AuSwSrtiqe Literatur und Volksfeste.
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störrischen, eigenwilligen Charakter verleugnete, so wird mangar bald den Widerstreit vorahnen, der zwischen einer solchenWillkür und der höchsten Zweckmäßigkeit des VenezianischenSenats entstehen müsse. Und hier wird nur der Einsichtige denvollkommen prägnanten, tragischen, unausgleichbaren Stoffanerkennen, dessen Entwicklung und Ausbildung sich in gegen-wärtigem Stücke entfaltet. Zwei unvereinbare, einander wider-sprechende Massen glauben sich vereinigen, Einem Zweckewidmen zu können. Zwei entgegengesetzte Denkweisen, wie sieHarnisch und Toga geziemen, sehen wir in vielen Individuenmusterhaft mannichfaltig gegenübergestellt, und zwar so, wiesie allein in der angenommenen Form darzustellen gewesen,wodurch dieser villig legitinürt und vor jedem Widerspruchvöllig gesichert wird. Damit wir aber den weitcrn Verlaufordnungsgemäß einleiten, so folge hier der Gang der Tragödie,Scene für Scene.
Erster Act.
Der Doge trägt dem Senate die Angelegenheit vor; sieist folgende. Die Florentiner haben die Republik um Allianzgegen den Herzog von Mailand angerufen, dessen Gesandtennoch in Venedig verweilen, um ein gutes Verhältniß zu unter-handeln. Carmagnola lebt als Privatmann daselbst, dochschon mit einiger Aussicht, Heerführer zu werden. Meuchel-mörderisch wird er angefallen, und, wie es sich ausweis't,auf Anstiften der Mailänder, und so kann man beide Theilegewiß von nun an auf ewig getrennt halten.
Der vor den Senat geforderte Graf entwickelt seinenCharakter und seine Gesinnung.
Nachdem er abgetreten, legt der Doge die Frage vor, obman ihn zum Feldherrn der Republik aufnehmen solle?Senator Marino votirt gegen den Grafen mit großer Einsichtund Klugheit, Senator Marco für ihn mit Zutrauen undNeigung. Wie man sich zum Stimmen anschickt, schließt dieScene.
In seinem Hause finden wir den Grafen allein. Marcotritt hinzu, verkündigt ihm die Kriegserklärung und seine Er-wählung zum Feldherrn, ersucht ihn aber freundschaftlich auf'sdringendste, den heftigen, stolzen, störrischen Charakter zubezähmen, der sein gefährlichster Feind sey, da er ihm so vielbedeutende Menschen zu Feinden mache.
Nunmehr liegen also sämmtliche Verhältnisse klar vor denAugen der Zuschauer; die Exposition ist vollkommen abgethan,und wir dürfen sie wohl musterhaft nennen.
Zweiter Act.
Wir versetzen uns in das Herzoglich Mailändische Lager.Mehrere Condottiere, unter Anführung eines Malatesti, sehenwir versammelt. Hinter Sümpfen und Bufchwäldern ist ihreStellung höchst Vortheilhast; nur auf einem Damm könnteman zu ihnen gelangen. Carmagnola, der sie nicht angreifenkann, sucht sie durch kleine Beschädigungen und große Insulteaus der Fassung zu bringen; auch stimmen die jüngern, unbe-dachtem für den Angriff. Nur Pergola, ein alter Kriegs-mann, widersetzt sich; einige zweifeln; der Heerführer ist
> seiner Stelle nicht gewachsen. Ein aufgeregter Zwist unter-richtet uns von der Lage der Dinge; wir lernen die Menschenkennen, und sehen zuletzt den weisesten Rath durch leidenschaft-liche Unbesonnenheit überstimmt. Eine treffliche und aus demTheater gewiß höchst wirksame Scene.
Aus diesem tumultuarischen Vielgespräch begeben wir unsin das Zelt des einsamen Grafen. Kaum haben wir seinenZustand in einem kurzen Monolog erfahren, so wird gemeldet,daß die Feinde, ihn anzugreifen, jene vortheilhaftc Stellungverlassen. An die schnell gesammelten Untergeordneten ver-tbeilt er mit geflügelten Worten seine Befehle; alles horcht undgehorcht ebne Zaudern, freudig und feurig.
Diese kurze, thatenschwangere Scene macht einen trefflichenContrast mit der vorhergehenden langen, vielspältigen, undhier hat sich der Verfasser vorzüglich als geistreichen Dichterbewiesen.
Ein Chor tritt ein, welcher in sechzehn Stanzen eine herr-liche Beschreibung des Gefechtes vorträgt, sich aber auch zuletztin Klagen und traurige Betrachtungen über das Kriegsunheil,besonders im Innern der Nation, ergießt.
Dritter Act.
Im Zelte des Grafen treffen wir ihn mit einem Commissärder Republik; dieser, dem Sieger Glück wünschend, verlangtnun, so große Vortheile auch verfolgt, genutzt zu sehen, wozuder Graf keine Lust bezeigt; durch die Zudringlichkeit desCommissärs verstärkt sich nur der eigensinnige Widerstand.
Schon werden beide leidenschaftlicher, als nun gar einzweiter Mitgeordneter eintritt, und sich höchlich beklagt, daßjeder einzelne Condottiere seine Gefangenen loslasse, welchesder Graf als Herkommen und Kriegsgebrauch nicht tadeln will,vielmehr, indem zur Sprache kommt, daß seine Gefangenennoch nicht entlassen seyen, sie «erfordert, und sie, den Com-missarien in's Gesicht trotzend, entläßt. Noch nicht genug, denSohn des alten Kriegshelden Pergola erkennt er unter demscheidenden Haufen, begegnet ihm auf's freundlichste, und läßtes an gleichen Aufträgen an den Vater nicht fehlen. Sollte dirsnicht Unwillen, Verdacht erregen?
Die Commissarien, zurückbleibend, überdenken und be-schließen; ihr Spiel ist, sich zu verstellen, alles, was derGraf thut, zubilligen, ehrfurchtsvoll zu loben, indessen imStillen zu beobachten, und heimlich zu berichten.
Biertcr Act.
Im Saal der Zehnherren zu Venedig finden wir Marco,den Freund des Grafen, vor Marino, dem Feinde desselben,als vor heimlichem Gericht; jenem wird die Freundschaft zuCarmagnola als Verbrechen angerechnet, das Benehmen desFeldherrn, politisch kalt, als verbrecherisch dargestellt, wo-gegen des Freundes sittlich edle Vertheidigung nicht hinreicht.Marco erhält, als gnädige Halbstrafe, den Auftrag, sogleichnach Thessalonich gegen die Türken abzugehen; er vernimmt,des Grasen Untergang sey beschlossen, ohne daß menschlicheGewalt noch List ihn retten könne. Wollte Marco, heißt es,nur einen Hauch, nur einen Wink versuchen, um den Grafen