Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Auswärtige Literatur und Volkspoesie.

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Iragbäia <ti ^lesssnäro )Irnro»i äliisno 1820.

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Dieses Trauerspiel, welches wir schon früher angekündigt,verdient auf jede Weise nunmehr eine nähere Betrachtung undBeherzigung. Gleich zu Anfang seiner Vorrede wünscht derVerfasser jeden fremden Maaßstab beseitigt, worin wir mitihm vollkommen übereinstimmen, indem ein ächtes Kunstwerk,so wie ein gesundes Naturprodurt, aus sich selbst beurtheiltwerden soll. Ferner giebt er an, wie man bei einer solchenSchätzung verfahren müsse. Zuerst solle man untersuchen undeinsehen, was denn eigentlich der Dichter sich vorgesetzt; sodannscharf beurtheilen, ob dieses Vornehmen auch vernünftig undzu billigen sey, um endlich zu entscheiden, ob er diesem Vorsätzedenn auch wirklich nachgekommen? Solchen Forderungen gemäßhaben wir uns den deutlichsten Begriff von Herrn ManzonisAbsichten zu verschaffen gesucht; wir haben dieselben löblich,natur- und kunstgemäß gefunden, und uns zuletzt, nach ge-nauester Prüfung, überzeugt, daß er sein Vorhaben meisterhaftausgeführt. Nach dieser Erklärung könnten wir nun eigentlichabtreten, mit dem Wunsche, daß alle Freunde der ItaliänischenLiteratur ein solches Werk mit Sorgfalt lesen, und dasselbe,wie wir gethan, frei und frenndlich beurtheilen möchten.

Allein diese Dichtart findet Gegner in Italien und möchteauch nicht allen Deutschen zusagen; weßhalb es denn Pflichtseyn will, unser unbedingtes Lob zu nwtiviren und zu zeigen,wie wir es, nach des Verfassers Wunsch und Willen, aus demWerke selbst hervorgehoben.

In gedachter Vorrede erklärt er ferner ohne Hehl, daß ersich von den strengen Bedingungen der Zeit und des Orteslossage, führt August Wilhelm Schlegels Aeußerungen hier-über als entscheidend an, und zeigt die 'Nachtheile der bis-herigen, ängstlich beschränkten Behandlung. Hier findet freilichder Deutsche nur das Bekannte, ihm begegnet nichts, rem erwidersprechen möchte; allein die Bemerkungen des Herrn Mau-zoni sind dennoch aller Aufmerksamkeit auch bei uns werth.Denn obgleich diese Angelegenheit in Deutschland lange genugdurchgesprochen und durchgefochten worden, so findet doch eingeistreicher Mann, der eine gute Sache aus's neue, unterandern Umständen, zu vertheidigen angeregt wird, immer wie-der eine frische Seite, von der sie zu betrachten und zu billigenist, und sucht die Argumente der Gegner mit neuen Gründenzu entkräften und zu widerlegen; wie denn der Verfasser einigesanbringt, welches den gemeinen Menschenverstand anlächelt,und selbst dem schon Ueberzeugten wohlgefällt.

Sodann in einem besondern Aussatz giebt er historischeNotizen, in sofern sie nöthig sind, um jene Zeitläufte und diein denselben zeitgemäß handelnden Personen näher kennen zulernen.

Graf Larmagnola, ungefähr 1390 geboren, vom Hirten-leben zum abentheuerlichsteu Soldatenstand aufgerufen, schwingtsich nach und nach durch alle Grade, so daß er zuletzt als ober-ster Heerführer die Besitzungen des Herzogs von Mailand,Johann Maria Visconti, durch glückliche Feldzüge ausbreitendund sichernd, zu h.hen Ehren gelangt, und ihm sogar eineVerwandte des Fürsten angetraut wird. Aber eben der kriege-rische Charakrer des Mannes, diese heftige, unwiderstehliche

Thätigkeit, dieß ungeduldige Vordringen, entzweit ihn mitseinem Herrn und Gönner; der Bruch wird unheilbar, und erwidmet sich 1425 Venezianischen Diensten.

