Auswärtige Literatur und Volkspoesie.
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Ladmus.
Weh! weh! Erfahrt ihr jemals, was ihr da gethan,Schmerz wird euch schmerzen, grimmig! bleibt ihr aber soHinfort in diesem Zustand, welcher euch ergriff,
Wenn auch nicht glücklich, glaubt ihr euch nicht uubegliickt.
Ägav e.
Was aber ist Unrechtes hier und Kränkendes?
Ladmus.
So wende mir zuerst dein Auge Ltherwärts!
Agave.
Wohl denn! Warum befiehlst du mir hinaufzuschaun?
Ladmus.
Ist er, wie immer, oder siehst du Aenderung?
Agave.
Viel glänzender, denn sonst, und doppelt leuchtet er.Ladmus.
So ist ein Aufgeregtes in der Seele dir.
Agave.
Ich weiß nicht, was du sagen willst, doch wird es mirAls ein Besinnen, anders aber, als es war.
Ladmus.
Vernimmst mich also deutlich und erwiederst klug?
Agave.
Vergessen hab'ich, Vater, was zuvor ich sprach.
Ladmus.
In welches Hans denn kamst du, bräutlich eingeführt?Agave.
Dem Sohn des Drachenzahns ward ich, dem Echion.Ladmus.
Und welchen Knaben gabst dem Gatten du daheim?
Agave.
Peutheus entsprang aus unser beiden Einigkeit.
Ladmus.
Und wessen Antlitz führst du auf der Schulter hier?Agave.
Des Löwen, wie die Jägerinnen mir gereicht.
Ladmus.
So blicke grad' auf! wenig Mühe kostet es.
Agave.
Ach, was erblick' ich? trage was hier in der Hand?Ladmus.
Betracht' es nur, und lerne deutlich, was es ist!
Agave.
Das größte Leiden seh' ich Unglückselige.
Ladmus.
Dem Löwen doch vergleichbar nicht erscheint dir dieß?Agave.
Nein, nicht! von PenthenS trag ich jammervoll das Haupt.
Ladmus.
Bejammert lange, früher als du's anerkannt.
Agave.
Wer tödtet' ihn? wie kam er doch in meine Faust?Ladmus.
Uusel'ge Wahrheit, wie erscheinst du nicht zur Zeit!Agave.
Sprich nur, das Herz hat dafür auch noch einen Puls.
Ladmus.
Du, du erschlugst ihn, deine Schwestern würgten mit.Agave.
Wo aber kam er um? zu Hause? draußen? wo?
Ladmus.
Von seinen Hunden wo Aktäon ward zerfleischt.
Agave.
Wie zum Kithäron aber kam der Unglücksmann?
Ladmus.
Dem Gott zum Trotze, deiner auch, der Schwärmenden.Agave.
Wir aber dort gelangten an ihn welcher Art?
Ladmus.
Ihr ras'tet; ras'te Bacchisch doch die ganze Stadt.
Agave.
Dionysos, er verdarb uns: dieß begreif' ich nun.
Ladmus.
Den ihr verachtet, nicht als Gott ihn anerkannt.
Agave.
Allein der theure Leib des Sohnes, Vater, wo?
Homer noch einmal.
1826 .
Es giebt unter den Menschen gar vielerlei Widerstreit, wel-cher aus den verschiedenen, einander entgegengesetzten, nichtauszugleichenden Denk- und Sinnesweisen sich immer auf'sneue entwickelt. Wenn eine Seite nun besonders hervortritt,sich der Menge bemächtigt, und in dem Grade triumphirt, daßdie entgegengesetzte sich in die Enge zurückziehen und für denAugenblick im Stillen verbergen muß, so nennt man jenesUebergewicht den Zeitgeist, der denn auch eine Zeit lang seinWesen treibt.
In den früheren Jahrhunderten läßt sich bemerken, daßeine solche besondere Weltansicht und ihre praktischen Folgensich sehr lange erhalten, auch ganze Völker und vieljährigeSitten zu bestimmen und zu bestätigen wußte; neuerlich abercrgiebt sich eine größere Versatilität dieser Erscheinung, und eswird nach und nach möglich, daß zwei Gegensätze zu gleicher Zeithervortreten, und sich einander das Gleichgewicht halten können,und wir achten dieß für die wünschenswertheste Erscheinung.
So haben wir zum Beispiel in Beurtheilung alter Schrift-steller uns im Sondern und Trennen kaum auf den höchstenGrad der Meisterschaft erhoben, als unmittelbar eine neueGeneration auftritt, welche, sich das Vereinen, das Vermit-teln zu einer theuern Pflicht machend, uns, nachdem wir denHomer einige Zeit, und zwar nicht ganz mit Willen, als einZusammengefügtes, aus mehrern Elementen Angereihtes vor-gestellt haben, abermals freundlich nöthigt, ihn als eine herr-liche Einheit, und die unter seinem Namen überlieferten Ge-dichte als einem einzigen höhern Dichtersinne entquolleneGottcsgeschöpfe vorzustellen. Und dieß geschieht denn auch imZcitgeiste, nicht verabredet, noch überliefert, sondern proxrionistn, der sich mehrfällig unter verschiedenen Himmelsstrichenhervorthut.