Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Auswärtige Literatur und Bolkspoefie.

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im ganzen hiermit beschaffen sehn mag, welches zu untersuchenund näher zu bestimmen nicht meines Amts ist, will ich dochvon meiner Seite meine Freunde aufmerksam machen, daß ichüberzeugt sey, es bilde sich eine allgemeine Weltliteratur,'vorin uns Deutschen eine ehrenvolle Rolle vorbehalten ist.Me Nationen schauen sich nach uns um, sie loben, sie tadeln,mhmen auf und verwerfen, ahmen nach und entstellen, ver-stchen oder mißverstehen uns, eröffnen oder verschließen ihreHerzen: dieß alles müssen wir gleichmüthig aufnehmen, indemuns das Ganze von großem Werth ist.

Erfahren wir ja das gleiche von unsern eigenen Lands-lentm; und warum sollten die Nationen unter sich einig sehn,wem die Mitbürger nicht mit einander übereinzukommen ver-stehe»? Wir haben im literarischen Sinne sehr viel vor andernNationen voraus, sie werden uns immer mehr schätzen lernen,und wäre es auch nur, daß sie von uns borgten ohne Dank,und ms benutzten ohne Anerkennung.

Wie aber die militärisch-physische Kraft einer Nation ausihrer imern Einheit sich entwickelt, so muß auch die sittlich-ästhetische aus einer ähnlichen Uebereinstimmung nach und nachhervorgehen. Dieses kann aber nur durch die Zeit bewirktwerden. Ich sehe so viel Jahre als ein Mitarbeitender zurück,und beobachte, wie sich, wo nicht aus widerstreitenden, dochheterogenen Elementen, eine deutsche Literatur zusammenstellt,die eigentlich nur dadurch eins wird, daß sie in Einer Spracheverfaßt ist, welche aus ganz verschiedenen Anlagen und Ta-lenten , Sinnen und Thun, Urtheilen und Beginnen nach undnach das Innere des Volks zn Tage fördert.

Seziige nach außen.

18 M.

Mein hoffnungsreiches Wort, daß bei der gegenwärtigenhöchst bewegten Epoche und durchaus erleichterter Communi-cation eine Weltliteratur baldigst zu hoffen seh, haben unserewestlichen Nachbarn, welche allerdings hierzu Großes wirkendürften, beifällig aufgenommen und sich folgendermaaßendarüber geäußert.

I.n Mode. Dorn. V. Nr. 91.

Fürwahr, eine jede Nation, wenn die Reihe an sie kommt,fühlt jenes Anziehen, welches, wie die Anziehungskraft der Phy-sischen Körper, eine gegen die andere hinreißt, und in der Folgealle die Geschlechter, aus welchen die Menschheit besteht, in einerallgemeinen Harmonie vereinigen wird. Freilich ist das Be-streben der Gelehrten, sich einander zu verstehen und ihre Ar-beiten an einander zu reihen, keineswegs neu, und die Latei-nische Sprache diente vormals auf eine bewundernswürdigeWeise zu diesem Zwecke. Aber wie sie sich auch bemühten, sobewirkten die Schranken, wodurch die Völker getrennt wurden,auch eine Trennung unter ihnen, und schadeten ihrem geistigenVerkehr. Selbst das Werkzeug, dessen sie sich bedienten, konntenur einer gewissen Jdeenfolge genügen, so daß sie sich gleichsamnur durch die Intelligenz berührten, anstatt gegenwärtig durchdas Herz und die Poesie. Die Reisen, das Studium derSprachen, die periodische Literatur haben die Stelle jener allge-meinen Sprache eingenommen und bestätigen übereinstimmend

viel innigere Verhältnisse, als jene niemals bereiten konnte.Sogar die Nationen, die sich vorzüglich mit Gewerb undHandel abgeben, beschäftigen sich am meisten mit diesem Jdeen-wechsel. England, dessen innere Bewegung so groß, dessenLeben so thätig ist, daß es scheint, es könne nichts anderesstudiren als sich selbst, zeigt in diesem Augenblick ein Symptomdieses Bedürfnisses, sich nach außen zu verbreiten und seinenHorizont zu erweitern; seine Um- und Uebersichten (Uevisvs),an die man bisher gewöhnt war, sind ihnen nicht genug, zweineue Zeitschriften, besonders fremden Literaturen gewidmet,sollen zusammenwirkend regelmäßig ausgegeben werden."

Von der ersten, Tiie koreiZu Huurtsrl/ kevisrv, sindzwei Bände in unsern Händen; den dritten erwarten wir zu-nächst und werden im Laufe dieser Blätter öfters auf die An-sichten der bedeutenden Männer zurückkehren, die ihre Theil-nahme an fremden Literaturen so einsichtig als thätig beweisen.

Zuvörderst aber müssen wir gestehen, daß es uns einheiteres Lächeln abgewann, als wir, gerade am Ende desalten Jahres, schon die mehr als dreißig deutschen Taschen-bücher in einem Englischen Journal angezeigt fanden, zwarnicht recenstrt, aber doch mit einigen eigenthümlichen Be-merkungen.

Es ist erfreulich, daß unsere Exhibitionen der Art auchdrüben Beifall und Absatz finden, indem wir schon genökhigtsind, auch die dortigen gleichmäßigen Productionen für gutesGeld anzuschaffen; es wird sich nach und nach bemerken lassen,ob die Bilanz dieses Verkehrs für uns günstig ausschlage.

Die ernsthafteste Betrachtung mußte doch an jene erstenaugenfällig heitern sich ungesäumt anschließen. Eine jede Lite-ratur ennuyirt sich zuletzt in sich selbst, wenn sie nicht durchfremde Theilnahme wieder aufgefrischt wird. Welcher Natur-forscher erfreut sich nicht der Wunderdinge, die er durchSpiegelung hervorgebracht sieht? Und was eine Spiegelungim Sittlichen heißen wolle, hat ein jeder schon, wenn auch un-bewußt, an sich selbst erfahren und wird, sobald er erst auf-merkt, fassen und begreifen, wie viel er ihr im Leben zu seinerBildung schuldig geworden.

Ein Gleichniß.

Jüngst Pflückt' ich einen Wiesenstrauß,Trug ihn gedankenvoll nach Haus;

Da hatten von der warmen HandDie Kronen sich alle zur Erde gewandt.Ich setzte sie in frisches Glas;

Und welch ein Wunder war mir das!Die Köpfchen hoben sich empor,

Die Blätterstängel im grünen Flor;Und allzusammen so gesund,

Als stünden sie noch auf Muttergruud.

So war mir's, als ich wundersamMein Lied in fremder Sprache vernahm.