Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Auswärtige Literatur und Volkspoesie.

627

Da fleucht ein Murmeln durch den Kreis:Ein Kind ist's dort,

Das Männer nicht zu führen weißMit Fürstenwort." ,

Doch Frithiof auf das Schildrund schwangDas Kind sogleich:

Schaut! von der Eiche, die da sank,Grünt hier ein Zweig!

Küßt drauf die Stirn dem Königssohn,Und stumm entlangDer Heide, fern entschwand er schonMit stillem Gang.

Serbische Lieder.

1824 .

Erkennt im holden KindesbildDen Stamm, so hehr;

Er fühlt so leicht sich auf dem Schild,

Wie Fisch im Meer.

Ihm schützen will ich vor GefahrSein Reich und Land,

Und setz' ihn: einst Rings Krön' auf's HaarMit eigner Hand.

Forsette, BaldurS hoher Sohn!

Ich rufe dich

Zum Zeugen! weich' ich je davon,Zerschmettre mich!"

Der Knab' indeß auf blankem StahlSaß stolz vertraut,

Dem jungen Aar gleich, der zum StrahlDer Sonne schaut.

Doch ward zuletzt dem jungen BlutDas Warten lang,

Daß er miteins im raschen MuthZur Erde sprang.

Da laut rief's aus der Schaar vom Ting,All gleich gesinnt:

Dich küren wir! Werd' einst wie Ring,Du Schildeskind!

Und bist du groß, soll dieser dirZur Seite stehn.

Jarl Frithiof, dir vermählen wirDie Mutter schön."

Doch der schaut finster drein und spricht:

's ist Konigswahl,

Nicht Hochzeit heut die feir' ich nichtNach fremder Wahl.

»Zum Zwiesprach muß ich jetzo gehnIn Baldurs Hain,

Mit meinen Nornen: denn sie stehnUnd warten mein.

Ein Wort mit jenen SchildjungfraunHab' ich im Sinn,

Die unter'm Baum der Zeiten baun,

Und drüber hin.

Noch zürnt der Gott mit lichtem HauptUnd klarem Blick.

Nur Er, der mir die Braut geraubt,

Giebt sie zurück."

Schon seit geraumer Zeit gesteht man den verschiedeneneigenthümlichen Volksdichtungen einen besondern Werth zu,es seh nun, daß dadurch die Nationen im ganzen ihre Ange-legenheiten, auf große Staats-und Familienverhältnisse, aufEinigkeit und Streit, auf Bündnisse und Krieg bezüglich, über-liefern , oder daß die einzelnen ihr stilles häusliches und herz-^ liches Interesse vertraulich geltend machen. Bereits ein halbes! Jahrhundert hindurch beschäftigt man sich in Deutschland ernst-! lich und gemüthlich damit, und ich leugne nicht, daß ich unter! diejenigen gehöre, die ein auf diese Vorliebe gegründetes Stu-dium unablässig selbst fortsetzten, auf alle Weise zu verbreitenund zu fördern suchten; wie ich denn auch gar manche Ge-dichte, dieser Sinnes- und Gesangesart verwandt, von Zeitzu Zeit dem reinfühlenden Componisten entgegenzubringennicht unterließ.

Hierbei gestehen wir denn gerne, daß jene sogenanntenVolkslieder vorzüglich Eingang gewinnen durch schmeichelndeMelodien, die in einfachen, einer geregelten Musik nicht anzu-^ passenden Tönen einherfließen, sich meist in weicher Tonart^ ergehen, und so das Gemüth in eine Lage des Mitgefühls ver-setzen, in der wir, einem gewissen allgemeinen, unbestimmten' Wohlbehagen, wie den Klängen einer Aeolsharse hingegeben,i mit weichlichem Genusse gern verweilen und uns in der Folgeimmer wieder sehnsüchtig danach zurückbestreben.

Sehen wir aber endlich solche Gedichte geschrieben oderwohl gar gedruckt vor uns, so werden wir ihnen nur alsdannentschiedenen Werth beilegen, wenn sie auch Geist und Ver-stand, Einbildung und Erinnerungskraft aufregend beschäftigen,und uns eines ursprünglichen Volksstammes Eigenthümlichkeitenin unmittelbar gehaltvoller Ueberlieferung darbringen, wennsie uns die Localitäten, woran der Zustand gebunden ist, unddie daraus hergeleiteten Verhältnisse klar und auf das bestimm-teste vor die Anschauung führen.

Indem nun aber solche Gesänge sich meist aus einer späternZeit Herschreiben, die sich auf eine frühere bezieht, so verlangen! wir von ihnen einen angeerbten, wenn auch nach und nach! modificirten Charakter, zugleich mit einem einfachen, den^ ältesten Zeiten gemäßen Vortrag; und in solchen Rücksichten^ werden wir uns an einer natürlichen, kunstlosen Poesie nur' einfache, vielleicht eintönige Rhythmen gefallen lassen.

Von gar Mannichfaltigem, was in dieser Art neuerlich mit-getheilt worden, nennen wir nur die Neugriechischen, die bisin die letzten Zeiten heraufreichen, an welche die Serbischen,obgleich alterthiimlicher, gar wohl sich anschließen, oder viel-mehr nachbarlich ein- und übergreifen.

Nun bedenke man aber einen Hauptpunkt, den wir her-vorzuheben nicht verfehlen: solche Nationalgedichte sind einzeln,außer Zusammenhang, nicht füglich anzusehen noch weniger zubeurtheilen, am wenigsten dem rechten Sinne nach zu genießen.