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Auswärtige Literatur mw Telkspoest«.
unsern beiden Englischen Universitäten, die bis jetzt als dieHaltpnnkte der insularischen eigenthümlichen Beharrlichkeit sindbetrachtet worden, es sich in solchen Dingen zu regen anfängt.Ihr Niebuhr hat in Cambridge einen geschickten Uebersetzergefunden, und in Oxford haben zwei bis drei Deutsche schonhinlängliche Beschäftigung als Lehrer ihrer Sprache. Das neueLicht mag für gewisse Augen zu stark sehn; jedoch kann nie-mand an den guten Folgen zweifeln, die am Ende daraus her-vorgehen werden. Laßt Nationen wie Individuen sich nureinander kennen, und der gegenseitige Haß wird sich in gegen-seitige Hülfleistung verwandeln, und anstatt natürlicher Feinde,wie benachbarte Länder zuweilen genannt sind, werden wiralle natürliche Freunde seyn."
Wenn uns nach allem diesem nun die Hoffnung schmeichelt,eine Uebereinstimmung der Nationen, ein allgemeineres Wohl-wollen werde sich durch nähere Kenntniß der verschiedenenSprachen und Denkweisen nach und nach erzeugen, so wageich von einem bedeutenden Einfluß der deutschen Literatur zusprechen, welcher sich in einem besondern Falle höchst wirksamerweisen möchte.
Es ist nämlich bekannt genug, daß die Bewohner der dreiBrittischen Königreiche nicht gerade in dem besten Einverständ-nisse leben, sondern daß vielmehr ein Nachbar an dem anderngenugsam zu tadeln findet, um eine heimliche Abneigung beisich zu rechtfertigen. Nun aber bin ich überzeugt, daß, wie diedeutsche ethisch-ästhetische Literatur durch das dreifache Bri-tannien sich verbreitet, zugleich auch eine stille Gemeinschaftvon Philogermanensich bilden werde, welche in der Nei-gung zu einer vierten, so nahverwandten Völkerschaft auch unter-einander als vereinigt und verschmolzen sich empfinden werden.
OeimLL LomLLoe.
Volumes IV. üdmburxk 1827.
1827.
Um den Sinn dieses Titels im Deutschen wiederzugeben,müßten wir allenfalls sagen: Musterstücke romantischer, auchmährchenhafter Art, ausgewählt aus den Werken deutscherAutoren, welche sich in diesem Fache hervorgethan haben; sieenthalten kleinere und größere Erzählungen von Musäus, Tieck,Hoffmann, Jean Paul Richter und Goethe in freier, an-muthiger Sprache. Merkwürdig sind die einem jeden Autor-vorgesetzten Notizen, die man, so wie die Schillersche Bio-graphie, gar wohl rühmen, auch unsern Tagesblättern undHeften zu Uebersetzung und Mittheilung, wenn es nicht etwaschon uns unbewußt geschehen ist, empfehlen darf. Die Lebens-zuständc und Ereignisse sind mit Sorgfalt dargestellt und gebenvon dem individuellen Charakter eines jeden, von der Ein-wirkung desselben auf seine Schriften genügsame Borkenntniß.Hier sowohl wie in der Schillerschen Biographie beweist HerrCarlyle eine ruhige, klare, innige Theilnahme an demdeutschen Poetisch-literarischen Beginnen; er giebt sich hin andas eigenthümliche Bestreben der Nation; er läßt den ein-zelnen gelten, jeden an seiner Stelle, und schlichtet hierdurch-
gewifsermaaßen den Conflict, der innerhalb der Literatur irgendeines Volkes unvermeidlich ist: denn Leben und Wirken heißteben so viel als Partei machen und ergreifen. Niemand ist zuverdenken, wenn er um Platz und Rang kämpft, der ihm seineExistenz sichert, und einen Einfluß verschafft, der auf eineglückliche weitere Folge hindeutet.
Trübt sich nun hierdurch der Horizont einer innern Lite-ratur oft viele Jahre lang, der Fremde läßt Staub, Dunstund Nebel sich setzen, zerstreuen und verschwinden, und siehtjene fernen Regionen vor sich aufgeklärt mit ihren lichten undbeschatteten Stellen, mit einer Gemüthsruhe, wie wir inklarer Nacht den Mond zu betrachten gewohnt sind
Hier nun mögen einige Betrachtungen, vor längerer Zeitniedergeschrieben, eingeschaltet stehen, sollte man auch finden,daß ich mich wiederhole, wenn man nur zugleich gesteht, daßWiederholung irgend zum Nutzen gereichen könm.
Offenbar ist das Bestreben der besten Dichter und ästhe-tischen Schriftsteller aller Nationen schon seit geraumer Zeitauf das allgemein Menschliche gerichtet. In jedem Besondern,es sey nun historisch, mythologisch, fabelhaft, mehr oder wenigerwillkürlich ersonnen, wird man durch Nationalität und Per-sönlichkeit hin jenes Allgemeine immer mehr durchleuchten unddurchscheinen sehen.
Da nun auch im praktischen Lebensgange ein gleiches ob-waltet, und durch alles irdisch Rohe, Wilde, Grausame,Falsche, Eigennützige, Lügenhafte sich durchschlagt, und überalleinige Milde zu verbreiten trachtet, so ist zwar nicht zu hoffen,daß ein allgemeiner Friede dadurch sich einleite, aber doch daßder unvermeidliche Streit nach und nach läßlicher werde, derKrieg weniger grausam, der Sieg weniger übermüthig.
Was nun in den Dichtungen aller Nationen hierauf hin-deutet und hinwirkt, dieß ist es, was die übrigen sich anzu-eignen haben. Die Besonderheiten einer jeden muß mankennen lernen, um sie ihr zu lassen, um gerade dadurch mitihr zu verkehren; denn die Eigenheiten - einer Nation sind wieihre Sprache und ihre Münzsorten: sie erleichtern den Verkehr,ja sie machen ihn erst vollkommen möglich.
Eine wahrhaft allgemeine Duldung wird am sichersten er-reicht, wenn man das Besondere der einzelnen Menschen undVölkerschaften auf sich beruhen läßt, bei der Ueberzeugungjedoch festhält, daß das wahrhaft Verdienstliche sich dadurchauszeichnet, daß es der ganzen Menschheit angehört. Zu einersolchen Bermittlung und wechselseitigen Anerkennung tragendie Deutschen seit langer Zeit schon bei. Wer die deutscheSprache versteht und studirt, befindet sich auf dem Markte,wo alle Nationen ihre Waaren anbieten; er spielt den Dol-metscher, indem er sich selbst bereichert.
Und so ist jeder Uebersetzer anzusehen, daß er sich als Ver-mittler dieses allgemein geistigen Handels bemüht, und denWechseltausch zu befördern sich zum Geschäft macht; denn wasman auch von der Unzulänglichkeit des Uebersetzens sagen mag,so ist und bleibt es doch eines der wichtigsten und würdigstenGeschäfte in dem allgemeinen Weltverkehr.
Der Koran sagt: „Gott hat jedem Volke einen Prophetengegeben in seiner eigenen Sprache." So ist jeder Uebersetzerein Prophet in seinem Volke. Luthers Bibelübersetzung hatdie größten Wirkungen hervorgebracht, wenn schon die Kritikdaran bis aus den heutigen Tag immerfort bedingt und mäkelt.