Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Auswärtige Literatur und Volkspoesie.

Englisches Schauspiel in Paris.

1828 .

Wir guten Deutschen, worunter ich mich wohl auch zuzählen habe, können seit fünfzig Jahren den unbezwinglichenShakspeare nicht loswerden. Nach unserer gründlichen Ver-fahrungsweise suchen wir in seine Wesenheit einzudringen; wirgestehen gerne dem Stoff, den Gegenständen seiner Dichtungallen Werth und Gehalt zu; wir trachten, seine Behandlungs-art zu entwickeln, ihrem Gange zu folgen, die Charaktere zuenthüllen, und scheinen mit aller Bemühung doch nicht zumZiele zu gelangen. Neulich sogar hatte sich zugetragen, daß wiruns zu einer entschieden retrograden Bewegung verleitenließen, indem wir Lady Macbeth als eine liebevolle Gattin zuconstituiren unternahmen. Sollte aber eben hieraus nichtdeutlich hervorgehen, daß wir den Kreis schon durchlaufen haben,indem uns die Wahrheit anwidert, der Irrthum aber will-kommen erscheint?

Unsere westlichen Nachbarn dagegen, lebendig praktischenSinnes, verfahren hierin ganz anders; sie genießen gegenwärtigdes Glücks, die vorzüglichsten Englischen Schauspieler in denberühmtesten, beliebtesten Stücken nach und nach vor sich zusehen, und zwar auf eigenem Grund und Boden, wodurch siegegen das Fremde in den wichtigen Vortheil gesetzt sind, daßihnen der heimische Maaßstab zur Hand bleibt, der, wenn sieihn, alte verrottete Vorurtheile beseitigend, mit Geistesfreiheitan das Fremde legen, ihnen zu einem wahrhaft überschauendenUrtheil die sicherste Gelegenheit giebt.

Um die Wesenheit des Dichters und seiner Dichtung, welchedoch niemand ergründen wird, kümmern sie sich nicht; sie achtenauf die Wirkung, worauf denn doch eigentlich alles ankommt,und indem sie die Absicht haben, solche zu begünstigen, spre-chen sie aus, theilen sie mit, was jeder Zuschauer empfindet,empfinden sollte, wenn er sich auch dessen nicht genugsam be-wußt würde.

Iwkloüe. Dom. V. Nr. 71.

Hamlet ist endlich auf der Französischen Bühne in seinerganzen Wahrheit erschienen, und mit allgemeinem Beifall auf-genommen worden. Selbst diejenigen, denen die Schwierig-keiten der Sprache eine Menge Schönheiten nicht mit empfindenließen, welche der Ausdruck darbietet, hielten sich an die Hand-lung, und empfanden so Vergnügen als Rührung von diesemoriginalen Drama. Hamlet erregt unsere Theilnahme, wie erauftritt; kaum ist er angekündigt, so verlangt man nach ihm;kaum hat er sich gezeigt, so ist man tausendfältig an ihn ge-knüpft, man möchte ihn nicht wieder loslassen. Es ist eineaußerordentliche Seele, deren Seltsamkeit allein uns schon auf-fallen würde. Wer wünschte nicht zu wissen, was alles fürwunderliche Gedanken und uuvorgesehene Handlungen sichdaraus entwickeln werden? wer wäre nicht neugierig, die Ge-heimnisse derselben zu erforschen und ihren Bewegungen zufolgen? denn da ist etwas zu sehe», was man nicht überall an-trifft. Hier ist die Menschheit zu studiren in diesem so wunder-lichen und doch so wahren Herzen.

Aber diese Seele ist zugleich von dem rechtmäßigsten undgrößten Schmerz erfüllt, von abscheulichen Ahnungen undVermuthungen; sie ist zärtlich, traurig, großmüthig und krast-thätig. Alles das rührt und erregt ein lebendiges Mitgefühl.

Sein Glaube an die Schattcnerscheinung seines Vaters, seinerRache Bedürfniß, das Mittel, das er ausdenkt, sie zu füllen,die Rolle des Thoren, die er mit überlegtester Feinheit, Geist,Schmerz und Haß durchführt nichts ist daran, was einerermüdet. Ohne Mühe laßt ihr euch ein in alle die Zuständedie er durchwandert: sein verschiedenes Begegnen mit P>-lonius, worin sich so viel scheinbar Komisches auf einem Unter-gründe von so viel Traurigem und Bitterm hervorthut; sieScene des Schauspiels, worin er die wundersamste Kunstbeweis't, in wahrhafter Feinheit und verstelltem Wahnsinn,von innigster Würde und angenommenem Fratzenhaftem; siesestrenge, furchtbare Untersuchung, die er mit unversöhnbcherAufmerksamkeit, unter äußerlichen Spielen und Kindereien einesWahnsinnigen, durchführt; die offenbarste Verletzung unseresTheaterdecorums da wäre denn doch wohl für unser Publi-cum genügsamer Anlaß gewesen, Anstoß zu nehmen, hätte esnicht gefühlt, allen diesen Formen, allen diesen Ereignisstn liegedie Entwicklung eines im höchsten Sinne dramatischen Charak-ters zu Grunde.

Französisches Schauspiel in Berlin

1828 .

Wenn wir oben Englische Schauspieler in Pans fanden,und gegenwärtig Französische in Berlin antreffen, so bemerkenwir in beiden Fällen doch einigen Unterschied. In der PariserKönigsstadt treten die vorzüglichsten Schauspiele: Englandsin bedeutenden Gaststücken nur für eine kurze Zeit auf; in derBerliner ist einer bestimmten Gesellschaft ein unbestimmterlängerer Aufenthalt gegönnt. Wenn jene sich auf alle Weisehervorzuthun sich gedrängt sahen, so haben diese den Vortheil,in einer Folge ihre Fähigkeiten zu entwickeln; und es mag ihnenauf jeden Fall bis auf einen gewissen Grad gelingen, da dieFranzösischen Künstler, durch herkömmliche Ueberlieferung be-günstigt , durch eine gewisse geschmackvolle Einheit gefördert,ganz eigenthümlicher Vortheile sich zu erfreuen haben. Dochdavon kann hier nicht die Rede seyn; dieß bleibt dem BerlinerPublicum, den dortigen Genießenden und Urtheilenden anheimgegeben. Was uns aber außerdem bemerklich scheint, ist, daß,wie die Engländer in Frankreich, so die Franzosen in Deutsch-land sich einiger Opposition zu befahren hatten, und letzteredaher sich einen Sachwalter mitgebracht oder ihn an Ort undStelle sogleich gefunden haben. Nicht mißbilligen können wirnun, wenn dieser das Unbill bemerkt und rügt, womit manvor einigen Jahren in Deutschland Moliöre verletzte. Mögensich doch die fremden Nationen bei dieser Gelegenheit sagen,daß der Deutsche, so rechtlich und gutmüthig er auch sonst sey,doch manchmal launische Anwandlungen von Ungerechtigkeithabe, die er denn ganz unbewunden, als müsse das so seyn, anFremden wie an Landsleuten ausübt. Dergleichen geht jedochmeist ganz ohne Widerspruch hin; das Falsche kann sogar eineZeit lang cursiren, bis sich endlich das Wahre herstellt, manweiß nicht wie.

Möge das also künftig wie bisher geschehen. Wir ergreifendiese Gelegenheit, um unsere Herzens- und Glaubensmeinungauszusprechen, daß, wenn einmal Komödie seyn soll, unterdenen, welche sich darin übten und hervorthaten, Molibre in