Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
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Auswärtige Literatur und Volkspoesie.

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Für alles, was sittlich genannt wird, giebt es eben so sichereDeutezeichen als für das, was wir durch sinnliche Gegenwarterkennen; in beiden Fällen aber ungetrübt zu schauen, tüchtigzu ergreiscn, klar, zu sondern und gerecht zu beurtheilen, dazugehört angeborener Tact und unausgesetzte, leidenschaftlichdurchgeführte Uebung.

Ich wünsche, daß meine Freunde abgedachte Notiz lesenmögen. Hie und da wissen sie es anders, hie und da denkensie anders, aber sie werden mit mir dankbar bewundern, wieder Biograph mit Wohlwollen das Offenbare sich zuzueignenund das Verborgene zu entziffern gewußt hat. Ferner ist merk-würdig , wie er auf diesem Wege zu gewissen Ansichten überseinen Gegenstand gelangte, die denjenigen in Verwunderungsetzen, der sie vor allen andern hätte gewinnen sollen, und demsie doch entgangen sind, eben weil sie zu nahe lagen.

Jene Recension, deren Auszug wir oben mitgetheilt, sindwir, wie es sich ergiebt, eben diesen Bemühungen schuldig.Recension und Notiz sind übereinstimmend, nicht gleichlautend,und für mich gerade in dem Augenblick höchst bedeutend, da esmir zur Pflicht geworden, mich mit mir selbst, meinem Ge-leisteten und Vollbrachten, wie dem Verfehlten und dem Ver-säumten zu beschäftigen.

Zu einer Zeit, wo die Eilboten aller Art aus allen Welt-gegenden her immerfort sich kreuzen, ist einem jeden Streb-samen höchst nöthig, seine Stellung gegen die eigene Nationund gegen die übrigen kennen zu lernen. Deßhalb findet eindenkender Literatur alle Ursache, jede Kleinkrämerei aufzugebenund sich in der großen Welt des Handelns umzusehen. Derdeutsche Schriftsteller darf es mit Behagen; denn der allge-meine literarische Conflict, der jetzt im Denken und Dichtenalle Rationen hinreißt, war doch zuerst von uns angeregt, an-gefacht, durchgekämpft, bis er sich ringsumher über die Gränzenverbreitete.

Fände ich Raum zu einer Fortsetzung, so würde ich dessenerwähnen, was die Herren Stapfer, Fauriel, Guizot mir undmeinen Werken zu Liebe gethan; auch würde ich Gelegenheitnehmen, den Blick nach Italien zu leiten und bemerkbar zumachen, wie der nun schon dreißig Jahre dauernde Conflictzwischen Classikern und Romantikern sich immer in neuenKämpfen wieder hervorthut. Der Ritter Vincenzo Monti gabein kurzgefaßtes Gedicht heraus: 8uUs Llitolo^iu, Lcriuoue,illilauo 1825. Er führt uns zu den heitern Gruppen derGötter und Halbgötter, wie sie den klaren Aether, den glänz-reichen Boden Griechenlands und Italiens bevölkerten, undweis't sodann auf unser am Hochgericht, um des Rades Spindel,bei Mondenlicht tanzendes luftiges Gesinde! hin, wobei er sichfreilich sehr im Vortheil fühlt.

Dagegen regte sich Carlo Tedaldi-Fores. Er schrieb Aeckt-turioui koetielio, Oeinouu 1825, ein Gedicht von größermUmfang, dessen Inhalt jedoch nicht leicht in's Enge zu bringenist. Der Verfasser behandelt nicht unglücklich die moderne An-sicht von Umfassung eines wettern Kreises menschlicher Denk-und Dichtart; auch er will den innern Sinn mehr als denäußern befriedigt wissen, und vermag die Argumente derPartei, zu der er sich bekennt, obwohl etwas düster, doch treuund kraftvoll vorzutragen.

Monti steht auf der Seite der Griechischen Mythologie, undalso jener Dichtkunst, welche dahin strebt, daß der Einbildungs-kraft Gehalt, Gestalt und Form dargebracht werde, so daß siesich daran, als an einem Wirklichen, beschäftigen und erbauenkönne. Alles beruht hier auf allgemeiner gesunder Menschheit,welche sieb in verschiedenen abgesonderten Charakteren nebeneinander als die Totalität einer Welt darstellen soll.

Tedaldi-Fores dagegen kämpft für ein freies Walten derEinbildungskraft, welche mit bestimmten und unbestimmtenGestalten aller Art nach freiem Willen gebaren, sowohl eingebildetes als ein ungebildetes Geschlecht befriedigen, besondersaber dem, was der Deutsche Gemüth nennt, dem innernGefühl, worin alle gutartigen Menschen übereinkommen, d. h.also der Humanität, ganz eigentlich zusagen solle.

Genau betrachtet dürfte hier kein Streit seyn: denn dieAlten haben ja auch unter bestimmten Formen das eigentlichMenschliche dargebracht, welches immer zuletzt, wenn auch imhöchsten Sinne, das Gemüthliche bleibt. Nur kommt es daraufan, daß man das Gestalten der dichterischen Figuren verman«nichfaltige und sich also dadurch der gerühmten Vortheile be-diene, welche ein durch ein paar tausend Jahre erweiterterGesichtskreis darbieten mag.

Hier wäre nun Raum zu wünschen für eine umständlichereAusführung, um beioen Parteien ihre Vortheile nachzuweisen,endlich aber zu zeigen, wie eine gleich der andern Gefahr läuft,und zwar die Classiker, daß die Götter zur Phrase werden, dieRomantiker, daß ihre Productionen zuletzt charakterlos erschei-nen; wodurch sie sich denn beide im Nichtigen begegnen.

, Äns dem Französischen des Mode.

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^Mythologie, Hexerei, Feerei, was ist denn für ein Untcr-! schied zwischen diesen drei Worten? Stellen Sie nicht dieselbe! Sache, nur unter verschiedenen Gestalten, vor? und warumsollte man die eine verwerfen, wenn man die andere gelten! läßt? In ihrer Kindheit haben alle Völker das Wunderbarel geliebt, und in reifern Jahren bedienten sie sich noch immergern dieses Mittels zu rühren und zu gefallen, ob sie gleich! lange nicht mehr daran glaubten. So haben die Griechen ihre^ Hölle gehabt, ihren Olymp, ihre Eumeniden und die Ver-l Wandlungen ihrer Götter; die Orientalen hatten ihre Genien^ und Talismane, die Deutschen ihre Bezauberungen und Hexen-meister. Hat nun Frankreich, weniger als die andern Völker! mit originalen Volksüberlieferungen versehen, durch zahlreiches^ Borgen und Aneignen die Allgemeinheit dieses Bedürfnissesanerkannt, und diesen empfundenen Mangel durch blaue Mähr-i chen zu ersetzen getrachtet, die ganz gerüstet aus dem Gehirn^ ihrer Autoren hervortraten, ist man dadurch berechtigt, die-^ jenigen zu verachten, welche, reich an eigenem Vermögen, da-! mit zu wuchern beschäftigt sind? Und Magie gegen Magie, sol scheint uns, daß Fiktionen, gegründet auf alten nationalenAberglauben, wohl solcher Mährche» werth sind, welche nurzur Unterhaltung von Kindern und Ammen geschaffen waren.Aber Dame Schlendrians entscheidet ganz anders. Einer wirddie drei verwünschten Kugeln mit dem Gewicht seiner Verach-tung niederdrücken, für den die Siebenmeilenftiefeln des kleinen