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Auswärtige Literatur und Volkrporsir.
Der deutsche Bewunderer jedoch, hierdurch nicht geirrt,folgte mit Aufmerksamkeit einem so seltenen Leben und Dichtenin aller seiner Excentricität, die freilich um desto auffallenderseyn mußte, als ihres Gleichen in vergangenen Jahrhundertennicht wohl zu entdecken gewesen und uns die Elemente zur Be-rechnung einer solchen. Bahn völlig abgingen.
Indessen waren die Bemühungen des Deutschen dem Eng-länder nicht unbekannt geblieben, der davon in seinen Gedich-ten unzweideutige Beweise darlegte, nicht weniger sich durchReisende mit manchem freundlichen Gruß vernehmen ließ.
Sodann aber folgte, überraschend, gleichfalls durch Ver-mittlung, das Originalblatt einer Dedication des TrauerspielsSardanapal, in den ehrenreichsten Ausdrücken und mit derfreundlichen Anfrage, ob solche gedachtem Stück vorgedrucktwerden könnte.
Der deutsche, mit sich selbst und seinen Leistungen im hohenAlter wohlbekannte Dichter durfte den Inhalt jener Widmungnur als Aeußerung eines trefflichen, hochfühlenden, sich selbstseine Gegenstände schaffenden, unerschöpflichen Geistes mitDank und Bescheidenheit betrachten; auch fühlte er sich nichtunzufrieden, als, bei mancherlei Verspätung, Sardana-pal ohne ein solches Vorwort gedruckt wurde, und fand sichschon glücklich im Besitz eines lithographirten Facsimile, zuhöchst werthem Andenken.
Doch gab der edle Lord seinen Vorsatz nicht auf, dem deut-schen Zeit- und Geistgenosscn eine bedeutende Freundlichkeit zuerweisen; wie denn das Trauerspiel Werner ein höchst schätz-bares Denkmal an der Stirn führt.
Hiernach wird man denn wohl dem deutschen Dichtergreisezutrauen, daß er/ einen so gründlich guten Willen, welcheruns auf dieser Erde selten begegnet, von einem so hochgefeiertenManne ganz unverhofft erfahrend, sich gleichfalls bereitete,mit Klarheit und Kraft auszusprechen, von welcher Hochachtunger für seinen unübertroffenen Zeitgenossen durchdrungen, von !welchem theilnehmenden Gefühl für ihn er belebt sey. Aber !die Aufgabe fand sich so groß und erschien immer größer,je mehr man ihr näher trat: denn was soll man von einem jErdgeborenen sagen, dessen Verdienste durch Betrachtung und !Wort nicht zu erschöpfen sind?
Als daher ein junger Mann, Herr Sterling, angenehmvon Person und rein von Sitten, im Frühjahr 1823 seinenWeg von Genua gerade nach Weimar nahm, und auf einemkleinen Blatte wenige eigenhändige Worte des verehrten Man-nes als Empfehlung überbrachte, als nun bald darauf dasGerücht verlautete, der Lord werde seinen großen Sinn, seinemannichfaltigen Kräfte an erhaben-gefährliche Thaten überMeer verwenden, da war nicht länger zu zaudern und eilignachstehendes Gedicht geschrieben:
Ein freundlich Wort kommt, eines nach dem andern,
Von Süden her und bringt uns frohe Stunden;
Es ruft uns aus, zum Edelsten zu wandern;
Nicht ist der Geist, doch ist der Fuß gebunden.
Wie soll ich dem, den ich so lang begleitet,
Nun etwas Traulich« in die Ferne sagen,
Ihm, der sich selbst im Innersten bestreitet,
Stark angewohnt, das tiefste Weh zu tragen?
Wohl sey ihm doch, wenn er sich selbst empfindet!
Er wage selbst sich hochbeglückt zu nennen,
Wenn Musenkraft die Schmerzen überwindet,
Und wie ich ihn erkannt, mög' er sich kennen.
Es gelangte nach Genua, fand ihn aber nicht mehr daselbst;schon war der treffliche Freund abgesegelt und schien einem jedenschon weit entfernt; durch Stürme jedoch zurückgehalten, lan-dete er in Livorno, wo ihn das herzlich Gesendete gerade nochtraf, uin es im Augenblicke seiner Abfahrt, den 24. Juli 1823,mit einem reinen schön gefühlten Blatt erwiedern zu tönnen,als werthestes Zeugniß eines würdigen Verhältnisses, unterden kostbarsten Documenten vom Besitzer aufzubewahren.
So sehr uns nun ein solches Blatt erfreuen und rührenund zu der schönsten Lebenshoffnung aufregen mußte, so erhältes gegenwärtig durch das unzeitige Ableben des hohen Schreiben-den den größten, schmerzlichsten Werth, indem es die allge-meine Trauer der Sitten- und Dichterwelt über seinen Verlustfür uns leider ganz insbesondere schärft, die wir nach voll-brachtem großem Bemühen hoffen durften, den vorzüglichstenGeist, den glücklich erworbenen Freund und zugleich denmenschlichsten Sieger persönlich zu begrüßen.
Nun aber erhebt uns die Ueberzeugung, daß seine Nation,aus dem theilweise gegen ihn aufbrausenden, tadelnden, schel-tenden Taumel Plötzlich zur Nüchternheit erwachen und allge-mein begreifen werde, daß alle Schale» und Schlacken der Zeitund des Individuums, durch welche sich auch der Beste hin-durch und heraus zu arbeiten hat, nur augenblicklich, vergäng-lich und hinfällig gewesen, wogegen der stannenswürdigeRuhm, zu dem er sein Vaterland für jetzt und künftig erhebt,in seiner Herrlichkeit gränzenlos und in seinen Folgen unbere-chenbar bleibt. Gewiß, diese Nation, die sich so vieler großerNamen rühmen darf, wird ihn verklärt zu denjenigen stellen,durch die sie sich immerfort selbst zu ehren hat.
Leben Napoleons.
Von Walter Scott.
Der reichste, gewandteste, berühmteste Erzähler seines Jahr-hunderts unternimmt, die Geschichte seiner Zeit zu schreiben.
Dabei entwickelt er nothwendig alle die Tugenden, die erbereits in seinen früheren Werken zu bethätigen wußte.
Er weiß den mannichfaltigen historischen Stoff deutlichst auf-zufassen.
Er dringt in die Bedeutung des Gehaltes ein.
Durch vieljährige literarische Uebung gewinnt er sich diehöchstmögliche Facilität der Behandlung und des Vertrags.
Die Eigenschaft des Romans und die Form desselben be-günstigt ihn, indem er durch fingirte Motive das historischWahre näher an einander rückt und zu einem Faßlichen ver-einigt, während es sonst in der Geschichte weit auSeinander-stcht, und sich kaum dem Geist, am wenigsten aber dem Ge-müth ergreiflich darstellt.
Er giebt sich auf, die Geschichte seiner Zeit dergestalt vor-zutragen, daß er sich die Eindrücke, welche ihm die jedesmaligenEreignisse gemacht, wieder auf's genaueste vergegenwärtigt;wobei er denn freilich nicht vermeiden kann, die Betrachtungen,