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Auswärtige Literatur und Volkspcesie.
Däumerlings nichts Anstößiges haben. Und ich wiederhole,diese Hexerei, die man bei uns so lächerlich finden will, wasist sie denn als die Mythologie des Mittelalters? und imGrunde, hat nian denn Ursache, die eine mehr als die anderelächerlich zu finden?
„Aber, wendet man ein, an Mythologie sind wir gewöhnt,und Zauberei ist uns fast unbekannt. Sey es, und es wärenichts darauf zu antworten, wenn Gewöhnung die einzigeRegel unserer Urtheile seyn dürfte. Freilich war es also, alsdie Nationen bei sich so zu sagen eingepfercht waren; da ließesich begreifen, alles, was ein Volk damals von seinen Be-griffen , seinem Glauben entfernte, mußte regellos erscheinen.Ein jedes hatte nur Ein Wahres, Ein Gutes, Ein Schönes,das ihm eigen gehörte; und die unbedeutendsten Dinge, einmalunter diese Rubriken geordnet, betrachteten sie als unwandelbar ^entschieden. Freilich war dieses die natürliche Folge jenes Zu- !standes, und niemand fiel ein, sich deßhalb zu beschweren; 1aber heut zu Tage, wo durch eine freiwillig einstimmende Be-wegung die Völker alle Hindernisse beseitigen, und sich Wechsels-weise zu nähern suchen, heut zu Tage, wo die Nationen geneigtsind, eine durch die andere sich bestimmen zu lassen, eine Artvon Gemeinde von gleichen Interessen, gleichen Gewohnheiten,ja sogar gleichen Literaturen unter sich zu bilden: da müssensie, anstatt ewige Spöttereien unter einander zu wechseln, sicheinander aus einem höheru Gesichtspunkte ansehen und deßhalbaus dem kleinen Kreis, in welchem sie sich so lange herum-drehten, herauszuschreiten den Entschluß fassen.
„Es giebt Engländer, die nur auf's feste Land kommen,um alles zu tadeln, was nicht buchstäblich wie bei ihnen geschieht.Kaum begreifen sie, daß nicht auch die ganze Welt vollkommendenkt wie sie. Am Freitage sich mit Fastenspeisen begnügen,scheint ihnen widerwärtiger Aberglaube, am Sonntage zutanzen ein abscheulich Scandal. Sie stolziren über ihre Box-künste und entrüsten sich, von Stiergefechten zu hören. OhneGabeln Englischer Fayon schmeckte kein Gericht ihrer Zunge,ihrem Gaumen kein Trank aus andern Carafinen, als sie inLondon gewohnt sind. Ist das nicht, meine Freunde, völligdie Geschichte der Classiker?
„Diese Betrachtungen möchten vielleicht zu ernsthaft scheinenfür den Gegenstand, worauf sie sich beziehen, und gewiß, wennnur von Opern, wie derFreischütz, die Rede wäre, so hättenwir dergleichen lange Entwicklungen nicht unternommen; aberdas Vorurtheil, das wir bestreiken, umfaßt viel bedeutendereWerke, und ein Erzeugniß des menschlichen Geistes, wie GoethesFaust, kann ihm nicht entgehen. Giebt es nicht viele Menschen,welche bei dem Gedanken eines Bündnisses mit dem Teufelgefühllos werden für die Schönheiten dieser erhabenen Pro-duktion? Sie begreifen nicht, wie man über eine solche Un-wahrscheinlichkeit hinauskommen könne. Und doch sind es die-selbigen, welche seit ihrer Jugend den Agamcnmon seineTochteropfern gesehen, um Fahrwind zu erlangen; auch Medeen, wiesie auf geflügeltem Wagen nach den allerschrecklichsten Beschwö-rungen davonfliegt. Glauben sie denn mehr an das eine alsan das andere? oder könnte die Gewöhnung, diese zweiteNatur der Gemeinheit, völlig über ihre Vernunft siegen? Undso würde denn das Mädchen von Orleans, begeistert, wirklichoder im Wahn, von jener Seite ein verächtliches Lächelnhervorrufen, und indessen sie Cassandras ahnungsvollen
Prophezeihungen aufmerksam zuhörten, würde die Jungfrau,die Retterin von Frankreich, sie empören, wenn man sie mitden Farben darstellte, womit die gleichzeitige Geschichte siegeschmückt hat.
