Auswärtige Literatur und Volksvoesie
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seinem Ohr. Wie gern mag er in den sausenden Wälderndahin wandern! denn er fühlt seine Gedanken erhoben zu dem,der auf den Schwingen des Windes einherschreitet. Eine wahrePoetenfcele! sie darf nur berührt werden, und ihr Klang istMusik.
„Welch ein warmes, allumfassendes Gleichheitsgefühl!welche vertrauensvolle, gränzenlose Liebe! welch edelmüthigcsUcberschätzen des geliebten Gegenstandes! Der Bauer, seinFreund, sein nußbraunes Mädchen sind nicht länger geringund dörfisch, Held vielmehr und Königin; er rühmt sie alsgleich würdig des Höchsten auf der Erde. Die rauhen ScenenSchottischen Lebens sieht er nicht im Arkadischen Lichte; aberindem Rauche, in dem unebenen Tennenboden einer solchenrohen Wirthlichkeit findet er noch immerLiebenswiirdiges genug.Armuth fürwahr ist sein Gefährte, aber auch Liebe und Muthzugleich; die einfachen Gefühle, der Werth, der Edelsinn,welche unter dem Strohdach wohnen, sind lieb und ehrwürdigseinem Herzen. Und so über die niedrigsten Regionen desmenschlichen Daseyns ergießt er die Glorie seines eigenen Ge-müths, und sie steigen, durch Schatten und Sonnenschein ge-sänftigt und verherrlicht, zu einer Schönheit, welche sonst dieMenschen kaüm in dem Höchsten erblicken.
„Hat er auch ein Selbstbewußtseyn, welches oft in Stolzausartet, so ist es ein edler Stolz, um abzuwehren, nicht umanzugreifen; kein kaltes, mißlrunisches Gefühl, ein freies undgeselliges. Dieser poetische Landmann beträgt sich, möchtenwir sagen, wie ein König in der Verbannung: er ist unter dieNiedrigsten gedrängt und fühlt sich gleich den Höchsten; er ver-langt keinen Rang, damit man ihm keinen streitig mache. DenZudringlichen kann er abstoßen, den Stolzen demüthigen;Vorurtheil auf Reichthum oder Altgeschlecht haben bei ihm.keinen Werth. In diesem dunklen Auge ist ein Feuer, worausich eine abwiirdigende Herablassung nicht wagen darf; in seinerErniedrigung, in der äußersten Noth vergißt er nicht für einenAugenblick die Majestät der Poesie und Mannheit. Und doch,so hoch er sich über gewöhnlichen Menschen fühlt, sondert ersich nicht von ihnen ab; mit Wärme nimmt er an ihrem In-teresse Theil, ja er ,'wirst sich in ihre Arme, und wie sie auchseyen, bittet er um ihre Liebe. Es ist rührend zu sehen, wiein den düstersten Zuständen dieses stolze Wesen in der Freund-schaft Hülfe sucht, und oft seinen Busen dem Unwürdigen aus-schließt, oft unter Thränen an sein glühendes Herz ein Herzandrückt, das Freundschaft nur als Namen kennt. Doch warer scharf- und schncllfichtig, ein Mann vom durchdringendstenBück, vor welchem gemeine Verstellung sich nicht bergen konnte.Sein Verstand sah durch die Tiefen des vollkommensten Be-trügers, und zugleich war eine großmüthige Leichtgläubigkeitin seinem Herzen. So zeigt sich dieser Landmann unter uns:eine Seele wie Aeolsharfe, deren Saiten, vom gemeinstenWinde berührt, ihn zu gesetzlicher Melodie verwandelten. Undein solcher Mann war es, für den die Welt kein schicklicher Ge-schäft zu finden wußte, als sich mit Schmugglern und Schenkenherumzuzanken, Accise auf den Talg zu berechnen und Bier-fässer zu visiren. In solchem Abmühen ward dieser mächtigeGeist kummervoll vergeudet, und hundert Jahre mögen vor-übergehen, ehe uns ein gleicher gegeben wird, um vielleichtihn abermals zu vergeuden."
Und wie wir den Deutschen zu ihrem Schiller Glück wün-schen, so wollen wir in eben diesem Sinn auch die Schott-länder segnen. Haben diese jedoch unserm Freunde so vielAufmerksamkeit und Theilnahme erwiesen, so wäre es billig,daß wir auf gleiche Weise ihren Burns bei uns einführten.Ein junges Mitglied der hochachtbaren Gesellschaft, der wirGegenwärtiges im ganzen empfohlen haben, wird Zeit undMühe höchlich belohnt sehen, wenn er diesen freundlichen Gegen-dienst einer so verehrungswürdigen Nation zu leisten den Ent-schluß fassen und das Geschäft treulich durchführen will. Auchwir rechnen den belobten Robert Burns zu den ersten Dichter-geistern, welche das vergangeneJahrhundert hervorgebracht hat.
Im Jahre 1829 kam uns ein sehr sauber und augenfälliggedrucktes Octavbändchen zur Hand: OatslvAne ol 6ernmiiUulilicstiorm, selsoteck nnck s/steinsticall^ »rrsnKeck. borIV. II. UnIIor »nck llnl. Oalümnnn. London.
Dieses Büchlein, mit besonderer Kenntniß der deutschenLiteratur, in einer die Uebersicht erleichternden Methode ver-faßt, macht demjenigen, der es ausgearbeitet, und den Buch-händlern Ehre, welche ernstlich das bedeutende Geschäft über-nehmen , eine fremde Literatur in ihr Vaterland einzuführen,und zwar so, daß man in allen Fächern übersehen könne, wasdort geleistet worden, um sowohl den Gelehrten, den denkendenLeser als auch den fühlenden und Unterhaltung suchenden anzu-locken und zu befriedigen. Neugierig wird jeder deutsche Schrift-steller und Literator, der sich in irgend einem Fache hervor-gethan, diesen Katalog aufschlagen, um zu forschen, ob dennauch seiner darin gedacht, seine Werke, mit andern verwandten,freundlich aufgenommen worden. Allen deutschen Buchhänd-lern wird es angelegen seyn zu erfahren, wie nian ihren Verlagüber dem Canal betrachte, welchen Preis man auf das einzelnesetze, und sie werden nichls verabsäumen, um mit jenen dieAngelegenheit so ernsthaft angreifenden Männern in Verhältnißzu kommen, und dasselbe immerfort lebendig zu erhalten.
Wenn ich nun aber das von unserm Schottischen Freundevor so viel Jahren verfaßte Leben Schillers, aus das er miteiner ihm so wohl anstehenden Bescheidenheit zurücksieht, hier-durch einleite und gegenwärtig an den Tag fördere, so erlaubeer mir, einige seiner neuesten Aeußerungen hinzuzufügen,welche die bisherigen gemeinsamen Fortschritte am besten deut-lich machen möchten.
Thomas Carlyle an Goethe.
Den 22 December 182«.
„Ich habe zu nicht geringer Befriedigung zum zweitenmalden Briefwechsel gelesen, und sende heute einen darauf ge-gründeten Aufsatz über Schiller ab für das Loreig-n kevisvr.Es wird Ihnen angenehm seyn zu hören, daß die Kenntnißund Schätzung der auswärtigen, besonders der deutschen Lite-ratur sich mit wachsender Schnelle verbreitet, so weit die Eng-lische Zunge herrscht, so daß bei den Antipoden, selbst inNeuholland, die Weisen Ihres Landes ihre Weisheit predigen.Ich habe kürzlich gehört, daß sogar in Oxford und Cambridge,