Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Auswärtige Literatur und Vvlkrpvefie.

nachher aber durch Uebermuth, Starrsinn, rauhes, hartes Be-tragen die Liebe der Griechen, wegen heimlichen Verständnissesmit dem Feinde das Vertrauen seiner Landsleute verlierenddieser lädt eine schwere Blutschuld auf sich, die ihn bis an seinschmähliches Ende verfolgt. Denn als er ini schwarzen Meeredie Flotte der verbündeten Griechen befehligt, entbrennt er inrasender Leidenschaft gegen eine schöne Byzantinische Jungfrau.Nach langem Widerstreben gewinnt sie der Machthaber endlichden Eltern ab; sie soll Nachts zu ihm geführt werden. Scham-haft bittet sie die Diener, die Lampen zu löschen; es geschieht,und sie, im Zimmer umhertastend, stößt die Lampcnsänle um.Aus dem Schlaf erwacht Pausanias; argwöhnisch vermuthet erMörder, ergreift das Schwert und haut die Geliebte nieder.Der gräßliche Anblick dieser Scene verläßt ihn niemals, derSchatten verfolgt ihn unablässig, so daß er Gottheiten undgeisterbannende Priester vergebens anruft.

Welch ein verwundetes Herz muß der Dichter haben, dersich eine solche Begebenheit aus der Vorwelt heraussucht, siesich aneignet und sein tragisches Ebenbild damit belastet! Nach-stehender von Unmuth und Lebensverdruß überladene Monologwird nun durch diese Anmerkungen verständlich; wir empfehlenihn allen Freunden der Declamarion zur bedeutenden Uebung.Hamlets Monolog erscheint hier gesteigert. Kunst gehört dazu,besonders das Eingeschaltete herauszuheben, und den Zusammen-hang des Ganzen rein und fließend zu erhalten. Uebrigens wirdman leicht gewahr werden, daß ein gewisser heftiger, ja excen-trischer Ausdruck nöthig ist, um die Intention des Dichters dar-zustellen.

Manfred allein.

Der Zeit, des Schreckens Narren sind wir! Tage,Bestehlend, stehlen sie sich weg. Wir lebenIn Lebensüberdruß, in Scheu des Todes.

In all den Tagen der verwünschten Posie

Lebend'ge Last auf widerstrebendem Herzen,

In Sorgen stockt es, heftig schlägt's in Pein,

Der Freud' ein End' ist Todeskampf und OhnmachtIn all den Tagen, den vergangnen, künft'gen

Im Leben ist nichts Gegenwart du zählstWie wenig! weniger als wenig, wo die SeeleNicht nach dem Tod verlangt, und doch zurückWie vor dem Winterstrome schreckt. Das FröstelnWär' nur ein Augenblick. Ich hab' ein MittelIn meiner Wissenskraft: die Todten ruf' ich,

Und frage sie: was ist denn, was wir fürchten?

Der Antwort ernsteste ist doch das Grab.

Und das ist nichts, antworten sie mir nicht

Antwortete begrabner Priester GottesDem Weib zu Endor! Spartas König zogAus Griech'scher Jungfrau nie eutschlafnem GeistAntwort und Schicksal: das GeliebtesteHatt' er gemordet, wußt' nicht, wen er traf;

Starb ungesühnt. Wenn er auch schon zu HülfeDen Zeus von Phryxus rief, PhigaliensArkadische Beschwörer aufrief, zu gewinnenVom aufgebrachten Schatten sein Verzeihen,

Auch eine Gränze nur des Rächens. Die versetzteMit zweifelhaftem Wortsinn; doch erfüllt ward's.

Und hätt' ich nie gelebt, das, was ich liebe.

Wär' noch lebendig! hätt' ich nie geliebt,

Das, was ich liebe, wär' noch immer schön,

Und glücklich, glückverspendend. Und was aber,

Was ist sie jetzt? Für meine Sünden büßt sie!

Ein Wesen? Denk' es nicht! Vielleicht ein Nichts.

In wenig Stunden frag' ich nicht umsonst;

In dieser Stunde fürcht' ich, wie ich trotze.

Bis diese Stunde schreckte mich kein SchauenDer Geister, guter, böser. Zittr' ich nun,

Und fühl' am Herzen fremden, kalten Thau?

Doch kann ich thun, was mich im tiefsten widert;

Der Erde Schrecken ruf' ich auf. Es nachtet!

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Nachdem ich über genanntes Werk fast ein Jahr lang dasWunderbarste mir hatte vorsagen lassen, nahm ich es endlichselbst zur Hand, da es mich denn zum Erstaunen und Be-wundern aufregte eine Wirkung, die alles Gute, Schöneund Große auf den rein empfänglichen Geist ausüben wird.Gern sprach ich darüber unter Freunden, und zugleich nahm ichmir vor, etwas öffentlich davon zu sagen; allein je tiefer manin das Werk eines solchen Geistes hineindringt, desto mehrempfindet man, wie schwer es sey, es in sich selbst, geschweigefür andere zu reproduciren, und vielleicht hätte ich, wie überso viel anderes Treffliche, geschwiegen, hätte mich nicht eineAnregung von außen abermals herangeführt.

Ein Franzose, Fabre d'Olivet, übersetzt gedachtes Stück inreimfreie Verse, und glaubt es in einer Folge von philosophisch-kritischen Bemerkungen widerlegt zu haben. Nun ist mir zwardiese seine Arbeit nicht zu Gesicht gekommen, allein der Moniteurvom 23. October 1823 nimmt sich des Dichters an, und indemer über einzelne Theile und Stellen völlig in unserm Sinnesich ausdrückt, so weckt er unsere eigene Betrachtung wieder leb-haft auf, wie es zu geschehen Pflegt, wenn wir unter vielengleichgültigen und verworrenen Stimmen endlich eine an-sprechende vernehmen, da wir uns denn gern zu beifälligerErwiederung finden lassen. Wir hören den Sachwalter selbst,indem er sich folgendermaaßen ausspricht.

Jene Scene, welche sich bis zu Cains Verfluchung durchEva hinaufsteigert, zeugt, unseres Bedünkens, von der energi-schen Tiefe der Byronschen Ideen; sie läßt uns in Cain denwürdigen Sohn einer solchen Mutter erkennen."

Der Uebersetzer fragt hier, woher wohl der Dichter seinUrbild genommen? Lord Byron könnte ihm antworten, ausder Natur und ihrer Betrachtung, wie Corneille seine Cleopatra,wie die Alten ihre Medea darin fanden, wie uns die Geschichteso viele Charaktere, beherrscht von gränzenlosen Leidenschaften,aufstellt.

Wer irgend das menschliche Herz scharf beobachtet underkannt hat, bis zu welchem Grade seine mannichfachen Regungensich verirren können, besonders bei den Frauen, die im Gutenwie im Bösen gleich schrankenlos erscheinen, der wird gewißdem Lord Byron nicht vorwerfen, sich, wenn es gleich eine erst