-halt gefordert, also nicht eine Steigerung des Stoffs, wie obenangenommen, sondern eine Steigerung der äußern Formen,gegründet auf einen vielfältigen und zu dem bezweckten Ein-druck hinreichenden Gehalt.

In diesem Sinne mußte nun das erste Stück groß und fürden ganzen Menschen staunenswürdig seyn, das zweite durchChor und Gesang Sinne, Gefühl und Geist erheben und er-gehen, das dritte darauf durch Aeußerlichkeiten, Pracht undDrang aufreizen und entzücken; da denn das letzte zu freund-licher Entlassung so heiter, munter und verwegen seyn durfte,als es nur wollte.

Suchen wir nun ein Bild und Gleichniß zu unsern Zeiten.Die deutsche Bühne besitzt ein Beispiel jener ersten Art anSchillers Wallenstein, und zwar ohne daß der Dichter hiereine Nachahmung der Alten beabsichtigt hätte; der Stoff warnicht zu übersehen, und zerfiel dem wirkenden und schaffendenGeiste nach und nach, selbst gegen seinen Willen, in mehrereTheile. Der Empfindungsweise neuerer Tage gemäß bringt erdas lustige, heitere Satyrstück, das Lager, voraus. In denPiccolominiehrcnwirdie fortschreitende Handlung; sie istnoch durch Pedanterie, Irrthum, wüste Leidenschaft nieder-gehalten, indeß zarte, himmlische Liebe das Rohe zu mildern,das Wilde zu besänftigen, das Strenge zu lösen trachtet. Imdritten Stücke mißlingen alle Versuche der Vermittlung; manmuß es im tiefsten Sinne hochtragisch nennen, und zugeben,daß für Sinn und Gefühl hierauf nichts weiter folgen könne.

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