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Auswärtige Literatur und Volkspoesie.
Nun müssen wir aber, um an die von dem Programm ein-geleitete Weise, völlig Unzusammenhängendes auf einanderglücklich und schicklich folgen zu lassen, durch ein Beispiel irgendeine Annäherung zu gewinnen, uns über die Alpen begeben,und uns die Italiänische, eine dem Augenblick ganz gewidmete,Nation als Zuschauermasse denken.
So sahen wir eine vollkommen ernste Oper in drei Acten,welche, in sich zusammenhängend, ihren Gang ruhig ver-folgte. In den Zwischenräumen der drei Abtheilungen er-schienen zwei Ballete, so verschieden im Charakter unter ein-ander als mit der Oper selbst: das erste heroisch, das zweitein's Komische ablaufend, damit die Springer Gewandtheit undKräfte zeigen konnten. War dieses vorüber, so begann derdritte Act der Oper, so anständig einherschreitend, als wennkeine Posse vorhergegangen wäre; ernst, feierlich, Prächtigschloß sich das Ganze. Wir hatten also hier eine Pentalogie,nach ihrer Weise der Menge vollkommen genugthuend.
Noch ein Beispiel fügen wir hinzu: denn wir sahen, inetwas mäßigern Verhältnissen, Goldonische dreiackige Stückevorstellen, wo zwischen den Abtheilungen vollkommene zwei-actige komische Opern auf das glänzendste vorgetragen wurden.Beide Darstellungen hatten weder dem Inhalt noch der Formnach irgend etwas mit einander gemein, und doch freute mansich höchlich, nach dem ersten Act der Komödie die bekannt-beliebte Ouvertüre der Oper unmittelbar zu vernehmen. Ebenso ließ man .sich nach dem glänzenden Finale dieses Singactesden zweiten Act des prosaischen Stücks gar wohl gefallen.Hatte nun abermals eine musikalische Abtheilung das Entzückengesteigert, so war man doch noch auf den dritten Act des Schau-spiels höchst begierig, welcher denn auch jederzeit vollkommenbefriedigend gegeben ward. Denn der Schauspieler, compro-mittirt durch seine'saugreichen Vorgänger, nahm nun alles,was er von Talent hatte, zusammen, und leistete, durch dieUeberzeugung, seinen Zuschauer im besten Humor zu finden,selbst in guten Humor versetzt, das Erfreulichste, und der all-gemeine Beifall erscholl beim Abschluß auch dieser Pentalogie,deren letzte Abtheilung gerade die Wirkung that, wie der vierteAbschnitt der Tetralogien, uns befriedigt, erheitert und dochauch gemäßigt nach Hause zu schicken.
Nachlese zu Aristoteles' Poetik.
182 k.
Ein jeder, der sich einigermaaßen um die Theorie derDichtkunst überhaupt, besonders aber der Tragödie bekümmerthat, wird sich einer Stelle des Aristoteles erinnern, welche denAuslegern viel Roth machte, ohne daß sie sich über ihre Be-deutung völlig hätten verständigen können. In der nähernBezeichnung der Tragödie nämlich scheint der große Mann vonihr zu verlangen, daß sie durch Darstellung Mitleid und Furchterregender Handlungen und Ereignisse von den genannten Lei-denschaften das Gemüth des Zuschauers reinigen solle.
Meine Gedanken und Ueberzeugung von gedachter Stelleglaube ich aber am besten durch eine Uebersetzung derselbenmittheilen zu können.
„Die Tragödie ist die Nachahmung einer bedeutenden undabgeschlossenen Handlung, die eine gewisse Ausdehnung hat,
und in anmuthiger Sprache vorgetragen wird, und zwar vonabgesonderten Gestalten, deren jede ihre eigene Rolle spielt,und nicht erzählungsweise von einem einzelnen, nach einemVerlauf aber von Mitleid und Furcht mit Ausgleichung solcherLeidenschaften ihr Geschäft abschließt."
Durch vorstehende Uebersetzung glaube ich nun die bisherdunkel geachtete Stelle in's Klare gesetzt zu sehen, und fügenur folgendes hinzu. Wie konnte Aristoteles in seiner jederzeitaus den Gegenstand hinweisenden Art, indem er ganz eigentlichvon der Construction des Trauerspiels redet, an die Wirkung,und was mehr ist, an die entfernte Wirkung denken, welcheeine Tragödie aus den Zuschauer vielleicht machen würde?Keineswegs! er spricht ganz klar und richtig aus: wenn siedurch einen Verlauf von Mitleid und Furcht erregenden Mit-teln durchgegangen, so müsse sie mit Ausgleichung, mit Ver-söhnung solcher Leidenschaften zuletzt auf dem Theater ihreArbeit abschließen.
Er versteht unter Katharsis diese aussöhnende Abrun-dung, welche eigentlich von allem Drama, ja sogar von allenpoetischen Werken gefordert wird. In der Tragödie geschiehtsie durch eine Art Menschenopfer, es mag nun wirklich voll-bracht oder, unter Einwirkung einer günstigen Gottheit, durchein Surrogat gelös't werden, wie im Falle Abrahams undAgamemnons; genug, eine Söhnung, eine Lösung ist zumAbschluß unerläßlich, wenn die Tragödie ein vollkommenesDichtwerk seyn soll. Diese Lösung aber, durch einen günstigen,gewünschten Ausgang bewirkt, nähert sich schon der Mittel-gattung, wie die Rückkehr der Alceste; dagegen im Lustspielgewöhnlich zu Entwirrung aller Verlegenheiten, welche ganzeigentlich das Geringere von Furcht und Hoffnung sind, dieHeirath eintritt, die, wenn sie auch das Leben nicht abschließt,doch darin einen bedeutenden und bedenklichen Abschnitt macht.Memand will sterben, jedermann heirathen, und darin liegtder halb scherz-, halb ernsthafte Unterschied zwischen Trauer-und Lustspiel Israelitischer Aesthetik.
Ferner bemerken wir, daß die Griechen ihre Trilogie zusolchem Zwecke benutzt: denn es giebt wohl keine höhere Kathar-sis, als der Oedipus auf Colonus, wo ein halbschuldigerVerbrecher, ein Mann, der durch dämonische Constitution,durch eine düstere Heftigkeit seines Daseyns, gerade bei derGroßheit seines Charakters, durch immerfort übereilte That-ausübung den ewig unerforschlichen, den ewig folgerechtenGewalten in die Hände rennt, sich selbst und die Seinigen indas tiefste, unherstellbarste Elend stürzt, und doch zuletzt nochaussöhnend ausgesöhnt, und zum Verwandten der Götter, alssegnender Schutzgeist eines Landes eines eigenen Opferdiensteswerth, erhoben wird.
Hieraus gründet sich nun auch die Maxime des großenMeisters, daß man den Helden der Tragödie weder ganzschuldig, noch ganz schnldfrei darstellen müsse. Im ersten Fällewäre die Katharsis bloß stoffartig, und der ermordete Bösewichtzum Beispiel schiene nur der ganz gemeinen Justiz entgangen;im zweiten Falle ist sie nicht möglich: denn dem Schicksal oderdem menschlich Einwirkenden fiele die Schuld einer allzu schwe-ren Ungerechtigkeit zur Last.
Uebrigens mag ich bei diesem Anlaß, wie bei jedem andern,mich nicht gern polemisch benehmen; anzuführen habe ich jedoch,wie man sich mit Auslegung dieser Stelle bisher behelfen.