In jener wildkciegerischen Zeit, wo jeder, der sich stark anKörper und Seele fühlte, zur Gewaltthätigkeit hinstrebend,bald für sich mit wenigen, bald im Dienste eines andern, unterdem Schein irgend einer gerechten Forderung seine Kriegslustbefriedigte, war der Soldatenstand eine eigene Art von Hand-werk. Diese Leute vermietheten sich hin und wieder nach Willkürund Vortheil, schloffen Accorde wie andere Handwerker, unter-gaben sich, in verschiedenen Banden und Abstufungen, durchUebereinkunft demjenigen, der sich durch Tapferkeit, Klugheit,Erfahrung und Vorurtheil großes Zutrauen zu verschaffen ge-wußt. Dieser mit seinen Söldnern vermiethete sich wieder anFürsten, Städte, und wer 'einer bedurfte.

Alles beruhte nun auf Persönlichkeit, und zwar auf jenerkräftigen, gewaltsamen, weder Bedingung noch Hinderniß an-erkennenden Persönlichkeit; wer solche besaß, wollte denn frei-lich im Geschäft, für fremde Rechnung unternommen, seineseigenen Vortheils nicht vergessen. Das Wunderlichste, obgleichganz Natürliche in diesem Verhältniß war der Umstand, daßsolche Krieger, vom obersten bis zum untersten, in zwei Heerengegen einander stehend, eigentlich keine feindseligen Gesinnun-gen fühlten; sie hatten schon oft mit und gegen einander gedientund hofften künftig denselben Schauplatz noch mehrmals zubetreten; deßwegen kam es nicht gleich zum Todtschlagen; esfragte sich, wer den andern zum Weichen brächte, in die Fluchtjagte oder gefangen nähme? Hierdurch wurden gar mancheScheingefechte veranlaßt, deren unglücklichen Einfluß auf wich-tige, anfänglich mit gutem Glück geführte Züge uns die Ge-schichte mehrmals ausdrücklich überliefert. Bei einer solchenläßlichen Behandlung eines bedeutenden Geschäfts erwuchsengroße Mißbräuche, welche der Hauptabsicht widerstrebten. Manerwies den Gefangenen große Milde; jeder Hauptmann nahmsich das Recht, die, welche sich ihm ergaben, zu entlassen.Wahrscheinlich begünstigte man anfangs nur alte Kriegscame-raden, die sich zufällig aus die Seite des Feindes gestellt hatten;dieß aber ward nach und nach ein unerläßlicher Gebrauch; undwie die Untergeordneten, ohne den Obergeneral zu fragen, ihreGefangenen entließen, so entließ er seine Gefangenen ohne desFürsten Wissen und Willen, wodurch denn, wie durch mancheandere Jnsubordinationsfälle, das Hauptgeschäft allzusehr ge-fährdet wurde.

Nun hatte überdieß noch ein jeder Condottiere neben denZwecken seines Herrn auch die seinigen vor Augen, um sichnach und nach so viel Güter und Gewalt, so viel Ansehen undZutrauen zu erwerben, damit er sich vielleicht von einem wan-delbaren Kriegsfürsten zu einem bestätigten Friedens- undLandesfürsten erheben möchte, wie so vielen vor und nebenihm gelungen; woraus denn Mißtrauen, Spaltung, Feind-fchaft und Groll zwischen Diener und Herrn nothwendigerfolgen mußte.

Denkt man sich nun den Grafen Larmagnola als einensolchen Miethhelden, der seine hochsinnigen Plane wohl habenmochte, dem aber die in solchen Fällen höchst nöthige Ver-stellungskunst, scheinbares Nachgeben, zur rechten Zeit ein-nehmendes Betragen, und was sonst noch erfordert wird,völlig abging, der vielmehr keinen Augenblick seinen heftigen,