Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Auswärtige Literatur und DoltSpoeNe.

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entstandene Welt und die allererste Familie galt, an der Wahr-heit versündigt oder sie nach Belieben überboten zu haben. Erschildert uns eine verdorbene Natur, wie Milton dagegen siein ihrer Schönheit und ursprünglichen Reinheit mit hinreißenderFarbenfrische zu malen wußte.

Im Augenblick jener fürchterlichen Verwünschung, die mandem Dichter vorwirft, war Eva nicht mehr das Meisterstück derVollkommenheit und Unschuld; schon hatte sie vom Versucherjene vergifteten Gärungsstoffe empfangen, durch welche dieherrlichen Anlagen und Gefühle, die der Urheber des Lebenszu so viel besserm Zwecke bestimmt hatte, für immer entadeltwurden; schon war jene reine, süße Selbstzufriedenheit in Eitel-keit übergegangen, und eine vom Feinde des Menschengeschlechtsaufgeregte Neugierde, zu unseligem Ungehorsam hintreibend,betrog die Absichten des Schöpfers, und entstellte das Meister-stück seiner Schöpfung.

Eva in ihrer Vorliebe für Abel, in ihren wüthenden Ver-wünschungen gegen seinen Mörder Cain, erscheint höchst con«sequent mit sich selbst, so wie sie nun einmal geworden. Derschwache, aber schuldlose Abel, in welchem sich nur ein gefallenerAdam darstellt, muß seiner Mutter um so lieber werden, alser ihr minder schmerzlich das demüthigende Bild ihres Fehltrittszurückruft. Cain dagegen, der weit mehr von ihrem eigenenStolze geerbt, und jene Stärke, die Adam verloren, bewahrthat, reizt alle Erinnerungen, alle Eindrücke der Eigenliebe auseinmal in ihr auf; todtlich verwundet in dem Gegenstand ihrermütterlichen Vorliebe, kennt ihr Schmerz keine Gränzen mehr,obgleich der Mörder ihr eigener Sohn ist. Einem so kräftigenGenie, wie Lord Byron, kam es zu, dieß Bild in fürchterlicherWahrheit auszumalen; so mußte er es behandeln, oder garnicht."

Und so können wir denn ganz ohne Bedenken dieses Wortwieder aufnehmen, und was vom Besondern gesagt ist, vomAllgemeinen aussprechen: Wollte Lord Byron einen Cainschreiben, so mußte er ihn so behandeln, sonst lieber gar nicht.

Das Werk selbst ist nunmehr als Original und Uebersetzungin vielen Händen; es bedarf also von unserer Seite keines An-kündigen« noch Anpreisens; einiges jedoch glauben wir bemerkenzu müssen.

Der über alle Begriffe das Vergangene sowohl als dasGegenwärtige, und, in Gefolg dessen, auch das Zukünftigemit glühendem Geistesblick durchdringende Dichter hat seinemunbegränzten Talent neue Regionen erobert; was er aber indenselben wirken werde, ist von keinem menschlichen Wesenvorauszusehen. Sein Verfahren jedoch können wir schon einiger-maaßen näher bezeichnen.

Er hält sich an den Buchstaben der biblischen Ueberlieferung;indem er nun das erste Menschenpaar seine ursprüngliche Rein-heit und Schuldlosigkeit gegen eine geheimnißvoll veranlaßteSchuld vertauschen, und die dadurch verwirkte Strafe auf alleNachkommen forterben läßt, so legt er die ungeheure Last einessolchen Ereignisses auf die Schultern Cains, als des Repräsen-tanten einer ohne eigenes Vergehen in tiefes Elend gestürzten,mißmuthigen Menschheit. Diesem gebeugten, schwer belastetenUrfohne macht nun besonders der Tod, von dem er noch garkeine Anschauung hat, viel zu schaffen, und wenn er das Endegegenwärtigen Mühsals wünschen mag, so scheint es ihm nochwiderwärtiger, solches mit einem ganz unbekannten Zustande

zu vertauschen. Schon hieraus sieht man, daß das volle Ge-wicht einer erklärenden, vermittelnden nnd immer mit sich selbststreitenden Dogmatik, wie sie uns noch immer beschäftigt, demersten unbehaglichen Menschensohne aufgebürdet worden.

Diese der menschlichen Natur nicht fremden Widerwärtig-keiten wogen in seiner Seele auf und ab, und können durch diegottergebene Sanftmuth des Vaters und Bruders, durch liebe-voll erleichterndes Mitwirken der Schwester-Gattin nicht be.schwichtigt werden. Um sie aber bis in's Unerträgliche zuschärfen, tritt Satan heran, ein kräftig verführender Geist, derihn erst sittlich beunruhigt, sodann aber wundersam durch alleWelten führt, ihm das Vergangene übermäßig groß, das Gegen-wärtige klein und nichtig, das Künftige ahnungsvoll und un-tröstlich schauen läßt.

So kehrt er zu den Seinigen zurück, aufgeregter, obgleichnicht schlimmer als er war, und da er im Familienwesen allesfindet, wie er's verlassen hatte, so wird ihm die ZudringlichkeitAbels, der ihn zum Opfer nöthigen will, ganz unerträglich.Mehr sagen wir nicht, als daß die Scene, in welcher Abelumkommt, auf das köstlichste motivirt ist; und so ist auch dasfolgende gleich groß und unschätzbar. Da liegt nun Abel! DaSist nun der Tod, von dem so viel die Rede war, und das Men-schengeschlecht weiß eben so wenig davon als vorher.

Vergessen aber dürfen wir nicht, daß durch's ganze Stückeine Art von Ahnung auf einen Erlöser durchgeht, daß derDichter also sich auch in diesem Punkte, wie in allen übrigen,unsern Auslegebegriffen und Lehrweisen anzunähern gewußt hat.

Von der Scene mit den Eltern, worin Eva zuletzt demverstummten Cain flucht, die unser westlicher Nachbar so trefflichgünstig heraushebt, bleibt uns nichts zu sagen übrig; wir habenuns nur mit Bewundemng und Ehrfurcht dem Schlüsse zunähern.

Hier äußerte nun eine geistreiche, in Hochschätzung Byronsmit uns verwandte Freundin, alles, was religiös und sittlichin der Welt gesagt werden könne, sey in den drei letzten Wortendes Stückes enthalten.

Lebcnsverhältniß zu Lyron.

1821.

Der deutsche Dichter, bis in's hohe Alter bemüht, die Ver-dienste früherer und mitlebender Männer sorgfältig und reinanzuerkennen, indem er dieß als das sicherste Mittel zu eigenerBildung von jeher betrachtete, mußte wohl auch auf das großeTalent des Lords, bald nach dessen erstem Erscheinen, auf-merksam werden, wie er denn auch die Fortschritte jener be-deutenden Leistungen und eines ununterbrochenen Wirkens un-ablässig begleitete.

Hierbei war denn leicht zu bemerken, daß die allgemeineAnerkennung des dichterischen Verdienstes mit Vermehrungund Steigerung rasch auf einander folgender Productionen ingleichem Maaße fortwuchs. Auch wäre die diesseitige froheTheilnahme hieran höchst vollkommen gewesen, hätte nicht dergeniale Dichter durch leidenschaftliche Lebensweise und innere»Mißbehagen sich selbst ein so geistreiches als gränzenloses Her-vorbringen und seinen Freunden den reizenden Genuß an seinemhohen Daseyn einigermaaßen verkümmert.