„Glücklicherweise jedoch werden diese Gesinnungen nichtdurchgehen, und wie bequem es auch seyn mag, dem betretenenPfade zu folgen, ohne rechts und links zu sehen, so finden wiruns doch in einem Jahrhundert, wo der Blick umsichtig undklar genug werden muß, um über die Gränze zu dringen,welche von der Gewöhnung gezogen worden. Ja dann werdenwir des Guten uns bemächtigen, wo wir es finden und unterwelcher Gestalt es sich darstellt."
Bemerkung des Uebersetzers.
Wenn uns Deutsche in jedem Fall interessiren muß, zusehen, wie ein geistreicher Franzose gelegentlich in unsere Lite-ratur hineinblickt, so dürfen wir doch nicht allzu stolz werdenüber das Lob, was man uns dorther von Zeit zu Zeit ertheilenmag. Die Freiheit, ja Unbändigkeit unserer Literatur ist jenenlebhaft thätigen Männern eben willkommen, welche gegen denClassicismus noch im Streit liegen, da wir uns schon so ziem-lich in dem Stande der Ausgleichung befinden und meistenswissen, was wir von allen Dichtarten aller Zeiten und Völkerzu halten haben. Bewahren wir die längst errungenen Vor-theile weislich im Auge, so dürfen wir uns an der Leidenschaft-lichkeit unserer Nachbarn, welche mehr fordern und zugestehenals wir selbst, gar wohl ergehen, erbauen und unserer unbe-strittenen Vorzüge genießen. Lassen wir uns ferner von denEinzelnheiten in obengenannter Zeitschrift nicht hinreißen, soist es höchst interessant, eine Gesellschaft gebildeter, erfahrener,kluger, geschmacklicher Männer zu bemerken, denen man nichtin allen Capiteln beizustimmen braucht, um von ihren Ein-sichten Vortheil zu ziehen: wie sich denn gegen die mitgetheilteStelle immer noch anführen ließe, daß die Griechische Mytho-logie als höchst gestaltet, als Verkörperung der tüchtigsten,reinsten Menschheit, mehr empfohlen zu werden verdiene alsdas häßliche Teufels- und Hexenwesen, das nur in düstern,ängstlichen Zeitläuften aus verworrener Einbildungskraft sichentwickeln und in der Hefe menschlicher Natur seine Nahrungfinden konnte.
Freilich muß es dem Dichter erlaubt seyn, auch aus einemsolchen Element Stoff zu seinen Schöpfungen zu nehmen, wel-ches Recht er sich auf keine Weise wird verkümmern lassen.Und so haben auch jene freisinnigen Männer, uns zum Vortheilund Vergnügen, solchen Talenten die Bahn eröffnet, welcheman sonst völlig zurückgedrängt, vielleicht vernichtet hätte.
Daher fügt sich denn, daß die Stapfersche Uebersetzungmeines Fa u st neu abgedruckt und von lithographirten Blätternbegleitet nächstens erscheinen wird. Mit dieser Arbeit ist HerrDelacroix beschäftigt, ein Künstler, dem man ein entschiedenesTalent nicht ableugnet, dessen wilde Art jedoch, womit er da-von Gebrauch macht, das Ungestüm seiner Conceptionen, dasGetümmel seiner Compositionen, die Gewaltsamkeit der Stel-lungen und die Rvhheit des Colorits ich keineswegs billigenwill. Deßhalb aber ist er eben der Mann, sich in den Faustzu versenken und wahrscheinlich Bilder hervorzubringen, an