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Auswärtige Literatur und Volkspcesie.
Das allgemein Menschliche ^wiederholt sich in allen Völkern,giebt aber unter fremder Tracht, unter fernem Himmel keineigentliches Interesse; das Besonderste aber eines jeden Volksbefremdet nur, es erscheint seltsam, oft widerwärtig, wie allesEigenthümliche, das wir noch nicht in einen Begriff auffassen,uns noch nicht anzueignen gelernt haben: in Masse muß mandeßhalb dergleichen Gedichte vor sich sehen, da alsdann Reich-thum und Armuth, Beschränktheit oder Weitsinn, tiefes Her-kommen oder Tagesflachheit sich eher gewahren und beur-theilen läßt.
Verweilen wir aber nicht zu lange im allgemeinen Vor-worte und treten unser Geschäft ungesäumt an. Wir gedenkenvon Serbischen Liedern zunächst zu sprechen.
Man erinnere sich jener Zeiten, wo unzählbare Völker-schaften sich von Osten her bewegen, wandernd, stockend,drängend, gedrängt, verwüstend, anbauend, abermals imBesitz gestört und ein altes Nomadenleben wieder von vornbeginnend.
Serben und Verwandte, von Norden nach Osten wandernd,verweilen in Macedonien und kehren bald nach der Mittezurück, nach dem eigentlichen sogenannten Serbien.
Das ältere Serbische Local wäre nun vor allen Dingen zubetrachten, allein es ist schwer, sich davon in der Kürze einenBegriff zu machen. Es blieb sich wenige Zeiten gleich; wirfinden es bald ausgedehnt, bald zusammengedrängt, zersplittertoder gesammelt, wie innere Spaltung oder äußerer Druck dieNation bedingte.
Auf alle Fälle denke man sich die Landschaft weiter undbreiter als in unsern Zeiten, und will man sich einigermaaßenan Ort und Stelle versetzen, so halte man vorerst an demZusammenfluß der Save mit der Donau, wo wir gegen-wärtig Belgrad gelegen finden. Bewegt sich die Einbildungs-kraft an dem rechten Ufer des erstern Flusses hinauf, des andernhinunter, hat sie diese nördliche Gränze gewonnen, so erlaubesie sich dann südwärts in's Gebirg und darüber weg, bis zumAdriatischen Meer, ostwärts bis gegen Montenegro hin zuschweifen.
Schaut man sich sodann nach nähern und fernern Nach-barn um, so findet man Verhältnisse zu den Venezianern, zuden Ungarn und sonstigen wechselnden Völkern, vorzüglichaber in früherer Zeit zum Griechischen Kaiserthum, bald Tributgebend bald empfangend, bald als Feind bald als Hülfsvolk;späterhin bleibt mehr oder weniger dasselbe Verhältniß zumTürkischen Reich.
Wenn nun auch die zuletzt Eingewanderten eine Liebe zuGrund und Boden in der Flußregion der Donau gewannenund, um ihren Besitz zu sichern, aus den nächsten und fernernHöhen so Schlösser als befestigte Städte erbauten, so bleibt dasVolk immer in kriegerischer Spannung; ihre Verfassung isteine Art von Fürstenverein unter dem losen Band eines Ober-herrn, dem einige auf Befehl, andere auf höfliches Ersuchenwohl Folge leisten.
Bei der Erbfolge jedoch größerer und kleinerer Despoten,hält man viel, ja ausschließlich auf uralte Bücher, die entwederin der Hand der Geistlichkeit verwahrt liegen oder in denSchatzkammern der einzelnen Theilnehmer.
Ueberzeugen wir uns nun, daß vorliegenden Gedichten, sosehr sie auch der Einbildungskraft gehören, doch ein historischer
Grund, ein wahrhafter Inhalt eigen sey, so entsteht die Frage,in wiefern die Chronologie derselben auszumitteln möglich,d. h. hier, in welche Zeit das Factum gesetzt, nicht aus welcherZeit das Gedicht sey? eine Frage, die ohnehin bei mündlichüberlieferten Gesängen sehr schwer zu beantworten seyn möchte.Ein altes Factum ist da, wird erzählt, wird gesungen, wiedergesungen; wann zum ersten- oder zum letztenmal? bleibt un-erörtert.
Und so wird sich denn auch jene Zeitrechnung SerbischerGedichte erst nach und nach ergeben. Wenige scheinen vor An-kunft der Türken in Europa, vor 1355, sich auszusprechen, so-dann aber bezeugen mehrere deutlich den Hauptsitz des Türki-schen Kaisers in Adrianopel; spätere fallen in die Zeit wo, nachEroberung von Byzanz, die Türkische Macht den Nachbarnimmer fühlbarer wurde; zuletzt sieht man, in den neuestenTagen, Türken und Christen friedlich durch einander leben,durch Handel und Liebesabentheuer wechselseitig einwirkend.
Die ältesten zeichnen sich, bei schon bedeutender Cultur,durch abergläubisch barbarische Gesinnungen aus; es finden sichMenschenopfer, und zwar von der widerwärtigsten Art. Einejunge Frau wird eingemauert, damit die Feste Scutari erbautwerden könne, welches um so roher erscheint, als wir imOrient nur geweihte Bilder gleich Talismanen an geheim-gehaltenen Orten in den Grund der Burgen eingelegt finden,um die Unüberwindlichkeit solcher Schutz- und Trutzgebäudezu sichern.
Von kriegerischen Abentheuern sey nun billig vorerst dieRede. Ihr größter Held Marko, der mit dem Kaiser zu Adria-nopel in leidlichem Verhältniß steht, kann als ein rohes Gegen-bild zu dem Griechischen Hercules, dem Persischen Rnstanauftreten, aber freilich in Scythisch höchst barbarischer Weise.Er ist der oberste und unbezwinglichste aller Serbischen Helden,von gränzenloser Stärke, von unbedingtem Wollen und Voll-bringen. Er reitet ein Pferd hundertundfunfzig Jahre undwird selbst dreihundert Jahre alt; er stirbt zuletzt bei vollkom-menen Kräften und weiß selbst nicht, wie er dazu kommt.
Die früheste dieser Epochen sieht also ganz heidnisch aus.Die mittlern Gedichte haben einen Christlichen Anstrich; er istaber eigentlich nur kirchlich. Gute Werke sind der einzige Trostdessen, der sich große Unthaten nicht verzeihen kann. Die ganzeNation ist eines poetischen Aberglaubens; gar manches Ereig-niß wird von Engeln durchflochten, dagegen keine Spur einesSatans; rückkehrende Todte spielen große Rollen; auch durchwunderliche Ahnungen, Weissagungen, Vögelbotschaften werdendie wackersten Menschen verschüchtert.
Ueber alle jedoch und überall herrscht eine Art von unver-nünftiger Gottheit. Durchaus waltet ein unwiderstehlichSchicksalswesen, in der Einöde hausend, Berg- und Wälderbewohnend, durch Ton und Stimme Weissagung und Befehlertheilend, W i la genannt, der Eule vergleichbar, aber auchmanchmal in Frauengestalt erscheinend, als Jägerin höchst schöngepriesen, endlich sogar als Wolkensammlerin geltend, im all-gemeinen aber von den ältesten Zeiten her, wie überhaupt allessogenannte Schicksal, das man nicht zur Rede stellen darf, mehrschadend als wohlthätig.
In der mittlern Zeit haben wir den Kampf mit den über-Hand nehmenden Türken zu beachten bis zur Schlacht vomAmselfelde, 1389, welche durch Verrath verloren wird, worauf