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Auswärtige Literatur und Volksxoeste.
andern Kleid unvermuthct wieder erblicken, so war es auchmir zu Muthe, als ich die bekannten und anerkannten Ser-bischen Gedichte in Englischer Sprache wieder las. Sie schienenein neues Verdienst erworben zu haben; es waren dieselbigenGestalten, aber wie in einem andern Gewände.
Herr Bowring hat uns schon im Jahre 1821 ebenfallsmit einer Russischen Anthologie beschenkt, wodurch wir mitjenen entfernten östlichen Talenten, von denen uns eine wenigerverbreitete Sprache scheidet, näher bekannt worden. Nichtallein erhielten dadurch berühmte Namen eine lebendigere Be-deutung, sondern wir lernten auch daraus einen Mann, deruns schon längst durch Liebe und Freundschaft verwandt war,Herrn Joukovsky, näher kennen und ihn, der uns bisherin zarten Gedichten freundlich und ehrend verpflichtet hatte,auch in der weitem Ausdehnung seines poetischen Erzeugenslieben und bewundern.
Allen denen, welche nun auch ostwärts ihre Blicke wendenund den Eigenthümlichkeiten der Slawischen Dichtkunst ihreAufmerksamkeit schenken, dürfen wir diese beiden Sammlungengar wohl angelegentlich empfehlen.
Böhmische Poesie.
1827.
Da wir hoffen, daß wahre Freunde der allgemeinen: Li-teratur oben belobte Recension der Serbischen Gedichte nach-sehen und sich daraus mit uns überzeugen werden, wie dieProdnctionen anderer Slawischen Sprachen unserer Aufmerk-samkeit gleichfalls höchst würdig sind, so dürfen wir die ernsteGesellschaft des vaterländischen Museums in Böhmenhierdurch wohl dringend erjnchen, in der durch ihre Sorgfaltherauskommenden Monatsschrift, wovon zwei Hefte voruns liegen, die Mittheilung Böhmischer Gedichte, und zwarder uralten sowohl als ihrer Nachbildungen, nicht wenigerwas in den neuesten Formen von Inländern gerichtet worden,freundlichst fortzusetzen. Es wird dieß das sicherste Mittelseyn, sich mit dem großem deutschen Publicum zu verbinden,indem, was das übrige betrifft, man zunächst für das Vater-land zu arbeiten bemüht ist.
Die Entdeckung der Königinhofer Handschrift, die unsganz unschätzbare Reste der ältesten Zeit bekannt machte, giebtHoffnung, daß dergleichen sich mehr auffinden werden, umderen Mittheilung wir um so dringender bitten, als sich indem Bolksgesang von solchen vorchristlichen und erstchristlichenAeußerungen einer halb rohen und doch schon den zartestenGefühlen offenen Nation nichts erhalten haben möchte. In-dessen danken wir für die Bruchstücke aus dem epischen GedichteWlasta von Carl Egon Ebert, nicht weniger für Horimirund dessen Roß Schimek von Professor An ton Müller.
Einigen der in deutscher Uebersetzung schon so wohlkingendenSonette von Kollar wünschten wir auch wohl einmal dasBöhmische Original zur Seite beigefügt zu sehen. Dieß würdejenen Wunsch, die Slawische Sprachkunde auch in die deutscheLiteratur hereinzuführen, befördern und erfüllen helfen.
Amazonen in Böhmen.
Die über kriegerische Frauen in Böhmen mir öfters zu-gegangenen allgemeinen fabelhaften Nachrichten umständlicherzu erforschen und den Gedichts - und Geschichtsfreunden näherzu bringen, habe ich mir folgendes vergegenwärtigt. Libussamit ihren zwei Schwestern, sie, die jüngste, als Königin, dieandern beiden als bedeutend im Staate, scheinen den Grundzu einem Weiberregiment gelegt zu haben, indem sie sich desgünstigen Vorurtheils für die geistigen Vorzüge ihres Ge-schlechts bedienten und durch Klugheit die Männer zu be-schwichtigen wußten.
Dieses Uebergewicht war zu groß, so daß rohere, derbereMänner, zuletzt ungeduldig, die Königinsich zu verheirathennöthigten, wodurch aber jene Gynäkokratie keineswegs aufge-hoben ward, sondern sich vielmehr, zur Opposition genöthigt,befestigte.
Hier mögen nun die von Frauen besetzten festen Plätze denNachbarn sehr unbequem gewesen seyn, und so lange Kriegund Streit gewaltet haben, bis endlich die Mannskraft sichwieder in ihre Rechte eingesetzt.
Freilich gründen sich diese Gedanken nur auf eine Chroniken-legende, und wir wollen ihnen nicht mehr Werth geben, alsin sofern alles, was sich auf Sagen gründet, doch immer einigeAchtung verdient.
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p<ir 1. kiro-I>naovi,os. 6enövo 1827.
1828.
Wer diese wichtige Schrift in die Hand nimmt, und sichdaraus gründlich und schnell zu belehren wünscht, der fangesogleich unten auf S. 67 zu lesen an und fahre fort bis zumAbschnitt auf S. 87. Hat er vernommen und beherzigt, wasder Verfasser auf diesen wenigen Blättern vortrug, hat ergeahnt und durch eigenen Geist vervollständigt, was nicht ge-sagt, aber deutlich genug angedeutet ist, so wird er den Schlüsselzu dem übrigen Werke und zu allem, was sonst über^ Neu-griechische Literatur zu sagen ist, sich zugeeignet haben. Mögeder Vertrag, den wir nach unserer Weise davon versuchen, mitErnst und Bedacht ausgenommen werden.
Gehen wir in die ältern Zeiten des Byzantinischen Kaiser-thums zurück, so erstaunen wir über die hohe Würde, überden mächtigen Einfluß des Patriarchen von Constantinopelauch auf weltliche Dinge. Thron sehen wir neben Thron,Krone gegen Krone, Hirtenstab über dem Scepter; wir sehenGlauben und Lehre, Meinung und Rede überall, über allesherrschen. Denn nicht allein die Geistlichkeit, sondern die ganzeChristliche Welt hatte von den letzten heidnischen SophistenLust und Leidenschaft überkommen, mit Worten statt Hand-lungen zu gebahren, und statt umgekehrt das Wort in That zuverwandeln, Wort und Redensweise zu Schutz und Schirmals Vertheidigungs - und Angriffchvaffe zu benutzen. WelcheVerwirrung des östlichen Reichs daher entsprungen, welcheVerwicklung und Verwirrung dadurch vermehrt worden, istden Geschichtskundigen nur allzu deutlich; wir aber sprechendieses nur mit wenigen Worten aus, um schnell zum Anschauenzu bringen, wie die priesterliche Gewalt sich durchaus den